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Ein Mitarbeiter des Automobilherstellers Porsche im Werk der Porsche AG in Stuttgart an einem Fahrzeug vom Typ 911.

SENDETERMIN Sa, 3.6.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Wirtschaftsmacht "Made in Germany"

SWR2 Wissen: Radio Akademie | Aus der 10-teiligen Reihe: "Das neue Deutschland" (3). Von Uwe Springfeld

Wenig Arbeitslose und viel Export prägen die deutsche Wirtschaft. Doch könnte sie innovativer sein. Und Skandale bei Siemens, Deutscher Bank oder VW schaden dem Ansehen.

Wirtschaftskrise? Nicht in Deutschland. Die Beschäftigung erreicht einen Rekordstand, ebenso der Export. Ökonomen sehen den Grund im deutschen Wirtschaftssystem: einem Mix aus Global Player und mittelständischen Unternehmen, eine duale Ausbildung, eine erfolgreiche Forschung. Allerdings: Durch den VW-Skandal hat das Label "Made in Germany" gelitten, und als innovationsfreudig gilt die deutsche Wirtschaft auch nur begrenzt.

Ehemals "kranker Mann der EU"

In den 1980er und 90er Jahren befürchteten Ökonomen, Deutschland könnte den Anschluss an die führenden Wirtschaftsnationen der Welt verlieren und damit das Wettrennen um Märkte. Um die Jahrtausendwende sprach man von Deutschland als dem wirtschaftlich kranken Mann der Europäischen Union.

Die arbeits- und rohstoffintensiven Textil- und Elektroindustrien wanderten nach Asien ab. Die roboterintensive Automobilindustrie und die forschungsintensive chemische Industrie blieben. Und auch die Mittelständler. Trotz Konferenzen, Workshops, Seminaren und Weiterbildungsangeboten von Wirtschaftskammern und -verbänden scheuten viele von ihnen damals den Schritt nach Asien. Ihnen waren die Kulturen zu fremd, ein Umzug zu heikel, das Geschäft zu risikoreich.

Ein Mann flext Metall

"Made in Germany" hat bisher einen guten Ruf. Doch das gute Image bröckelt.

Dann, 2008, stürzte die Lehman-Pleite die Welt in die Finanz-, nur ein Jahr später Griechenland die EU in die Eurokrise. Seitdem verzeichnet Deutschlands Exportwirtschaft einen Rekordüberschuss nach dem anderen. So hoch, dass im Ausland Ängste erwachten. Die Kritik am deutschen Exportüberschuss nahm zu. Die Forderung: Deutschland soll das Plus zurückschrauben. Die dahinterstehende Befürchtung: wegen der Finanz-, dann der Ukraine- und schließlich der Flüchtlingskrise könnte Deutschland sein wirtschaftliches Gewicht in die politische Waagschale werfen und sich zur vorherrschenden Macht im vereinten Europa entwickeln.

Worauf beruht Deutschlands starke Wirtschaft tatsächlich? Ist der Erfolg nur Zufall, weil damals Teile der Industrie den großen Asien-Umzug nicht mitmachten? Oder machen handfeste Strukturen die deutsche Wirtschaft stark?

Global Players und Hidden Champions

Einige Strukturen kennt man, die der deutschen Wirtschaft ein robustes Fundament geben. Zum einen die Mischung aus global agierenden Konzernen wie Siemens, Volkswagen, BASF und Bayer und mittelständischen Unternehmen. Die einen sind Global Player, die anderen Hidden Champions, in ihrer kleinen Nische versteckte Weltmarktführer. Diese Hidden Champions treffen sich dann in den Wirtschaftsverbänden und -kammern und können spartenübergreifende Probleme besprechen. Den Fachkräftemangel beispielsweise.

Die deutsche Wirtschaft verfügt über starke Strukturen und eine gut organisierte Ausbildung, aber sind das die einzigen Gründe für ihre globale Stärke? Hat nicht auch die Eurokrise dazu beigetragen?

Viel Geld für angewandte Forschung

Während die Sparmaßnahmen in Griechenland zu massiven Einschnitten im Sozial- und Rentenbereich führten und öffentliche Investitionen fast zum Erliegen kamen, sprudeln in Deutschland die Geldquellen. Statt für Schulden zu zahlen, erhält der Finanzminister 2017 Geld von seinen Gläubigern dafür, Vermögen in Deutschland anlegen zu dürfen. Einsparnisse, die unter anderem in öffentliche Wirtschafts- und Forschungsprogramme fließen.

Industrie will bessere Kooperation zwischen Unis und Wirtschaft

Die Einsparnisse in Deutschland sollen öffentlichen Wirtschafts- und Forschungsprogrammen zugute kommen

Die Innovationskraft der Wirtschaft ist eng verknüpft mit den Wissenschaften. Und die Forschung für die Industrie lässt sich die Bundesrepublik Deutschland einiges kosten. Mit der Fraunhofer-Gesellschaft leistet sie sich Europas größte Organisation für angewandte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen.

Aber: Auf öffentlich finanzierter Forschung allein lässt sich kein Industriezweig aufbauen. In der Photovoltaik zum Beispiel ist Deutschlands Forschung Weltspitze. Doch als die Förderung Anfang des Jahrzehnts zurückgeschraubt wurde, zeigten sich die Solarunternehmen erschreckend durchsetzungsschwach gegenüber der Konkurrenz aus China. Es gelang ihnen nicht, mit Qualität zu punkten.

Betrugsfälle und unlautere Geschäftspraktiken

Genügen gute Forschung, gute Ausbildung und günstige Umstände für eine boomende Wirtschaft? Oder braucht es mehr?

Haben unlautere Geschäftspraktiken System in Deutschland? 2013: Das Bundeskartellamt verhängt Bußgelder gegen Lebensmittel- und Süßwarenhersteller. Sie haben die Preise für Tafelschokolade abgesprochen. 2014: Ein Wurstkartell von 21 Herstellern fliegt auf. Die beteiligten Unternehmen haben die Preise von Schinken und Brühwurst abgesprochen. Das Bundeskartellamt verhängt Rekord-Bußgelder. 2016: Als im Jahr der Fußballeuropameisterschaften der Bierkonsum steigt, fliegt ein Bierkartell großer Handelsketten auf. Sie haben die Preise für einige Premiummarken abgesprochen.

Das persönliche Risiko ist gering, dass Mitglieder von Aufsichtsrat und Vorstand eingehen. Sofern sich unter ihnen überhaupt ein Verantwortlicher ermitteln lässt, liegen die Urteile meist im Bereich von Geld- und Bewährungsstrafen. Wenn es überhaupt so weit kommt.

Ein Auspuff eines Volkswagen, das VW-Konzerngebäude im Hintergrund

In Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig, Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen, gegen ehemalige Vorstandsmitglieder von Volkswagen wegen Betruges

Sind deutsche Großkonzerne too big to fail, zu groß und zu relevant für die deutsche Wirtschaft, um sie wirklich hart anzugehen? Macht das die Chefetagen zu rechtsfreien Räumen, in denen Gesetze ihre Gültigkeit und Sicherheitsorgane ihre Macht verlieren? Dabei ist fraglich, ob sich Geschäftspraktiken wie die der Betrugssoftware für VW und der Zinsmanipulation für die Deutsche Bank überhaupt lohnen.

Die deutsche Wirtschaft ist fragiler als sie scheint

Für Deutschland steht einiges auf dem Spiel. Das Vertrauen der Kunden in Produkte „made in Germany“ könnte massiv Schaden nehmen. Die deutsche Wirtschaft ist fragil. Fragiler, als es 2017 den Anschein hat. Zwar fußt sie auf starken Strukturen: fundierte Ausbildung der Facharbeiter, eine solide, eng angebundene Wissenschaft. Aber wie sieht es aus mit der Innovationskraft, dem Aufbau neuer Wirtschaftszweige? Solarenergie und Biotechnologie sind zwei in fetten Jahren vertane Chancen.

Immer wieder problematisieren Politiker aus dem Ausland den deutschen Handelsüberschuss. Zuletzt 2017, zum wiederholten Mal die Europäische Union und nun auch US-Präsident Donald Trump. Er behauptete mit Blick auf Deutschland, die USA würden durch unfaire Geschäftspraktiken ausgeraubt. In der Folge sank der Deutsche Aktienindex, der deutsche Maschinenbau meldete ein erwartetes Auftragsminus fürs Folgejahr. Hinzu kommt der Brexit. 2017 ist das Ende der fetten Jahre absehbar. Dann wird es bitter. Nicht auf den Vorstandsetagen, sondern dort, wo man das Risiko fürs Unternehmen trägt. Bei den Mitarbeitern.

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