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SENDETERMIN Sa, 4.6.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen: Radio Akademie Geteiltes Wissen

Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (5)

Geteiltes Wissen sei halbes Wissen, unkten viele, als die Wikipedia entstand. Inzwischen bedient sich auch die Wissenschaft dieser Enzyklopädie, an der Forscher selbst mitschreiben. Wissen pflanzt sich dank Internet und der Öffnung von Bibliotheken und durch die Bildung sozialer Netze auch über andere Kanäle fort. Eine neue Generation von Informatikern untersucht, wie sich Informationen und Meinungen in diesen Netzen verbreiten und ob man Vorhersagen treffen kann, welche Informationen sich durchsetzen.

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Schon immer wurde Wissen auf diese Weise geteilt: Ich sag dir was, was du nicht weißt; du sagst mir was, was ich nicht weiß. Aber bis vor Kurzem hätte niemand von einer "teilenden Wissensgesellschaft" gesprochen. Das hat sich durch die sozialen Netze des Internets geändert.

Die wissenschaftliche Welt wird immer englisch-sprachiger. Die Forscher sprechen bei der Zusammenarbeit von "Sharing". Bei "Shared Science" geht es nicht um zerkleinernde Kleinteiligkeit, sondern um Handreichung.

Das Wort "teilen" funktioniert nur mit dem Zusatz, den die Berliner Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann nennt: "Man teilt Ressourcen, über die man verfügt."

Mann benutzt einen Computer.

Zum Teilen von Wissen gehört insbesondere "Open Science", also eine Wissenschaft, die sich der Gesellschaft gegenüber öffnet, statt in ihrem Elfenbeinturm vor sich hin zu forschen

Es zeichnet sich ab, dass das "Sharing" tatsächlich qualitative Einflüsse auf den Wissenschaftsbetrieb hat. Manche Entwicklungen erschüttern Forschung und Wissenschaft regelrecht.

Teilen von Wissen pur

Den Anfang damit machte vor 15 Jahren ein bescheidener Versuch, ein Lexikon zu schreiben, bei dem jeder, gern auch anonym, mitmacht: Keiner steht über dem anderen. Ein promovierter Biologe hat so wenig Autorität wie der Eisenbahnfreak. Keiner verdient daran. Es ist Teilen von Wissen pur.

Kaum jemand gab diesem Projekt Anfang der 2000er-Jahre eine Chance. Heute blüht es – und hat ganz nebenbei eine ganze Buchgattung abgeschafft – die der gedruckten Lexika. Das Projekt heißt: Wikipedia.

Das Landesarchiv Baden-Württemberg teilt über 300.000 Objekte aus seiner Sammlung mit der Deutschen Digitalen Bibliothek, zum Beispiel spätmittelalterliche Landkarten, Strafprozessakten aus dem 19. Jahrhundert, oder: aus dem Staatsarchiv Freiburg, diesen dreisprachigen Wandanschlag der Alliierten, der die Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 auffordert, ihre Telefone und Rundfunkgeräte anzumelden.

Open Science

Die Sozialforscherin Martina Franzen beschäftigt sich mit dem Teilen von Wissen. Dazu gehört insbesondere "Open Science", also eine Wissenschaft, die sich der Gesellschaft gegenüber öffnet, statt in ihrem Elfenbeinturm vor sich hin zu forschen.

Ein Mann zeichnet verschiedene Symbole, wie Email, Web-Clouds, Dropbox, neben ein Sicherheitsschloss.

Schafft man es, eine Publikation in einem hochrangigen Journal mit einem sogenannten hohen Impact Factor unterzubringen, werden bestimmte Benefits ausgebaut

Wenn wissenschaftliche Artikel veröffentlicht werden, ist das zwar eine Art Öffnung. Aber solange die Daten, die hinter dem Projekt stecken – die Statistiken, Befragungen, Messungen usw. – nicht öffentlich gemacht werden, bleibt der Herstellungsprozess von Wissen intransparent.

Die Sozialwissenschaftlerin gehört der Forschungsgruppe "Wissenschaftspolitik" an. Sie sieht in der Öffnung der Forschung für alle große Umbrüche. Open Science – offene Wissenschaft – ist ein radikaler Trend.

Infragestellung des akademischen Systems

Er stellt auch eine Art Grundwährung bei wissenschaftlichen Arbeiten infrage, den sogenannten "Peer Review", bei dem anonyme Experten anonyme Gutachten abliefern, von denen ganze Karrieren abhängen. Peer Review ist das interne Selbstregulationsinstrument der Wissenschaft.

Peer bedeutet eigentlich Gleichgesinnter auf ähnlichem Niveau. Kollegen beurteilen beim Peer Review die eingereichte wissenschaftliche Arbeit. Aus Gründen der Neutralität bleiben sie anonym. Der Autor soll nicht wissen, wer ihn beurteilt und darüber entscheidet, ob der Artikel veröffentlicht werden kann. Er darf auch die Gutachten der Kollegen nicht einsehen.

Schafft man es, eine Publikation in einem hochrangigen Journal mit einem sogenannten hohen Impact Factor unterzubringen, werden bestimmte Benefits ausgebaut. Das heißt, es werden beispielsweise Beförderungen möglich, Berufungsentscheidungen hängen von hochrangingen Publikationen ab.

Beobachtungsforen für Peer Reviews

Jetzt gibt es viele Gründe, die Qualität des Peer Reviews anzuzweifeln, sodass aus der Community selbst ein Bedürfnis entstanden ist, dort für mehr Transparenz zu sorgen und nicht nur die Identitäten offenzulegen, sondern auch die Gutachten.

Democracy

Der Veröffentlichungsdruck ist so groß, dass im Kopf junger Akademiker wenig Platz für Open Science ist, auch nicht für Open Access

Besonders bekannt ist das Blog "Retraction Watch": Ein Beobachtungs-Forum im Internet für wissenschaftliche Artikel, die nach der Offenlegung von Daten und Gutachten zurückgezogen werden mussten.

Eine teilende Wissenschaft, so Martina Franzen, funktioniert nicht, wenn die Reputation, also das Ansehen des Forschers, allein vom Impact Factor abhängt, also davon, wie oft er in großen Zeitschriften veröffentlicht hat und wie oft diese Veröffentlichungen von anderen zitiert werden.

Kein Platz für Wissenschaft

Der Veröffentlichungsdruck ist so groß, dass im Kopf junger Akademiker wenig Platz für Open Science ist. Auch nicht für Open Access. Mit Open Access, englisch für offener Zugang, sind Internetplattformen gemeint, wo man seine wissenschaftlichen Arbeiten hochladen und damit ein Millionenpublikum von Lesern erreichen – kann.

Die in der Wissenschaftswelt weit bekannte Plattform für Open Access, die Public Library of Science, stellt sich selbst so vor: "Wir sind ein gemeinnütziger Herausgeber und Anwalt von Open Access-Forschung mit bislang über 140.000 Artikeln, samt Peer Reviews."

Alle Inhalte sind kostenlos, sie können frei verteilt, wieder benutzt und remixt werden. Der Remix eines Texts entsteht, wenn man ihn mit anderen Texten zusammenmischt. Damit entsteht ein neuer Text, den man bei Open Access durchaus auch neu veröffentlichen kann. Open Access ist hier so radikal wie sein Name: offener Zugang als eine sehr offene Form des Urheberrechts.

Kreative Allgemeingüter

Creative Commons, sinngemäß "kreative Allgemeingüter", sind eine radikale Idee, die durch die Wikipedia bekannt und weit verbreitet wurde. Jedes Bild, jeder Ton, jedes Video und alle Texte in der Wikipedia genügen dem Rechtsrahmen der Creative Commons; das heißt, sie können beliebig kopiert und wiederverwendet werden, ohne dass irgendwelche Kosten und Lizenzgebühren anfallen.

Junge Frau mit Apple iPhone 5s

Unter dem sonnigen Begriff "Sharing" laufen durchaus schattige Entwicklungen, etwa wenn Internetgiganten in sogenannten Entwicklungsländern tätig werden, um ihre Marke zu stärken – unter dem Vorwand, freies Wissen für jedermann bereitzustellen

Nur der Autor muss in der Regel genannt werden. Geteiltes Wissen hat viele Aspekte. Auch die Industrie schmückt sich gern mit dieser Offenheit. Unter dem sonnigen Begriff "Sharing" laufen durchaus schattige Entwicklungen, etwa wenn Internetgiganten in sogenannten Entwicklungsländern tätig werden, um ihre Marke zu stärken – unter dem Vorwand, freies Wissen für jedermann bereitzustellen.

Große Anbieter wie Google und Facebook versuchen, den Internetzugang im globalen Süden dadurch zu verbessern, indem sie umsonst Dienstleistungen anbieten. Das bedeutet, dass sich Nutzer, die sich sonst keinen Zugang zum Internet leisten können, einen begrenzten Zugang auf bestimmte Dienste wie etwa Facebook, Wikipedia, aber auch BBC und Google haben, das aber im Rahmen von sogenannten "Walled Gardens".

Grenzen im Netz

Das heißt, sie kommen von diesen Plattformen oder Webseiten nicht weg, sondern können nur das nutzen, was ihnen dort angeboten wird. Der Preis, den sie dafür bezahlen, ist, dass sie nicht verschlüsseln dürfen und alle ihre Daten über die Server dieser Anbieter geleitet werden.

Die Problematik betrifft auch den Bildungs- und Wissenschaftsbereich, wo große Firmen - auch schon zu Zeiten vor dem Internet - sich massiv einmischten, um sich selbst zu schmücken.

Ernüchterung: Solange Hierarchien und alte Karriereleitern nicht abgebaut werden, greift die teilende Wissensidee nur schwach. Selbst "Open Source" – die freie Software, an der alle mit programmieren können und die unter anderem zu den weit verbreiteten Betriebssystemen Linux und Android führte, stößt an ihre Grenzen.

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