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Müsli in einer Schale daneben frisches Obst

SENDETERMIN Mo, 29.8.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Mythos Milch Muntermacher der Nation?

SWR2 Wissen. Von Peter Jaeggi

Milch - der Muntermacher der Nation, der Saft, der uns die Kraft der reinen Natur schenkt. Die Milchwerbung verkauft uns Kuhmilchprodukte fantasievoll mit Versprechen der gesündesten Art. Diese Sendung von Peter Jaeggi hinterfragt solche Bilder. Zu erfahren ist Erstaunliches. Etwa, dass ein zu hoher Milchproduktekonsum zu Immunschwächen oder zu Prostatakrebs führen könnte. In den letzten Jahrzehnten hat sich der Milchkonsum vervielfacht. Dies auch auf Kosten der Kühe. Sehr viele sind zu reinen Milchmaschinen, zu sogenannten Turbokühen degradiert worden. Das bedeutet ein kürzeres Leben, oft ein lebenslängliches Angebundensein im Stall und eine mindere Milchqualität. (Produktion 2014)

In der EU gibt es keine verbindlichen Mindest-Vorschriften für die Milchviehhaltung. So wird die Kuh immer mehr zur Hochleistungs-Milchmaschine degradiert. Rinder können eigentlich bis zu 30 Jahre alt werden. Aber die meisten Kühe sind im Alter von 5 Jahren bereits ausgelaugt und müssen geschlachtet werden.

So genannte Turbokühe geben jährlich bis zu etwa 18 000 Liter Milch. Auf natürliche Art ist dies bei diesen hoch gezüchteten Tieren nicht zu erreichen. Es funktioniert nur mit Kraftfutter wie Soja, Mais und Weizen. In der EU auch mit gentechnisch veränderten Sorten etwa aus Monokulturen aus ehemaligen Regenwaldgebieten.

Kühe im Stall beim Fressen.

Das Leben der meisten Milchkühe ist alles andere als idyllisch.

Tausend und eine Kuh

Die Kuh stammt ursprünglich aus dem Orient. Vor etwa 8000 Jahren begann die Viehwirtschaft in Europa. Joachim Burger, Forschungsleiter am anthropologischen Institut der Universität Mainz, zeigt in seinen Ergebnissen: Am Anfang vertrug in Europa kein Mensch die Kuhmilch. Sie enthält nämlich Laktose, Milchzucker, und der ist nur beschwerdefrei verdaubar mit einem Enzym namens Laktase.

Hier in Mitteleuropa, so Joachim Burger, scheint etwas stattzufinden, was wir Genkultur-Koevolution nennen. Dass sich nämlich eine kulturelle Entwicklung auswirkt auf den menschlichen Genpool. Und umgekehrt: dass genetische Voraussetzungen eine kulturelle Entwicklung ermöglichen.

Mann trinkt ein Glas Milch

So gesund, wie oft von der Werbung suggeriert wird, ist Milch zumindest nicht für alle Menschen.

Weltweit vertragen die meisten Menschen keinen Milchzucker, nämlich etwa drei Viertel. Ohne das Enzym gelangen die Kohlenhydrate unverdaut in den Dickdarm und werden von Darmbakterien vergoren. Mögliche Folgen: Völlegefühl, Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall sowie erhöhte Infekt-Anfälligkeit oder Sodbrennen.

Ein Drittel verträgt keine Milch

Allerdings: Heute produzieren in Mitteleuropa rund zwei Drittel der Menschen das Enzym Laktase, sie können also Kuhmilch beschwerdefrei verdauen, haben eine Laktasepersistenz. Noch vor etwa 5000 Jahren, in der Prähistorie, waren es null Prozent.

Diese Entwicklung geschah im Rekordtempo. Scheinbar müsse diese genetische Anpassung große Vorteile gehabt haben, sagt Joachim Burger. Seine Vermutung: In prähistorischen Zeiten war die Kindersterblichkeit sehr groß. Mit dem Aufkommen der nahrhaften Milch überlebten mehr Kinder, die dann allmählich das Enzym Laktase entwickelten und es weiter vererbten.

Wir kennen kein anderes Merkmal im Genom des Menschen, so Joachim Burger, das innerhalb von siebentausend Jahren in einer Bevölkerung von nahezu null auf 70 Prozent hochgeschnellt ist. Das ist eine der stärksten evolutiven Kräfte, die man je festgestellt hat im Genom eines Menschen.

Milch erst seit kurzem ein Grundnahrungsmittel

Der Milchkonsum ist heute im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter gewaltig. Milch und Milchprodukte sind heute das Lebensmittel Nummer eins. Historisch gesehen sind jedoch Milch, Butter und Käse lediglich Beilagen. Etwas für Kinder und alte Menschen und kein regelmäßiger Ernährungsbestandteil für Erwachsene.

Milch fließt in einen Eimer

Der Milchkonsum ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen

Bis weit ins 20. Jahrhundert war Milch kein Grundnahrungsmittel, sagt Buchautorin Maria Rollinger. Milchprodukte sind stattdessen heute jene Nahrungsmittelgruppe, die in unseren Regionen zuoberst auf dem Menüplan steht. Ein Großteil unserer verarbeiteten Lebensmittel enthält heute in irgendeiner Form Milchprodukte.

Thomas Rau ist Chefarzt der Paracelsus-Klinik im schweizerischen Lustmühle, Mitteleuropas größter Klinik für ganzheitliche Medizin. Rau setzt sich seit Jahren mit Milchprodukten auseinander. Er sagt: Wir haben heute in einem Tetrapack im Durchschnitt Milch von 30 000 Kühen im Durchschnitt zusammen geleert, das ist also ein immunologischer Wirrwarr.

Erhöhte Prostata-Krebsgefahr in Milchländern

Dass der weiße Saft ein Muntermacher für Männer sei, bezweifeln Studien der Harvard-Universität. Der Konsum von zu vielen Milchprodukten – zwei und mehr Gläser täglich – erhöhe wahrscheinlich das Risiko von Prostatakrebs. Und bei Frauen möglicherweise jenes von Eierstockkrebs. Beides sind hormonabhängige Krebsarten.

Portrait einer kauenden Kuh

So könnte eine artgerechte Haltung von Kühen aussehen

Tobias Hagen von der Frankfurt University of Applied Sciences stützte kürzlich diese Thesen mit wissenschaftlichen statistischen Methoden. Er untersuchte in 50 Ländern, wie viele Menschen dort in den letzten Jahrzehnten an Prostata- und Eierstockkrebs starben. Dabei berücksichtigte er auch die Altersstrukturen und andere Faktoren. Dann verglich er die Resultate mit der Entwicklung des Milchkonsums in diesen Ländern.

In der Schweiz, so Hagen, gab es somit pro 100 000 Einwohner etwa zehn Mal so viele Prostatakrebstote als in Thailand und der Milchkonsum war etwa zwölf Mal so hoch. Die Zahlen für Deutschland und Österreich – beide haben einen ähnlich hohen Milchkonsum – sehen in etwa gleich aus wie für die Schweiz. Doch weshalb werden Milchprodukte verdächtigt, krebsfördernd zu wirken?

Allergene in der Milch

Mit Kuhmilchprodukten gelangen auch Wachstumshormone, hormonähnliche und immunwirksame Substanzen in den menschlichen Körper. Substanzen, die er eigentlich nicht braucht. Allen voran die Eiweiße. Thomas Rau erklärt, dass innerhalb dieser Eiweiße ein Eiweiß ganz massiv zugenommen hat – aufgrund der Züchtung und der veränderten Kuhhaltung. Und das ist das so genannte Beta Lactoglobulin. Das ist ein hochgradiges Allergen.

Allergene erkennt unser Immunsystem als Eindringlinge und setzt sich zur Wehr mit einer vermehrten Produktion von Lymphozyten, von weißen Blutkörperchen. Diese werden jedoch bei einer Krebserkrankung an der betroffenen Stelle gebraucht und fehlen somit. Das ist eine mögliche Erklärung, weshalb Milchprodukte das Wachstum von Prostata- und Eierstockkrebszellen fördern können. Sie ist teilweise umstritten.

Käseplatte

Käse gut für die Knochen? Alles Käse! Das sagen Milchkritiker.

Viel Milch und Käse machen außerdem starke Knochen. Seit Jahrzehnten trichterte uns die Milchwerbung diese Botschaft ein. Das Kalzium in Milchprodukten soll für eine gute Knochenstruktur sorgen. Und so der Osteoporose vorbeugen und den damit verbundenen Knochenbrüchen. Milchprodukte decken rund einen Viertel unseres täglichen Nahrungsbedarfs. Wir müssten also demnach die besten Knochen der Welt haben. Doch trotz des enormen Milchproduktekonsums gibt es bei uns eine hohe Osteoporose-Rate.

Kalziummangel trotz Milchkonsum

Frau zeigt mit Kugelschreiber in eine Röntgenaufnahme auf dem PC-Bildschirm

Genauere Studien geplant: Wem es an Vitamin D im Blut mangelt, riskiert offenbar Knochenkrankheiten wie Osteoporose.

Wahr ist vor allem: Milch enthält viel Kalzium: 1,2 Gramm pro Liter. Das ist etwas mehr als die von den beiden Ernährungsgesellschaften empfohlenen Tagesmenge für einen Erwachsenen. Ist also alles OK, wenn man täglich einen Liter Milch trinkt oder entsprechend viel Käse isst? Leider nein. Ernährungsforscher Markus Keller erklärt, das nicht nur Kalzium für gute Knochen benötigt wird, sondern auch Vitamin D. Vereinfacht gesagt, ist Vitamin D das Transportmittel, das Kalzium in die Knochen bringt. Vitamin-D-Mangel bedeutet Kalziummangel in den Knochen. Und dann sind da die tierischen Eiweiße.

Thomas Rau spricht von einer "Übereiweißung", an der eben Milchprodukte einen entscheidenden Anteil haben. Denn überschüssiges Eiweiß wird abgebaut, dabei entstehen Säuren, die sich mit dem Kalzium verbinden und zusammen mit ihm ausgeschieden werden. Das fehlende Kalzium holt sich der Organismus aus den Knochen. So trägt das zu viele Eiweiß zu einem Kalziumverlust bei.

Die Weltgesundheitsorganisation sagt, dass der Vorteil der Kalziumzufuhr durch tierische Produkte, wie etwa Kuhmilch, durch deren Anteil an tierischem Eiweiß praktisch aufgehoben wird. Deshalb, so die WHO, gebe es in Ländern mit hoher Kalziumaufnahme durch tierische Produkte eine erhöhte Osteoporoserate.

Kalzium muss übrigens keineswegs aus Milchprodukten bezogen werden. Ernährungswissenschaftler Markus Keller nennt pflanzliche Kalziumquellen wie Sesam-Mus, Mandeln und andere Nüsse, Grünkohl, Brokkoli, Sojamilch und vieles mehr. Und das generelle Fazit zu Milch: Weniger und auch bewusster Milchprodukte konsumieren ist mehr. Aus gesundheitlichen, ökologischen und Tierschutzgründen.

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