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Wie wir uns erinnern

SENDETERMIN Do, 8.2.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

Pionier der Gruppendynamik Der Psychologe Kurt Lewin

SWR2 Wissen. Von Brigitte Kohn

Der Psychologe Kurt Lewin war ein Zeitgenosse Sigmund Freuds, arbeitete aber völlig anders als sein Kollege. Im Zentrum seiner Forschung stand lange Zeit die Gruppendynamik.

Kurt Lewin wird 1890 im ostpreußischen Mogilno geboren, das heute zu Polen gehört. „Wütender Hering“ nennen die Geschwister den lebhaften, eigenwilligen Jungen. Wie viele andere Juden, die dem ländlichen Antisemitismus entfliehen wollen, zieht die Familie 1905 in die weltoffene Großstadt Berlin.

Raum als psychologisches Medium

Psychotherapeutische Forschung ist damals an der Universität noch gar nicht verankert, und dieses Arbeitsgebiet interessiert Lewin auch nur am Rande. Er will die akademische Psychologie auf ein modernes wissenschaftliches Fundament stellen und schreibt ihr das Prinzip des Experiments ins Stammbuch¬: damit sie Anschluss findet an den Erfolg der modernen Naturwissenschaften.

Lewin konzentriert sich auf die Psychologie der Handlung, des Willens und der Affekte und beginnt, komplexe Probleme der Motivation in alltagsnahen Versuchsanordnungen experimentell zu untersuchen. Die Barrieren und Ziele, die dem Verhalten die Richtung geben, müssen nicht notwendig materieller Natur sein.

Einfluss durch moderne Physik

Auch Träume, Wünsche, Hoffnungen, Ängste - alles, was im Inneren der Person eine Rolle spielt - sucht sich als Kraft seine Richtung im Raum. Raum ist für Lewin das Medium, in dem sich Verhalten konkretisiert, und zwar nicht der vergangene oder der zukünftige, sondern allein der gegenwärtige Raum.

Lewin ist von der modernen Physik beeinflusst, von Galileo Galilei bis Albert Einstein. Die moderne Naturwissenschaft entdeckt die konstanten und allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten des physikalischen Raumes: das Gesetz der Schwerkraft, dynamisch bewegte elektromagnetische Felder und Gravitationsfelder.

Forschung in den USA

1933 kommen die Nationalsozialisten an die Macht, Lewins Mutter wird im Konzentrationslager Sobibor ermordet, er selbst flieht mit Frau und Kindern in die USA. Er ist immer offen für Neues, kann sich schnell anpassen, seine Begeisterung für die amerikanische Demokratie ist groß.

An der Universität von Iowa beschäftigt er sich erneut mit Entwicklungs- und Erziehungspsychologie. 1937 und 1938 führen Lewin und seine Mitarbeiter die berühmten Erziehungsstil-Experimente durch. Sie wollen herausfinden, wie sich verschiedene Führungsstile auf die Gruppenatmosphäre auswirken. Zehn- und 11jährige Jungen sollen in verschiedenen Gruppen zusammen basteln, Theatermasken zum Beispiel.

Ausschluss von Kindern

In den autokratischen Gruppen bestimmen die Leiter allein über den Ablauf der Bastelarbeiten und verteilen Lob und Tadel ohne Begründung. In den demokratisch geführten Gruppen lassen die Leiter die Kinder mitentscheiden, bieten aber Anregung und Struktur. Und hinzu kommt noch eine Gruppe nach dem Laisser-faire-Muster, in welche der Leiter kaum eingreift.

Die Kinder in der autokratischen Gruppe taten sich nicht gegen ihren Führer zusammen, sondern gegen eins der Kinder und behandelten es so schlecht, dass es nicht mehr in den Klub kam. Das geschah während der 12 Sitzungen mit zwei verschiedenen Kindern.

Stärke von Gruppen

Engagiert und munter zeigen sich die Kinder jedoch nur unter demokratischer Führung. Führung muss also sein, schlussfolgert Lewin, aber alle müssen mitwirken dürfen; der demokratische Führungsstil ist der beste. Womit er auch das Regierungssystem der USA wissenschaftlich zweifelsfrei bestätigt sieht. Heute finden viele Psychologen Lewins Schlussfolgerungen eindeutig zu pauschal.

Doch die Organisation einer Gruppe ist für Lewin nicht dasselbe wie die Organisation der Individuen, aus denen sie zusammengesetzt ist. Die Stärke einer Gruppe, die sich aus sehr starken Persönlichkeiten zusammensetzt, ist nicht notwendig größer, sondern vielmehr häufig schwächer als die Stärke einer Gruppe, die eine Vielfalt von Persönlichkeiten enthält.

Eine Gruppe von Menschen sitzt im Gras und lächelt in die Kamera.

Zusammen mit Freunden unternimmt Familie Haßfeld viele Wanderungen durch die Landschaft Perus. Die Vielfalt des Landes hat die Familie sofort begeistert.

Aktionsforschung und Gruppendynamik

Lewin betreut auch Kommunen und soziale Einrichtungen, zum Beispiel Wohnprojekte, in denen Schwarze und Weiße zusammenwohnen. Er kommt nicht mit fertigen Konzepten, sondern begibt sich selbst in eine offene Situation, wird ein Teil des Veränderungsprozesses, macht die Klienten zu Experten in eigener Sache.

Aus der Praxis für die Praxis entsteht so ein Modell des sozialen Wandels, das in drei Phasen verläuft: Auflockern der bestehenden Strukturen, Hinüberleiten zu neuen Möglichkeiten, Verfestigen der neuen Strukturen. Intervention, Beratung und Training gehören zusammen.

Kurt Lewin gilt vielen als Musterbeispiel für einen engagierten Psychologen, der den Elfenbeinturm der Wissenschaft verlässt, sich hinaus in die soziale Welt begibt und sich einmischt. Er hat nie einen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis gesehen und den Rahmen der akademischen Psychologie immer wieder gesprengt. Doch bis heute spielen Aktionsforschung und Gruppendynamik an den Universitäten keine große Rolle.

Wirtschaftsunternehmen, aber auch Umwelt- und Friedensbewegung haben sich stärker dafür interessiert. Lewins Methoden sind vielseitig anwendbar, aber sie sind auch immer wieder auch kritisiert worden.


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