Bitte warten...
Menschen im Büro formell gekleidet

SENDETERMIN Fr, 15.12.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Moderne Personalführung Psychologie am Arbeitsplatz

SWR2 Wissen. Von Hardy Tasso

Flexible Arbeitszeiten, Mitbestimmung, Tisch-Kicker im Büro - damit versuchen Arbeitgeber, Mitarbeiter zu motivieren. Doch letztlich geht es auch darum, die Firma noch effizienter zu machen. Handelt es sich also nur um Psycho-Tricks, um Beschäftigte noch mehr auszubeuten?

60 Prozent aller Arbeitenden sind unzufrieden mit ihrem Arbeitsplatz. Studien zeigen, dass mehr als ein Viertel aller deutschen Arbeitenden bereits innerlich gekündigt haben. Kann man denen denn gar nicht helfen? - Man kann!
"Human Resource Management" heißt wörtlich: Verwaltung des Rohstoffes Mensch. Schöner klingt: moderne Personalführung. Der Zweck ist derselbe: Menschen sollen freiwillig länger, engagierter, motivierter, kreativer arbeiten. Wirtschaftspsychologen haben dafür zahlreiche Methoden entwickelt.

1. Angewandte Psychologie: Das "Matching" und "Framen"

Julia Hassmann beispielsweise ist Abteilungsleiterin für Human-Resource-Entwicklung und Weiterbildung bei der IT-Beratungsfirma "msg" in München. Die msg hat 2017 in der Gruppe von Firmen mit über 1.000 Mitarbeitenden den zweiten Preis im Branchenwettbewerb "Beste Arbeitgeber in der Informations- und Telekommunikationstechnik" gewonnen.

Würfel mit der Aufschrift "Great Place to Work" - Sitzgruppe bei msg München

"Great Place to Work" - Sitzgruppe bei msg München

Vor allem für Teamgeist und Fairness in der Firma. Dazu gehören Freundschaften unter Kollegen, Teambildung am Arbeitsplatz, Gruppen-Arbeit in der Werkhalle: alles angewandte Psychologie im Betrieb. Aber Gruppenarbeit am Arbeitsplatz wird von Arbeitspsychologen durchaus zwiespältig betrachtet – allerdings nicht, weil sie schlecht funktioniert, sondern weil sie zu gut funktionieren könnte. Daneben wird es bei Gruppenarbeiten immer wieder Mitarbeiter geben, die sich nicht einbringen können, weil sie nicht gut mit anderen zusammenarbeiten können und dadurch blockiert werden könnten.

"Framen" heißt: etwas einrahmen, den Rahmen setzen. Im Unternehmen setzt die Firmenleitung den Rahmen - zum Beispiel, wer mit wem zusammenarbeiten muss: Was man auf Dating-Plattformen als Matching-Algorithmus kennt, wird im Human-Resource-Management längst verwendet, um Mitarbeiter miteinander zu "matchen". "Matchen" bedeutet: Passendes zusammenführen.

2. Lieblingsarbeitsplatz

Nicht nur Menschen müssen zueinander passen, auch die Arbeitsumgebung muss stimmen. Muss stimulieren: Das coole Arbeits-Biotop – oder: "„Alles so schön hell hier!", "Willkommen im Arbeits-Paradies" – könnte man zum Beispiel denken, wenn man Microsofts neue Deutschland-Zentrale in München-Schwabing betritt, die 2016 eröffnet wurde. Offen und hell und riesig. Die Empfangshalle, das Atrium. Rechts ein kleines Café, die "Digital Eatery".

Sitzsäcke im Atrium bei Microsoft München

Sitzsäcke im Atrium bei Microsoft München

Links ein weites Podest mit großen Sitzsäcken, darauf die Aufschrift: "Lieblingsarbeitsplatz". Vom Sitzsack aus blickt man drei Stockwerke hinauf zu den gläsernen Büro-Etagen, schaut dann durch das weite Glasdach bis zum Himmel. Mitten drin hängen bunte Banner und verkünden Microsofts Erfolge und Werte. Offenheit und Vertrauen: Das gesamte Gebäude spiegelt diese Philosophie wider. Zusätzlich bietet das Unternehmen seinen Mitarbeitern die Möglichkeit selbst zu entscheiden, wo und wann sie arbeiten. Microsoft nennt das "Vertrauens-Ort" und "Vertrauens-Zeit". Für viele Arbeitnehmer ist dies ein kleiner Anfang, Beruf und Privatleben miteinander zu versöhnen.

3. Selbstverantwortung – oder: "Du bist der Betrieb!"

Doch Profit bleibt das alte neue Zauberwort. Und dafür haben sich Firmen noch ganz andere Methoden der Personal-Führung einfallen lassen: Selbstverantwortung. André Hellmann ist Inhaber und Geschäftsführer der "netzstrategen" im "Alten Schlachthof". Das Unternehmen hat gut 30 Mitarbeiter in Karlsruhe, Barcelona und Köln, berät Firmen zu Fragen digitaler Medien, führt Bildungsseminare durch und entwickelt Software, meist fürs Internet.

Ein leerer Schreibtisch, auf dem ein Headphone und eine Tastatur liegt.

Verantwortung, Transparenz, Mitbestimmung machen einen Arbeitsplatz für viele Mitarbeitende lebenswert

Hellmann erklärt, intern gibt es totale Transparenz. Jeder Mitarbeiter kennt den Umsatz, den Ertrag, den Kontostand des Unternehmens. Jeder weiß, welche Projekte wie laufen. Das heißt, am Ende trifft jeder die Entscheidung, die er optimal für das Unternehmen findet, da ist laut Hellmann wenig Regulierung nötig.

Verantwortung, Transparenz, Mitbestimmung machen einen Arbeitsplatz für viele Mitarbeitende lebenswert. Andererseits können Unternehmen genau diese Mittel einsetzen, um ihren Betrieb besser zu lenken.

4. Die gute Führung – oder: "Wie erziehe ich meinen Chef?"

Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning empfiehlt, Führungskräfte darin zu schulen, dass sie Verantwortung nach unten abgeben. Und zusätzlich muss der Arbeitnehmer hoffen, dass der Chef die Erkenntnisse der Wissenschaft akzeptiert und sein Verhalten ändert. Uwe Kanning relativiert: "Sie können davon ausgehen, dass in der Personalabteilung und in der Geschäftsführung deutscher Unternehmen Forschungsergebnisse chronisch ignoriert werden."

Zwei Männer in Anzügen streiten lautstark und gestikulierend in einem Büro.

Wie erzieht man den Chef?

Warum also sind Menschen an ihrem Arbeitsplatz zufrieden? Weil die Kollegen meist nett sind, die Werkshallen schön hell und die Büros lustig bunt? Ist die Tätigkeit überhaupt nicht langweilig und der Chef immer für alle da? Und dürfen sogar die Ziele der Firma mitbestimmt werden? Oder sind das alles nur Psycho-Tricks, mit denen Ihr Betrieb ja doch nur seinen Profit steigern will - und das Befinden der Belegschaft ist dem Chef reichlich egal?

Die Psyche hacken

Der Philosoph Rainer Mühlhoff steht den neuen Wegen der Personal-Führung kritisch gegenüber: Worauf es hier ankommt, ist zu sehen, dass diese Maßnahmen vor allem eines machen, nämlich deinen subjektiven Eindruck, deine subjektive Erfahrung bei der Arbeit so subtil zu modulieren, dass du das Gefühl hast, Spaß bei der Sache zu haben. Und das, was du für deine eigene Motivation hältst, das hängt massiv von dem Rahmen ab, in den du da gesteckt wirst. Dieser Rahmen, der macht ein großes Hacking auf der Ebene deiner Psychologie. Man könnte sagen, Human-Resource-Management bedeutet, die Psyche zu hacken.

Weitere Themen in SWR2