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Collage von Ziffernblättern von Uhren.

SENDETERMIN Mi, 2.11.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Wenn die Psyche aus dem Takt gerät Zeiterleben und seelische Gesundheit

SWR2 Wissen. Von Martin Hubert

Wir kennen alle diese Momente, in denen die Zeit scheinbar stillsteht, uns erdrückt oder unerbittlich nach vorne treibt. Die Gründe für die unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit sind dabei unterschiedliche: Manchmal sind Hirnvorgänge durcheinander geraten. Manchmal schlägt unsere Erinnerung uns ein Schnippchen. Oder das Zeitgefühl des Einzelnen passt nicht mehr zu dem Zeitrahmen, den die Gesellschaft vorgibt. Psychiater erkennen, dass solche Zeitprobleme mit Krankheiten wie Depression, Manie oder Schizophrenie zu tun haben. Sie fordern für die Therapie mehr Zeit und Ruhe.

Psychische Erkrankungen führen häufig zu einer Asynchronität zwischen dem Zeitempfinden der Umwelt und dem subjektiven Zeitempfinden der Patienten. Inzwischen beginnen Wissenschaftler genauer zu verstehen, wie dieses Zeiterleben funktioniert und wie störungsanfällig es ist. Der Ursprung dieser Störungen lässt sich dabei mittlerweile bis in die Schwingungen unseres Gehirns zurückverfolgen. Psychiater und Hirnforscher begeben sich damit auf die Spuren eines Symptoms, das wir alle kennen: Wenn wir an einer Bahnhaltestelle beim Warten auf den Zug stetig auf die Uhr schauen, scheint die Welt still zu stehen. Im Urlaub, zwischen Ausflügen und Restaurantbesuchen – wenn ein fremdes Land und die Zeit mit unsere Familie unsere Aufmerksamkeit ganz in Anspruch nimmt – vergeht die Zeit wie im Flug.

Subjektives Zeitempfinden – wenn Menschen aus dem Takt fallen

Einschlägige Beispiele für ein „Aus-dem-Takt-geraten“ bilden die konträr zueinander stehenden Zeitempfinden von depressiven und manischen Menschen: während ersterer sich als verlangsamt und die Welt als zu schnell empfindet, betrachtet letzterer die Welt mit großer Ungeduld. Er strebt euphorisch der Zukunft entgegen.

Kern einer Depression ist, so Thomas Fuchs, Wissenschaftler am Universitätsklinikum Heidelberg, die Erfahrung, die eigene Zukunft nicht mehr gestalten und mit den anderen nicht mehr mitkommen zu können. Das Gefühl, nicht mehr mithalten zu können, zurückzubleiben, kann auch als Gefühl der Beschleunigung der Umwelt des Patienten beschrieben werden. Studien zeigen, dass Depressive die Zeit als gedehnt wahrnehmen. Die negativ erfahrene Vergangenheit, die sie aus der Bahn geworfen hat, dehnt sich aus und dominiert ihr gegenwärtiges Erleben. Depressiven verschließt sich so die Zukunft. Sie neigen dazu, starr nach innen zu blicken und ihren antrieblosen Körper verstärkt wahrzunehmen. Sie können die Außenwelt nicht mehr bewältigen, fühlen sich dem Tempo nicht gewachsen.  

Läufer joggt über Wiese. Über ihm ziehen sich Wolken zusammen.

Manische Menschen wollen häufig schneller und höher hinaus, als es ihnen realistisch möglich ist. Die Welt ist ihnen zu langsam.

Die Manie ist zeitlich gesehen eine umgekehrte Depression. Manischen Patienten ist alles zu langsam, was ihre Mitmenschen tun. Studien zeigen, dass sie Zeitintervalle beschleunigt wahrnehmen. Vergangenheit und Gegenwart sind ihnen unwichtig. Sie sind allein auf die Zukunft fixiert. Dies macht Maniker euphorisch. Immer wieder geschieht etwas Neues, Aufregendes. Sie glauben, es gäbe keine Grenzen.

Was gebraucht wird? – Mehr Zeit.

In Skandinavien praktizieren einige Psychiater bereits seit Längerem erfolgreich eine Methode, die als „Open Dialogue“ bezeichnet wird. Sie beruht darauf, nicht wie üblicherweise so rasch wie möglich eine Diagnose zu erstellen und den Patienten danach standardmäßig zu behandeln. Vielmehr treffen sich dabei Patienten, Therapeut und Angehörige gleichberechtigt in Therapieversammlungen und bekommen die Zeit, sich auszusprechen. Der finnische Psychotherapeut Jaako Seikkula erklärt:

Unsere therapeutischen Effekte beruhen darauf, dass wir den Patienten Zeit geben, sehr präsent im Augenblick zu verharren. Dadurch sind sie in der Lage, auch sehr schmerzhafte Erfahrungen auszurücken, für sie sie bisher noch keine Worte fangen. Sie können diese Gefühle durchleben und werden dabei akzeptiert. Ich denke, das ist eine grundlegende therapeutische Erfahrung, die neue Diskussionsmöglichkeiten und Räume schafft.

Zwei junge Menschen spazieren an herbstlich gefärbten Bäumen entlang.

Spazierengehen als Therapie - Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen Zeit, um ihre innere Uhr zu justieren.

Die Patienten lernen über die Sitzungen zuzuhören. Sie lernen die Wahrnehmung ihrer Umwelt kennen und finden Zeit, über Abläufe, Zukunft und Vergangenheit zu reflektieren und – im Idealfall – sich wieder in die Balance zu bringen, sich mit ihrer Umwelt wieder stärker zu synchronisieren. In Skandinavien ist der "Offene Dialog" als Therapiemethode häufig Teil eines "Hometreatment"-Konzepts, in dem die Therapeuten die Patienten zu Hause, in ihrem gewohnten Umfeld, aufsuchen, um mit ihnen zu Arbeiten.

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