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Kultur Checker Crowdfunding

SENDETERMIN Sa, 18.6.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen: Radio Akademie Geld von der Crowd

Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (7)

Crowdfunding – einer der vielen neuen Begriffe im Gefolge der Sharing Economy. Versucht man Crowdfunding zu übersetzen, kommt Schwarmfinanzierung heraus. Schwarmfinanzierung heißt, dass viele Menschen viele kleine Geldbeträge zusammenlegen, um gemeinsam Projekte, Startups oder Privatkredite zu finanzieren.

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Fast jedes zweite Projekt, das auf der Internetseite der deutschen Crowdfunding-Plattform Startnext aufgeführt ist, bekommt das Geld zusammen. Darunter sind auch Projekte, die auf den ersten Blick wenig erfolgsversprechend wirken – wie die Kampagne von Michael Bohmeyer.

12.000 Euro wollte Michael Bohmeyer von der Crowd haben. Das Geld wollte er an eine unbekannte Person verlosen, die ein Jahr lang jeden Monat 1.000 Euro bekommen sollte. Als Gegenleistung sollte sie der Crowd erzählen, was das Grundeinkommen bewirkt. 54.000 Euro bekam Michael Bohmeyer für sein Experiment zusammen, verteilt auf mehrere Tausend Einzelbeträge.

Kredit bewilligt und Geld

Wagniskapital ist in Deutschland knapp und nur wenige Gründer bekommen etwas ab, besonders schlecht stehen die Chancen für kleine Startups

Auf dem klassischen Finanzmarkt hätte der Berliner Sozialwissenschaftler und Gründer eines Online-Shops vermutlich keinen einzigen Cent für seine Idee bekommen – als ob stattdessen jedoch Menschen bereit wären, Geld für andere Menschen zu geben, ohne dass sie selbst was davon haben.

Vielseitiges Spektrum an Projekten

In den gut fünf Jahren, in denen Startnext besteht, haben 6.700 Projekte und Sozialunternehmen ihr Glück beim Crowdfunding versucht. Die Hochburg der Bewegung ist Berlin. Dort, im vierten Stock eines alten Kreuzberger Gewerbehofes, sitzt auch ein großer Teil des Startnext-Teams. Bei den Städten unter einer Million Einwohner führt Dresden die Statistik an. Hier hat Denis Bartelt die Crowdfunding-Plattform gegründet. Zusammen mit seinem Kompagnon Tino Kreßner.

Ursprünglich wollten Denis Bartelt und Tino Kreßner mit ihrer Plattform Kulturprojekte unterstützen: Kunst, Musik, Theater, Literatur und Medien. Doch die Nutzer erweiterten das Spektrum einfach. Heute gibt es Crowdfunding-Projekte in 21 Kategorien. Manche Leute sammeln Geld für Spiele, andere möchten einen Laden eröffnen, der ohne Verpackungen auskommt, oder eine Nähwerkstatt für Flüchtlinge starten.

Montage: Hand legt 100 Euro-Schein in Sammelbüchse mit Aufschrift "Crowdfunding"

Noch ist die Crowdfunding-Gemeinde klein, aber es gibt erste spektakuläre Projekte, etwa in der Wissenschaft

Dieses Prinzip ist auch ein erster Markttest. Denn die Crowd gibt nur dann Geld, wenn sie das Projekt gesellschaftlich wichtig findet oder wenn sie das Produkt haben möchte, das mit dem gesammelten Geld hergestellt werden soll. Grundeinkommensaktivist Michael Bohmeyer sieht darin eine große Stärke des Crowdfundings.

Kritische Investoren

Damit wächst den Bürgern und Bürgerinnen neben der vielbeschworenen Rolle als kritischer Konsument eine weitere Rolle zu: die der kritischen Investoren. Noch ist die Crowdfunding-Gemeinde klein. Aber es gibt erste spektakuläre Projekte, etwa in der Wissenschaft.

So stellte die Crowd dem niederländischen Studenten Boyan Slat im Herbst 2014 mehr als zwei Millionen Dollar zur Verfügung, um ein Verfahren zu testen, mit dem er Plastikmüll aus den Ozeanen fischen will. Er hat dazu eine aufblasbare Barriere mit herabhängenden Netzen entwickelt, die den Plastikmüll auf einer Strecke von 50 Kilometern einfangen sollen.

Startnext-Logo

In den gut fünf Jahren, in denen Startnext besteht, haben 6.700 Projekte und Sozialunternehmen ihr Glück beim Crowdfunding versucht

38.000 Menschen fanden die Idee so gut, dass sie sich beteiligten. Auch ein internationales Forschungsprojekt zu einer seltenen und aggressiven Form von Blutkrebs hat die Crowd schon angestoßen. Hier sind auch Mediziner aus Würzburg beteiligt. Neben diesen gemeinnützigen Projekten entwickelt sie sich gerade zu einem wichtigen Förderer von Startup-Unternehmen. Diese Variante der Schwarmfinanzierung heißt Crowdinvesting.

Funding, Investing und Lending

Die Gewinne werden zum Teil per Vertrag an die Schwarminvestoren ausgeschüttet, denn anders als beim Crowdfunding geht es beim Crowdinvesting auch ums Geld. Der größte Vorteil aber ist natürlich, dass Startup-Unternehmen dank einer Schwarmfinanzierung überhaupt an Geld kommen können. Denn Wagniskapital ist in Deutschland knapp und nur wenige Gründer bekommen etwas ab. Besonders schlecht stehen die Chancen für kleine Startups.

Menschen, die Geld in riskante Startups stecken oder anderen ein Grundeinkommen finanzieren – es scheint, als fördere die Schwarmfinanzierung eine ganz neue Solidarität zutage. Das gilt auch für die dritte Variante des Crowdfundings: das Crowdlending, das es seit 2007 in Deutschland gibt. Dabei können sich Menschen beim Schwarm Geld leihen.

Lisa Altmeier und Steffi Fetz - Crowdspondent

Lisa Altmeier und Steffi Fetz haben zusammen Crowdspondent gegründet, eine Wortschöpfung aus Crowd und Korrespondent - inzwischen ist ihr erstes Buch "Nix wie Heimat" erschienen

Auch das Crowdlending läuft über Internetplattformen. Die drei Großen der Branche sind Auxmoney, Smava und Lendico. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Crowdfunding und Crowdinvesting: Der potenzielle Kreditnehmer stellt seinen Kreditwunsch ein und die Investoren geben an, welchen Teil der Summe sie beisteuern wollen.

Schwarmkredite sind teuer

Kommt das Geld zusammen, wird der Kredit ausbezahlt. Reichen die Zusagen der Crowd nicht aus, geht der Kreditnehmer leer aus. Auch hier gilt es, Transparenz und Vertrauen zu schaffen. Die Plattformbetreiber ermitteln aus den Angaben, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kreditnehmer das volle Geld zurückzahlt.

Oft fällt die Bewertung eher schlecht aus. Das liegt daran, dass sich vielfach Menschen um einen Schwarmkredit bewerben, die nur wenig Sicherheiten bieten können. Bei den Crowdlending-Plattformen gibt es zwar auch keine Garantie, dass das Geld zusammenkommt, aber anders als bei den Banken besteht zumindest eine Chance.

Zelt mit Plan

Die Zwillingsbrüder Paul und Hansen Hoepner brachen 2012 zu einer Radfernreise von Berlin nach Shanghai/China auf - die Kosten bekamen sie unter anderem durch Crowdfunding zusammen

Allerdings sind Schwarmkredite teuer. Allein die Anbahnung und die Abwicklung kosten fast vier Prozent. Ironischerweise geht davon auch ein Teil an eine Bank, weil die Plattformen keine Kreditverträge schließen dürfen. Dann kommen die Zinsen hinzu, denn die Schwarminvestoren erwarten ja eine Rendite. Wie hoch sie ist, hängt von der Bonität ab, mit der die Plattform das jeweilige Projekt bzw. Unternehmen bewertet.

Irgendwie kommt das Geld zusammen

Bei der schwächsten Bonität liegen die Zinsen bei gut 16 Prozent, jemand mit der besten Bonitätsnote zahlt knapp 5 Prozent. Das gilt selbst für gemeinnützige Projekte und soziale Unternehmen. Am Ende interessiert sich die Crowd mehr für den materiellen Ertrag als für Partyeinladungen, Gutscheine oder andere eher symbolische Dankeschöns.

Tatsächlich registrieren die einzelnen Crowd-Mitglieder den Verlauf der Kampagnen sehr genau. Dass Projekte und Startups, von denen die Crowd überzeugt ist, an den letzten hundert oder tausend Euro scheitern, ist selten. Irgendwie kriegt der Schwarm das Geld zusammen. Und auch die Plattform wird vom Schwarm bedacht. Und zwar so reichlich, dass Startnext mittlerweile zwölf Mitarbeiter hat.

Münzen werden aufgeschichtet

Beim Crowdlending leiten die Plattformbetreiber eine Zwangsvollstreckung ein, wenn das Projekt scheitert - doch beim Crowdfunding und Crowdinvesting geht die Crowd leer aus

Und was passiert, wenn Projekte oder Startups scheitern, nachdem sie finanziert wurden? Beim Crowdfunding und Crowdinvesting geht die Crowd leer aus. Beim Crowdlending leiten die Plattformbetreiber eine Zwangsvollstreckung ein, wobei das Geld natürlich trotzdem verloren sein kann. Und was passiert, wenn der Schwarm missbraucht wird und es weder Projekt noch Dankeschön gibt?

Weiter gute Tendenzen

Die Plattform-Betreiber hoffen, dass die hohe Transparenz und der große Aufwand potenzielle Betrüger abschrecken. Und wie sieht die Zukunft der Schwarmfinanzierung aus? Im Moment konsolidiert sich die Branche. Erste Plattformen haben aufgegeben und das Crowdinvesting stand zwischenzeitlich sogar ganz auf der Kippe, weil Politiker das Kleinanlegerschutzgesetz verschärfen wollten.

Das ist vom Tisch, wohl auch, weil die Politik das Potenzial erkannte. Dafür machen die Niedrigzinsen dem Crowdlending zu schaffen. Insgesamt aber zeigt die Tendenz nach oben. Noch ist die Crowd ein kleiner Player auf dem Finanzmarkt. Aber wegzudenken ist sie auch nicht mehr.

Grundeinkommensaktivist Michael Bohmeyer hat inzwischen 34 Grundeinkommen verlost und einen Verein gegründet. Sein neuestes Projekt ist eine Online-Plattform, die sich gegen die Sanktionspraxis der Jobcenter wendet. Auch diese hat die Crowd mit 150.000 Euro unterstützt.

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