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"Neue Väter" müssen in ihre Rolle auch erst hineinwachsen

SENDETERMIN Sa, 18.2.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Die "neuen" Väter – eine Illusion?

Von Silvia Plahl

Crash-Kurse in den Kreißsälen für werdende Väter, das Papa-Café während der Elternzeit und Selbsthilfegruppen für die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Vaterschaft - Offerten für das Rollenmodell moderner Väter sind (zumindest in vielen Städten) mittlerweile vorhanden. Damit sich der Männerwandel vom Alleinernährer zum versorgenden Elternteil vollziehen kann, muss sich noch viel ändern: Erstarrte Geschlechterverhältnisse stehen immer noch im Weg.

Väter in Deutschland. Anfang Dreißig, Mitte Vierzig oder auch fünfzig Jahre alt. Sie wickeln ihre Kinder nach Feierabend oder sitzen mit ihnen ganze Vormittage lang in der Krabbelgruppe. Sie unterbrechen ihre beruflichen Karrieren – für einen Nachmittag am Fußballplatz oder für ein ganzes Jahr.

Sie unterstützen und entlasten die Mütter und versorgen ihre Familien. Sie sind anders, als ihre Väter es waren. So empfinden es jedenfalls die meisten. Dabei sehen sich die einen Väter auf dem richtigen Weg, während sich die anderen in einer dauerhaften Zwickmühle gefangen fühlen. Wie steht es um die „neuen“ Väter?

Der Lebensalltag moderner Väter zeigt eine klare Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Laut Statistischem Bundesamt vom Juni 2016 nimmt ein Drittel der deutschen Väter mittlerweile Elternzeit mit Elterngeld in Anspruch. Allerdings nehmen vier von fünf Vätern nur die Mindestzeit von zwei Monaten. Während 87 Prozent der Mütter zwölf Monate ausschöpfen.

Teilzeit für Familienzeit

Daneben wünschten sich 2015 in einer Erhebung des Allensbacher Instituts für Demoskopie knapp ein Drittel der erwerbstätigen Eltern, nach der Elternzeit die Arbeit zu reduzieren und länger in Teilzeit zu gehen. Tatsächlich realisiert haben dies nur vier Prozent der Väter. Wohingegen 25 Prozent der Mütter schließlich wirklich weniger arbeiten als vor der Geburt des Kindes.

Die Familienforscherin Karin Jurczyk ergänzt: Und dann gebe der Wohlfahrtsstaat auch noch zusätzliche Anreize für dieses klassische Ungleichgewicht. Dazu gehören die beitragsfreie Mitversicherung von Familien-angehörigen in der Krankenkasse und das steuerliche Ehegatten-Splitting. So bedienen auch gut ausgebildete Paare ab Familiengründung oft wieder traditionelle Elternmuster.

Traditionelle Rollenmuster mit dem Mann als Hauptverdiener werden vom Staat eher gefördert

Traditionelle Rollenmuster mit dem Mann als Hauptverdiener werden vom Staat eher gefördert

Diese Normalbiographie passt jedoch längst nicht mehr zum demographischen Wandel, zur Lebenserwartung, zu den Geschlechterverhältnissen, zu den Familienverhältnissen und auch zur Arbeitswelt. Doch das allgemeine Fazit lautet: Trotz anderslautender politischer Rhetorik ist in den meisten Familien auch der „neue“ Vater noch immer Mehrverdiener und Ernährer.

Zwiespalt der Väter

Es klafft offenbar derzeit eine Kluft zwischen dem gesellschaftlich geäußerten Anspruch, was modernes Vater-Sein bedeutet, und dem Versuch der Väter, ihr Leben auf ihre Weise zu gestalten. Der Zwiespalt, den berufstätige Mütter schon länger kennen, beschäftigt jetzt auch zunehmend die Männer: Den Missmut der Kollegen auf sich ziehen, weil das Kind krank ist?

Zum gemeinsamen Laternen-Basteln in die Kita gehen statt in der Firma die Präsentation für den wichtigen Kunden zu moderieren? In ländlichen Regionen werden Eltern dann oft von guten Familiennetzwerken unterstützt. Und in größeren Städten entstehen zunehmend Angebote, die den „neuen“ Vätern Orientierung geben wollen. Doch dort suchen nun manche Männer einen neuen Austausch mit anderen Männern.

Nach drei intensiven Stunden an einem Samstagnachmittag verlassen zwölf Männer die Krankenpflegeschule im vierten Stock der Sankt-Joseph-Klinik in Berlin. Sie haben den Crash-Kurs für werdende Väter absolviert. Ohne ihre hoch schwangeren Frauen.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Das Berliner Sankt-Joseph-Krankenhaus im Bezirk Tempelhof war 2016 bereits zum fünften Mal das geburtenstärkste Krankenhaus in Deutschland. Die Crash-Kurse für werdende Väter gibt es hier seit 2009. Der Chefarzt der Geburtsklinik hat sie zusammen mit dem Berliner Verein Väterzentrum e.V. entwickelt – und wirbt für sie als Ergänzung zu den Geburtsvorbereitungskursen und als Chance für die Männer, beim Thema Schwangerschaft und Geburt nicht automatisch in den Hintergrund zu treten.

Vier Kleinkinder sitzen auf dem Boden.

Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung sollten auch für für werdende Väter ein Thema sein

Alexander Kusinksi gibt die Kurse auch in anderen Berliner Kliniken – er sagt, sobald in den Elternschulen der Krankenhäuser die Chef- oder Oberärzte auf die Väterkurse hinweisen, kommen diese auch zustande. Der engagierte Pädagoge möchte Männer miteinander ins Gespräch bringen – und findet: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Diese Männerrunde habe gut getan, resümieren einige nach dem Crash-Kurs. Alle Fragen waren erlaubt, nichts wurde ausgelassen. Auch die Themen Sexualität oder Baby-Blues brachte Alexander Kusinski ins Gespräch – und empfahl, gelassen zu bleiben und in schwierigen Situationen auch den Rat der Hebamme einzuholen.

Väterzentren

Männer unterstützen – auf ihrem eigenen Weg in die engagierte Vaterschaft. Diese Strategie verfolgt das Berliner Väterzentrum bereits seit 2007. Das Väterzentrum hat den Crash-Kurs für werdende Väter initiiert. Der Verein führt im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg einen Papa-Laden und ein Papa-Café, berät, informiert, vernetzt und veranstaltet Indianerreisen und Kanutouren für Väter und ihre Kinder.

Das Zentrum wurde 2009 für sein Gesamtkonzept als „Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet – und hat bis heute in Deutschland kaum Nachahmer gefunden.

Die aktive Vaterschaft – sie wird von Vielen in Politik, Gesellschaft und selbst in der Wirtschaft inzwischen eingefordert. In einer Befragung von Personalchefs gaben kürzlich 80 Prozent von ihnen an: Männer, die in Elternzeit gehen, gelten mittlerweile gar als die loyaleren Mitarbeiter, und sie sind hinterher geprüft im Umgang mit Chaos-Situationen. Trotzdem wird das Väter-Engagement noch viel zu selten gefördert.

Angst vor dem Karriereknick nicht berechtigt

Und Männer machen sich immer noch sorgenvoll Gedanken darüber, wie ihr Vater-Engagement am Arbeitsplatz aufgenommen wird. Die Angst vor dem Karriereknick beschäftigt junge Väter am stärksten, das zeigen viele Umfragen. Dabei hat 2016 eine Analyse des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung belegt, dass eine Elternzeit die Gehälter der Väter nicht nach unten drückt.

Ein Mann in Anzug fährt auf einem Fahrrad mit Kinderwagenanhänger, in dem ein Kind sitzt.

Männer müssen in ihre neue Vaterrolle erst noch hineinwachsen

Männer begreifen sich mitten in einer „Umbruchphase“: Alte Rollenbilder sind noch vorhanden und wirksam – Neues ist noch nicht gefestigt. Dabei geht es Männern – oft im Unterschied zu Frauen – weniger um die Entwicklung der Gesellschaft (also das gesellschaftliche Verhältnis von Frauen und Männern), sondern um persönliche, private Lösungen und Befindlichkeiten, sowie um Akzeptanz im engeren sozialen Umfeld.

Das Optimum wäre, dass man die Wahl hat, dass jeder sich entscheiden kann: Wie viel will er arbeiten, wie viel will er zuhause sein? Unabhängig davon, ob er Mutter oder Vater ist. Denn das Wichtigste ist letztlich, dass man die Leute im Einzelfall in Ruhe das machen lässt, was sie machen möchten – und ihnen dann alle Möglichkeiten zur Umsetzung schenkt. Denn Männer sind genervt, wenn das Rollenbild des „Neuen Mannes“ auf die Rolle des Vaters oder – vor allem bei Scheidungsfällen – auf die Funktion des Hauptverdieners oder Geldbeschaffers reduziert wird.

Der „neue Mann“ ist ein Phänomen, das in der gesellschaftlichen Mitte wächst und sich von dort aus verbreitet – heißt es sinngemäß in der Sinus-Studie von 2009. Dies lässt sich wohl genau so auf die heutigen „neuen Väter“ übertragen. Manche wollen die Dinge einfach selbst in die Hand nehmen, weil sie dies so für sich entschieden haben und nicht, um bestimmten Idealvorstellungen zu genügen.

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