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SENDETERMIN Sa, 17.6.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Auswanderung Schlager und Schwarzbrot in Afrika

SWR2 Wissen: Radio Akademie | Aus der 10-teiligen Reihe: "Das neue Deutschland" (5). Von Jan-Philippe Schlüter und Dirk Asendorpf

Über 100.000 Deutsche ziehen jedes Jahr ins Ausland - manche für immer. Sie gelten als fleißig, ordentlich, leicht ruppig. Viele pflegen, was sie für deutsche Tradition halten.

Deutsche Schlagernacht in Namibia

Eine Horde deutscher Schlagerstars, die 8.000 Kilometer von der Heimat entfernt die Wüste zum Beben bringt! Klingt surreal? Ist es aber nicht. Auch wenn das mit der Wüste ein bisschen übertrieben ist. Seit vier Jahren findet in Namibias Hauptstadt Windhoek an einem Wochenende die Deutsche Schlagernacht statt. Und weil es im provinziellen Windhoek sonst nicht viel Kultur gibt, wird das die Partynacht des Jahres für die deutsche Minderheit Namibias.

Heino-Konzert

Schlagerstar Heino pflegt auch in Afrika deutsches Kulturgut

Simone Eick, Leiterin des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven, erforscht und dokumentiert die Geschichte der deutschen Emigration. Eick berichtet: „Wenn man es hochrechnet, von 1683 bis heute, kommen wir auf ca. 12 Millionen ausgewanderte Deutsche. Auswanderung ist für Deutschland absolut charakteristisch, es ist schon immer Aus- und Einwanderungsland gewesen.“

In der größten Auswanderungswelle am Ende des 19. Jahrhunderts verließen jedes Jahr über 200.000 Deutsche ihr Land, auch heute sind es noch mehr als 100.000, die Jahr für Jahr Deutschland den Rücken kehren. Der Migrationsforscher Klaus J. Bade hat die Ursachen für Migration analysiert: „Zum einen ökonomische und soziale Gründe und auf der anderen Seite sind es religiöse, konfessionelle, weltanschauliche Gründe. Außerdem gibt es politische Gründe.“

Auswandern als Entscheidung fürs Leben

Bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts begann die Auswanderung am Kai eines Überseehafens, meist in Hamburg oder Bremerhaven. Die Museumsführerin erzählt: „Das war ein ganz wichtiger Moment für die Auswanderer, weil man von der Familie Abschied nahm. Es war nicht klar, ob man sie jemals wiedersehen würde. Insofern stellte man sich schon die Frage: Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Und was wird aus mir?“

Die Museumsführung erinnert an die Strapazen der Überfahrt – und an das Herzklopfen, das die Auswanderer erwartete, als Manhatten in Sichtweite kam. Nur auf Ellis Island durfte man von Bord gehen, der sogenannten "Insel der Tränen". Viele wurden zurückgeschickt. Laut Museumsdirektorin Simone Eick hatte das auch seine Gründe: „Die deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts waren nicht beliebt in den USA. Das lag vor allen Dingen an unterschiedlichen kulturellen Traditionen.  Benjamin Franklin hat zum Beispiel schon gesagt: Warum lernen sie nicht Englisch? Diese Nicht-Integration wurde stark kritisiert.“

Deutsche Emigranten am Hamburger Hafen

Deutsche Emigranten am Hamburger Hafen

Heute ist das Bild, das sich die Einwanderungsländer von den Deutschen machen, deutlich positiver. Das liegt vor allem an Deutschlands wirtschaftlicher Stärke. Deutsche Unternehmen sind schon lange auf allen Kontinenten vertreten, auch am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika. Um die 600 deutsche Unternehmen haben sich hier angesiedelt, 90.000 Menschen beschäftigen sie direkt.

Das Mercedes-Benz-Werk in der Hafenstadt East London, Provinz Ostkap. 2010 wurde die Daimler-Niederlassung zur besten Autofabrik der Welt gekürt. Für die Kollegen in Deutschland mag das ein kleiner Schock gewesen sein: Die beste Autofabrik der Welt steht nicht in Wolfsburg, München oder Stuttgart, sondern in East London!

Deutsche Unternehmen bilden Arbeitskräfte selbst aus

Die Unternehmen bilden ihre Mitarbeiter selbst aus. „Die Basisausbildung in Deutschland, Lehre, Studium, ist wesentlich flächendeckender, als wir das hier haben. Deshalb qualifizieren wir unsere Mitarbeiter sehr stark, weil von extern keine qualifizierten Mitarbeiter bekommen“, sagt Rainer Ruess, der im Jahr der Auszeichnung die Fabrik in East London leitete.

Das gilt bis heute praktisch für alle deutschen Unternehmen im Ausland. Dass sie die Mühe auf sich nehmen, hat natürlich auch Gründe: In Mexiko, Brasilien, China oder Südafrika ist das Lohnniveau deutlich niedriger als in Deutschland. Teilweise locken attraktive staatliche Förderungen und die Produktion findet in der Nähe boomender Märkte statt. Auch in den USA wird die Stärke der deutschen Industrie bewundert.

Als während der Apartheid die weiße Minderheit an der Macht war und die nicht-weiße Bevölkerung unterdrückte, haben die deutschen Firmen Südafrika nicht verlassen. Schließlich haben sie nicht nur für Arbeitsplätze gesorgt, sondern auch den Gewerkschaften einen politischen Artikulationsraum gewährt. Den haben sie genutzt, um zu einer wichtigen politischen Stimme der unterdrückten schwarzen Bevölkerungsmehrheit zu werden.

Vermeintlich "deutsche" Traditionen im Ausland

Mit den deutschen Firmen kommen auch deutsche Mitarbeiter, manchmal bleiben sie für immer, manchmal aber auch nur für ein paar Jahre. Dort, wo es schon länger deutsche Auswanderer gibt, kommt ihnen einiges vertraut vor.

Fachwerkhäuser im Venezuelanischen Urwald

Fachwerkhäuser im Venezuelanischen Urwald

Ein kleiner Laden im Schatten der trutzigen braunen Bürohochhäuser in Johannesburgs Zentrum. Umgeben von indischen Supermärkten, äthiopischen Friseuren und afrikanischen Schnellimbissen. Auf dem Ladenschild zwei Tannenbäume, ein Weißbrot und eine Brezel. Schon seit 1935 gibt es die deutsche Bäckerei in Johannesburg. In der „Black Forest Bakery“ geht den weißbrotgeplagten Deutschen in Johannesburg das Herz auf. Bis zu 50 Leute produzieren in zwei Schichten Brot und Kuchen. Vom Vollkornbrot bis zur Laugenbrezel, von der Schwarzwälder-Kirsch-Torte bis zum Apfelstrudel.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Auswanderung meist eine Entscheidung für den Rest des Lebens. Inzwischen ist das anders. 20 bis 25 Prozent der Auswanderer entscheiden sich irgendwann für die Rückkehr. Simone Eick hat nach den Gründen gefragt: „Bei vielen ist die Antwort: Heimweh. Heute haben viele einen Job, für den sie ins Ausland gehen, meistens Akademiker, Facharbeiter. Und die Möglichkeit zurückzukehren wird doch immer mitgedacht.“

Wobei zwei Dinge auffallen, wenn sich die Menschen im Ausland ein Bild Deutschlands machen. Erstens sind es fast immer bayrische Traditionen, die für deutsch gehalten werden. Lederhosen und Oktoberfest werden gerne für ein gesamtdeutsches Phänomen gehalten. Und zweitens scheint das Deutschlandbild mitunter vor 40 Jahren eingefroren zu sein. Vor allem jüngere Auswanderer fühlen sich unter Auslandsdeutschen oft wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit.

Deutsche Folklore als Erfolgsmodell

Wirtschaftlich rentiert sich das deutsche Image – und das nicht nur bei zugewanderten, sondern auch bei den einheimischen Gästen. Besonders krass hat Simone Eick das in den USA erlebt: „Wenn Außenstehende bestimmte Gerichte sich rauspicken und das dann als etwas typisch Deutsches wahrnehmen, dann haben wir schnell diese Entwicklung hin zur Folklore, die bewusst instrumentalisiert wird als Marketing.“

Die deutsche Sängerin Deena Herr - wurde als Studentin Popstar in Uganda

Die deutsche Sängerin Deena Herr - wurde als Studentin Popstar in Uganda

Zurück nach Namibia. Um Punkt 19 Uhr wird die Bühne endlich von Scheinwerfern in gleißendes Licht gesetzt, die Deutsche Schlagernacht beginnt. Auch ein alter Meister der Deutschtümelei steht hier immer wieder auf der Bühne: Heino. Seine Lieder über Heimat, Treue und Kameradschaft werden von der deutschen Minderheit frenetisch gefeiert. Und stehen damit für ein Deutschlandbild, das nicht mehr aktuell ist, aber immer noch Sehnsüchte beim konservativen Teil der Deutsch-Namibier weckt.

Den "Südwestern", wie sich viele Deutsch-Namibier selbst nennen, wird oft vorgeworfen, ein überholtes konservatives Deutschland-Bild zu pflegen. Die jüngere Generation emanzipiert sich davon aber zunehmend und wäre sicher auch ganz froh, wenn statt Schlagerbarden auch mal etwas frischere Künstler nach Windhoek kommen würden.

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