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Demonstration gegen Gewalt und Rassismus

SENDETERMIN Sa, 23.7.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen: Radio Akademie Das Miteinander teilen

Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (12). Von Silvia Plahl

Die moderne Gesellschaft ist heterogen. Selbst unter dem Dach eines Mehrfamilienhauses leben unter Umständen Menschen mit unterschiedlichsten Lebensstilen und Weltanschauungen. Auch die sozialen Medien bringen Menschen in Kontakt, die sonst nichts voneinander mitbekämen. Das Teilen eines gemeinsamen Raums erfordert eine aktive Auseinandersetzung mit dem anderen. Dann ist Kommunikation gefragt - oder Rückzug.

250 Menschen drängen in den Gemeindesaal der Evangelischen Lukas-Kirche in Steglitz-Zehlendorf. Sie wollen reden. Darüber, dass der Berliner Senat zwei Schulsporthallen in ihrer Nachbarschaft als Notunterkünfte für geflüchtete Menschen beschlagnahmt hat.

Rede und Antwort stehen sollen der Staatssekretär für Flüchtlingsfragen, der Bezirksbürgermeister, die betreuenden Sozialträger – und ein Schulleiter sowie der Präsident des Fechtclubs, denen jetzt ein Sport- und Trainingsort fehlt. Der Moderator nennt die Spielregeln.

Man ist sich einig über den Verlauf der nächsten zwei Stunden: Ängste und Emotionen auf konkrete Anliegen richten. Die Argumente "der anderen" anhören. Den Blickwinkel weiten. Kompromisse verhandeln und gemeinsam neue Schritte überlegen.

Flüchtlinge in Notunterkunft auf Feldbetten

Flüchtlinge in Notunterkunft - das bedeutet: Menschen müssen auf engstem Raum miteinander leben lernen.

Demokratie leben?

Zwei Stunden für den gemeinsam zu lebenden Alltag. Im Berliner Bezirk mit dem größten Willkommensbündnis für geflüchtete Menschen. Schon oft haben Sympathisantinnen und Sympathisanten der Partei AfD – auch sie sind sehr zahlreich im Bezirk – diese Willkommensarbeit lautstark kritisiert.

Zwei Stunden, die im einen Moment aufwühlen, an anderer Stelle wieder beruhigen, die eine Sitzreihe optimistisch stimmen, die andere frustriert zurücklassen. Die ganze Bandbreite und ein Wechselbad der unterschiedlichen Gefühle. Hier trifft ein Konglomerat an Menschen, an Befindlichkeiten, Positionen und Emotionen aufeinander. Getrieben von dem Wunsch nach mehr Gemeinschaft.

Armin Nassehi, Soziologieprofessor in München, stellt fest: Die moderne Gesellschaft ist äußerst heterogen. Selbst auf kleinem Raum – in einem Viertel, in einem Mietshaus, einer Schulklasse oder in einem Betrieb begegnen sich Menschen, die nur wenig miteinander verbindet.

Lose Verbindungen

Nassehi spricht von unserer Gesellschaft auch als einer "mit beschränkter Haftung". Er hält es für einen zentralen Aspekt, dass unsere gesellschaftlichen Verbindungen untereinander "lose sind. Oder eben vielfältig. Pluralistisch. Die Gesellschaft ist für den Soziologen keine große Gemeinschaft. Wir begegnen uns, sagt er, in „losen Kopplungen“.

Doch der Wunsch nach mehr ist auch vorhanden: Auf dem Land in der engeren Dorfgemeinschaft wird sowieso seit langem versucht, die Gemeinsamkeit zu pflegen, bei Festen und in der Feuerwehr, in der Theatergruppe und im Sportverein.

In den Städten ist es immer noch möglich, in der Anonymität zu leben. Doch der soziale Raum muss auch hier geteilt werden. Dabei prallen zwangsläufig unterschiedliche Interessen sowie unterschiedliche moralische und ästhetische Wertesysteme aufeinander.

Eine ausgeschnittene Papierkette bildet eine Menschengruppe.

Ein gemeinschaftliches Miteinander ist für eine Gesellschaft überlebensnotwendig.

Regeln und Grenzen

Ob in solchen Konflikten Reden oder Schweigen besser ist, dafür gibt es keine allgemein gültige Regel. Im Zeitalter der elektronischen Kommunikationstechniken scheinen diese Grenzen sowieso klammheimlich zu verschwinden – zu dem was man „mal sagen sollte“ und dem, was noch gesagt werden darf.

Im Netz sind neue Räume entstanden, die unabhängig sind von der Geographie. Die sozialen Medien bringen Menschen in Kontakt, die sonst nichts voneinander mitbekämen: Die Kollegin, die ausländerfeindliche Sprüche postet. Der Vereinskumpel mit seinen sexistischen Witzen. Hier prallen die Wertesysteme oft noch krasser aufeinander.

Zugleich fungiert das Internet als Spielwiese einer alles umfassenden Wir-Kultur. Denn andererseits verbindet man sich weltweit, unterstützt und finanziert Projekte von privat zu privat im Crowd-Funding. Man attackiert sich aber auch scheinbar grenzenlos, mit Hasstiraden, sogenannter Hate Speech oder in einem Shit-Storm. Wer legt sie fest, die Richtlinien für diese scheinbar grenzenlose Meinungsvielfalt?

Zivilcourage im Netz

Rassistische Sprüche oder ein Aufruf zum Mord sind keine Kavaliersdelikte, sie müssen strafrechtlich verfolgt werden. Hier gelten die Gesetze. Und viele Bürgerinnen und Bürger fordern hier mehr Konsequenz. Aber auch ein betont aggressiver Meinungsaustausch geht manchen oft zu weit. Sie erleben dann die destruktive, zerstörende Wirkung auf das Miteinander.

Ein Willkommensbündnis, eine Kirchengemeinde oder eine Online-Redaktion können hier entschieden agieren, sie können ihre Kommunikationsregeln anpassen, die Grenzen ihrer Toleranz immer wieder neu definieren und sich am Ende auf ihr Hausrecht berufen. Was macht hingegen die Privatperson? Hassmails nicht lesen und sofort löschen? Dies dient dem Selbstschutz, aber oftmals nicht dem Seelenfrieden.

In der milliardengroßen Weltgemeinschaft auf Facebook rief die Geschäftsführerin Sheryl Sandberg zur Zivilcourage im Netz auf und dazu, Extremismus zu bekämpfen und sich gegen Hass-Postings zu wehren. Counterspeech – Gegenhalten ist ihre Devise – nicht ganz uneigennützig: Streit in sozialen Netzwerken belebt deren Geschäft.

Logos von Sozialen Netzwerken, wie Facebook, Twitter, YouTube und co.

Soziale Netzwerke werden für Hassbotschaften genutzt

Verteilen von Gemeinsamkeiten

Die Anthropologin Birgitt Röttger-Rössler setzt stattdessen ein Wortspiel ein: Miteinander teilen bedeutet immer: das Miteinander teilen. Es ist somit immer auch ein Verteilen von Gemeinsamkeiten.

Freundschaften zu haben und freundschaftliche Beziehungen zu pflegen, auch im Internet, ist zudem vielen mittlerweile nahezu ebenso wichtig wie die Familie. Wer sich hier und dort miteinander verknüpft, erzeugt laufend neue Verhältnisse untereinander. Mit einer solchen lockeren Haltung zueinander ist es auch automatisch einfacher, mit der Verschiedenheit umzugehen.

Man muss sich nicht gegenseitig erziehen. Man kann sich auf Augenhöhe und mit Taktgefühl begegnen. Dann unterhält man sich auch weiterhin mit der früh aufstehenden Nachbarin, der jungen raumgreifenden Mutter – und sogar mit dem Vater, der seine Töchter nicht aus dem Haus lässt. Und verweist im letzten Fall auch auf den Common Sense des Grundgesetzes.

Wer trägt den Konflikt aus?

Die Rechte der Töchter sind beispielsweise nicht verhandelbar, sagt Birgitt Röttger-Rössler. Diesen Konflikt müsse aber nicht unbedingt die Privatperson ausfechten, man verweist dann doch besser an beteiligte Institutionen wie zum Beispiel die Schule.

Währenddessen versucht der Community-Manager im Internet weiter zu moderieren und löscht beleidigende und diffamierende Kommentare. Hinzu kommt aber auch: Im Privaten sei es oft wichtiger, in die Debatte einzusteigen. Fragen zu stellen und durch Information Angst und Unsicherheiten zu nehmen.

Eine Erfahrung, die auch ein vierfacher Familienvater aus dem Unterallgäu gemacht hat. Als er sein leer stehendes Elternhaus als Unterkunft für dreizehn junge Asylsuchende vermieten wollte, stellte sich der Mann vor die aufgeregte Dorfgemeinschaft. Auf der er versichert: Wenn es ein Problem gibt, könne man ihn anrufen, oder direkt auf ihn zukommen, dann könne man das Thema gleich lösen. Er erklärte sich bereit, auch zu jedem ins Haus zu kommen.

Ist das Bedürfnis zu teilen in uns Menschen angelegt?

Ist das Bedürfnis zu teilen in uns Menschen angelegt?

Angebote

Doch soweit kam es nie. Die jungen Männer aus Syrien – einer von ihnen ist Christ – sind zur Fronleichnamsprozession im Dorf gegangen: Teilen auf Augenhöhe, ein neues Miteinander miteinander ausprobieren.

Die Frauen im Dorf, die zuvor große Ängste hatten, gründeten einen Helferinnenkreis – und eröffneten eine Kleiderkammer. So schafft die teilende Gesellschaft sich auch selbst neue Möglichkeiten, das Miteinander zu teilen. 

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