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Alter Schimpanse knabbert an einem Zweig

SENDETERMIN Mo, 16.11.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Psychische Erkrankungen bei Tieren

Schimpansen, für die der eigene Arm ein fremder Gegenstand ist, lethargische Orang-Utan-Kinder und abnorm aggressive wilde Elefanten? Das ist für Zoologen, Psychologen und Psychiater nicht länger einfach eine Sammlung aus dem Raritätenkabinett der Natur. Sie erkennen, dass dahinter Angst, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen der Tiere stehen, wie sie auch für Menschen bekannt sind. Und dass sie oft von Menschen verursacht sind.

Schimpansendame Puni - Kindheitstrauma Menscheneltern

Mirco Thiel, Direktor des Neuwieder Zoos, unternimmt mit seinem Team alles dafür, dass die Schimpansen so gut wie möglich nach Schimpansenart leben können. Aber eine von ihnen, die Schimpansendame Puni, hat damit so ihre Schwierigkeiten, berichtet er:

"Auffällig ist, dass Puni oft in der Ecke sitzt und dann mit dem Kopf hin und her wackelt. Das ist ganz klar eine Störung, die sie aus ihrer - ich sage immer - schweren Kindheit hatte, denn sie ist nicht schimpansentypisch aufgewachsen, und so etwas hinterlässt eben Spuren."

Der Zoodirektor erzählt, dass Puni als Kinderersatz in einer menschlichen Familie aufgewachsen sei. Zwar hätte sie sicherlich viel Liebe von ihren Pflegeeltern bekommen, aber so natürlich keine schimpansentypischen Verhaltensweisen erlernen können. Als Puni dem Kindesalter entwuchs, wurde sie für ihre Menschenfamilie schlichtweg zu gefährlich und an einen Tierhändler abgegeben, der Ende der Siebzigerjahre auch Besitzer des Neuwieder Zoos war. Ob Puni wegen ihrer schweren Kindheit noch leidet? Das kann niemand sagen. Schließlich kann niemand in sie hineinsehen. Dass es jedoch viele Tiere gibt, die schwere psychische Störungen von schlechter Behandlung und falscher Haltung davontragen - daran zweifeln Zoologen und Verhaltensbiologen nicht.

Die Schimpansin Ngila - Zoo Neuwied

Die Schimpansin Ngila wurde im Zoo Neuwied immerhin 55 Jahre alt - für Menschenaffen ein hohes Alter


Psychische Erkrankungen bei Affen

Dr. Signe Preuschoft, Spezialistin für Menschaffen, beschäftigt sich mit Affen, die noch viel größere Probleme haben als Puni: Derzeit leitet sie ein Wiedereingliederungsprojekt für Orang-Utan-Waisen auf Borneo. Zuvor hatte sie in Gänserndorf in Niederösterreich ein Resozialisierungszentrum für Schimpansen aufgebaut, die jahrzehntelang in kleinen Einzelkäfigen als Versuchstiere gehalten worden waren.

Signe Preuschoft von VIER PFOTEN in Borneo mit dem Orang Utan Heli

Signe Preuschoft von VIER PFOTEN in Borneo mit dem Orang Utan Heli

Psychische Erkrankungen bei Affen in Menschenhand seien keine Seltenheit, erläutert sie. Vor allem Zwangshandlungen oder Stereotypien werden oft beobachtet, so beispielweise das sogenannte 'floating limb syndrome':

"Das besteht darin, dass zum Beispiel die Hände ein Eigenleben entwickeln und durch die Gegend schweben und von dem Affen, dessen Arm oder Hand das ist, wie ein Interaktionspartner oder ein eigenständiges Wesen betrachtet werden. Die Extremität kann liebkost oder auch attackiert, geschlagen und gebissen werden. Das sind schon nahezu psychotische Störungen."

Schimpanse in Käfig

Gerade Tiere in Menschenhand sind anfällig für psychische Störungen, da sie sich häufig nicht artgerecht entwickeln können. Besonders gefährdet sind beispielsweise auch Affen, die als Versuchstiere gehalten werden.

Depressionen bei Tieren

Dass Tiere sich verhalten als hätten sie Depressionen, wissen Psychologen und Zoologen seit den Siebzigerjahren. Damals waren US-amerikanische Psychologen auf der Suche nach Wegen, wie sie Depressionen bei Menschen besser behandeln konnten. Sie hatten Hunden systematisch beigebracht, dass sie höchst unangenehmen Situationen nicht entkommen konnten. Später hätten sie dann entkommen können, aber die Tiere waren lethargisch. "Erlernte Hilflosigkeit" nennen Psychologen das seitdem. Dr. Signe Preuschoft erzählt, dass diese Verhaltensweise auch bei Affen häufig vorkommt: Bei ihrer Arbeit hat sie mit traumatisierten Oran-Utan-Waisenkindern zu tun.


Kann man psychische Erkrankungen von Tieren mit denen von Menschen vergleichen?

Im Verhalten ist ein depressiver Orang-Utan einem Menschen mit Depressionen nicht unähnlich. Aber kann man das bei Tieren wirklich sagen? Dass sie psychische Erkrankungen wie Menschen haben? Professor Martin Brüne, Psychiater an der Universitätsklinik in Bochum, meint dazu Folgendes:

"Das ist eine Frage, die ich schwierig zu beantworten finde, weil natürlich jede Art - unsere Art eingeschlossen - ein bestimmtes Repertoire an Verhaltensweisen, Ausdrucksweisen hat. Insofern ist die Vergleichbarkeit mit menschlichen psychischen Erkrankungen immer mit Vorsicht zu genießen. Relativ unstrittig ist, dass Tiere Depressionen haben können, dass sie krankhafte Angstzustände haben können und dass sie auch mit abnormer Aggressivität reagieren können."

Ein Waschbär gibt in einem Tierpark Kindern die Pfote

Das Verhältnis Mensch - Tier war und ist kein einfaches: Zum einen wurden viele wissenschaftliche Erkenntnisse durch Tierversuche gewonnen, andererseits versucht man nun psychische Probleme auf Tiere zu übertragen.

Woher weiß man, ob es einem Tier psychisch schlecht geht?

Eines der Forschungsgebiete von Professor Brüne ist die Frage, was man aus der Evolution über psychische Erkrankungen des Menschen lernen kann. Dafür untersucht er auch psychische Störungen bei Menschenaffen. Aber wie kann man bei Tieren erkennen, ob es ihnen psychisch schlecht geht? Martin Brüne erklärt das so:

"Man kann beispielsweise Untersuchungen des Stresshormons Kortisol machen. Das kann man in den Haaren oder im Kot bestimmen. Man findet heraus, dass gestresste Tiere, ähnlich wie gestresste Menschen, erhöhte Kortisolausschüttungen haben. Daraus kann man in gewisser Weise rückschließen, dass die Tiere auch leiden."

Beispiele gibt es nicht nur bei Menschenaffen. Die US-amerikanische Ökologin und Psychologin Dr. Gay Bradshaw fand beispielsweise heraus, dass sich posttraumatische
Belastungsstörungen auch bei Elefanten entwickeln können.

Junger Elefant

In Südafrika gibt es Elefanten, die sich gegenseitig töten. Bei diesen Tieren kann man die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung feststellen, so zum Beispiel eine Schwächung des Immunsystems oder Flashback-Erinnerungen.

Erste Hilfe für Orang-Utan-Babys

Aber wie behandelt man Angstzustände, Depressionen und andere psychische Belastungen bei Wesen, die nicht mit einem sprechen können? Dr. Signe Preuschoft weiß darauf folgende Antwort:

"Bei den Kleinkindern und Babys, die reinkommen, kann man natürlich schon direkt von Affe zu Mensch helfen, denn sie haben ja sozusagen das gleiche psychische Erbe wie wir auch. D.h., sie erwarten, herumgetragen zu werden, warm gehalten und in den Armen gehalten zu werden. Und wenn man ihnen das gibt und ein Umfeld schafft, in dem die sich nicht ängstigen, dann kommen sie wieder an Deck. Dann ist der erste Schritt gemacht und danach muss man sofort darauf achten, dass man sie nicht zu sehr vermenschlicht."

Orang Utan Überlebensprojekt auf Borneo

Orang Utan Überlebensprojekt auf Borneo

Sind die Menschen hauptverantwortlich für traumatisierte Tiere?

Gay Bradshaw zufolge sind psychische Störungen bei Tieren vor allem auf menschliche Einflüsse zurückzuführen. Aber ist die Natur nicht auch mitunter grausam? Ist es nicht letztlich egal, ob ein Tierkind seine Mutter durch den Angriff eines Löwen verliert oder ein Mensch die Mutter tötet und das Junge mitnimmt? In beiden Fällen sind es schwere Schocks, die auf Körper und Geist wirken, sagt Gay Bradshaw. Aber es ist nicht das Gleiche: Die Art von Gewalt, die Menschen auf Tiere ausüben, sei außerhalb dessen, worauf die Evolution sie vorbereitet habe.

Aus der Psychologie der Tiere und ihren Störungen können wir auch viel über unsere Beziehungen zu den Tieren lernen, meint Gay Bradshaw:

"Es hat schon eine gewisse Ironie, dass wir alles, über das ich hier rede, Neuropsychologie, Epigenetik, Psychiatrie, all diese Erkenntnisse der Wissenschaft, das klinische Wissen, Experimenten an Tieren verdanken, die wir an unserer Stelle untersuchen. Menschen haben so einen großen Einfluss auf diesen Planeten, dass wir sogar bei wilden Tieren psychiatrische Symptome erkennen. Das Wichtigste, was wir lernen sollten ist, nicht unsere psychischen Probleme und Ängste auf andere Tiere zu übertragen. Wir sollten lernen, uns selbst zu heilen, um nicht andere Tiere zu traumatisieren. Wir müssen uns einfach zurückhalten. Das ist die Hauptsache."

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