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SENDETERMIN Fr, 7.6.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Psychologie Mut zur Mehrdeutigkeit

SWR2 Wissen. Von Wolfgang Streitbörger

Viele Menschen verlangen auf schwierige Fragen einfache Antworten. Andere können Mehrdeutigkeit gut ertragen. Sie erleben es als bereichernd, die Dinge sowohl auf die eine als auch auf die andere Art zu betrachten.

"Ambiguity" ist im Englischen ein geläufiges Wort. Die deutsche Übersetzung "Ambiguität" steht zwar im Duden, wie auch das Adjektiv "ambig", Alltagswörter sind dies aber nicht. Gemeint ist Mehrdeutigkeit oder Doppelbödigkeit.

Im Frühjahr 2018 veröffentlichte Oriel FeldmanHall Ergebnisse ihrer Experimente über die Auswirkung von Ambiguitätstoleranz auf das Zusammenleben. Ihr Artikel in der Fachzeitschrift Nature Communications erregte einiges Aufsehen in den amerikanischen Medien. Und das mit einem zwar betagten, aber keinesfalls angestaubten Konstrukt der Psychologie.

Toleranz für Mehrdeutigkeit ist messbar

Bereits 1949 entdeckte Else Frenkel-Brunswik in Kalifornien die Ambiguitätstoleranz bei einer Studie mit Kindern. Einigen fiel es leichter als anderen, Mehrdeutigkeit zu ertragen. Schon bald galt die "tolerance of ambiguity" in der Psychologie als ein stabiles Persönlichkeitsmerkmal: als eine messbare Eigenart des einzelnen Menschen, die sich im Laufe eines Lebens kaum mehr ändert.

Der Professor für Islamwissenschaften Thomas Bauer begann ebenso in den 1990er-Jahren, sich mit der Ambiguitätstoleranz zu befassen, fasziniert von den verblüffend mehrdeutigen Gelehrten des alten Arabien. Im Jahr 2011 erschien sein Buch "Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams". Diese Gelehrten waren sehr strenge und koranfeste Denker, zugleich aber den schönen, überhaupt nicht strengen Dingen des Lebens zugetan. Dem Wein, der Poesie, der Erotik.

Demonstranten in Berlin mit einem Schild, auf dem steht: "Nationalität Mensch!".

Was ist an Ambiguitäts-Intoleranz so menschlich? Ein Mensch, der Mehrdeutigkeit vermeidet, sich sogar radikales Denken zu eigen macht, zieht daraus den Vorteil der vermeintlichen Einfachheit

Das ging offenbar problemlos zusammen. Fast gleichzeitig mit Oriel FeldmanHalls Aufsatz erschien im Frühjahr 2018 ein Essay von Thomas Bauer über Ambiguitätstoleranz auch in vielen anderen Lebensbereichen. Dieser kleine Band trug den Titel "Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt". Bauer traf einen Nerv. Nach einem halben Jahr waren schon 30.000 Bücher verkauft.

Mehrdeutigkeit und Zuwanderung

Christopher Baethge ist Professor für Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Kölner Universität, sowie ärztlicher Psychotherapeut. Ihn treibt seit spätestens 2004 die Ambiguitätstoleranz um. Er kommt beim Thema Ambiguitätstoleranz schnell und unaufgefordert auf das Schlüsselthema der heutigen Gesellschaft zu sprechen: Den Umgang mit Zuwanderung. Vom Wunsch nach Eindeutigkeit sei es nicht weit zu den einfachen Antworten. Insofern sei Radikalität ein wirksames Mittel gegen Ambiguität.

Was ist an Ambiguitäts-Intoleranz so menschlich? Ein Mensch, der Mehrdeutigkeit vermeide, sich sogar radikales Denken zu eigen mache, ziehe daraus den Vorteil der vermeintlichen Einfachheit. Aber er zahle dafür auch einen Preis, denn ihm entgehe die Möglichkeit, die Wirklichkeit in ihren verschiedenen Schattierungen wahrzunehmen und auch darauf zu reagieren, sagt Baethge.

verschiedene Buch-Ausgaben vom "Grundgesetz" mit Kommentar

Laut dem Religionswissenschaftler Thomas Bauer müssen alle Sätze, die über Jahrhunderte Gültigkeit haben, eine gewisse Ambiguität aufweisen

Große Texte der Menschheit, sagt Religionswissenschaftler Thomas Bauer, seien ebenfalls keineswegs eindeutig auslegbar, sondern mehrdeutig. Auch Absatz 1 des Grundgesetzes - denn laut Bauer müssen alle Sätze, die über Jahrhunderte Gültigkeit haben, eine gewisse Ambiguität aufweisen. Sonst seien sie mit einem Verfallsdatum versehen.

Das Vertrauensspiel und überraschende Ergebnisse

Oriel FeldmanHall hat zusammen mit ihrem Ko-Autor Marc-Lluís Vives 200 Studentinnen und Studenten Experimenten unterzogen: An FeldmanHalls eigener Universität Brown, an der New York University und der Universität Pompeu Fabra in Barcelona entwickelten sie im Labor ein Vertrauensspiel, ein "Trust Game". Alle Versuchspersonen mussten vorher einen Test absolvieren, ob sie mehr oder weniger ambiguitätstolerant sind.

Das Spiel lief an einem Bildschirm ab, und so sah das Setting aus: Man kann in diesem Spiel etwas Geld gewinnen oder verlieren. Man kann mit den anderen Spielern entweder zusammen oder gegen sie arbeiten. Und man weiß auch, dass vertrauensvolle Kooperation insgesamt den größten Gewinn versprich. Aber man weiß überhaupt nicht, ob und welche anderen Mitspieler nur für sich selbst das Meiste herausholen wollen. Soll man die Gefahr eingehen, dass man von anderen über den Tisch gezogen werden könnte?

Zwei kleine Händehalten einen Miniatur-Globus.

Wenn Menschen Mehrdeutigkeit im Verhalten anderer besser ertragen, dann arbeiten sie eher mit anderen zusammen, statt nur ihre eigenen Interessen durchzusetzen

In zweierlei Hinsicht waren die Forscher überrascht. Erstens fanden sie keinen direkten Zusammenhang von Ambiguitätstoleranz und Risiko.

Risiko und Vertrauen gehören nicht zusammen

Bisher hatte man angenommen: Menschen, die Risiken gut ertragen, können auch Ambiguität gut aushalten. Jetzt zeigte sich aber etwas anderes. Ein Risiko einzugehen bedeutet, dass man die Wahrscheinlichkeit des Ausgangs einschätzen kann. Diese Berechnung aber ist bei Mehrdeutigkeit eben nicht möglich. Das heißt: Wer Risiken leicht erträgt, erträgt noch lange nicht ebenso leicht Mehrdeutigkeit – und wer eine hohe Ambiguitätstoleranz hat, geht nicht automatisch gerne Risiken ein.

Die zweite Überraschung: Das Experiment ermöglichte es den Studierenden, die Ambiguität im sozialen Austausch aufzulösen. Sie konnten etwas über ihre Gegenüber im Spiel erfahren, lernten deren bisheriges moralisches Verhalten kennen. Ambiguitätstoleranz betrifft also vor allem den Austausch mit Menschen, die wir noch nicht gut kennen.

Oriel FeldmanHall und Marc-Lluís Vives gehören zu den ersten Psychologen, die Else Frenkel-Brunswiks 70 Jahre altes Konstrukt der Ambiguitätstoleranz in großen Versuchsreihen empirisch untersuchen. Sie gewinnen damit Erkenntnisse, die weit stärker belastbar sind als weniger systematische Beobachtungen, Vermutungen oder Beschreibungen es sein können. In größerem Umfang hatten zuvor nur Ökonomen empirisch über Ambiguitätstoleranz geforscht.

Oriel FeldmanHall ist es wichtig, dass Menschen Mehrdeutigkeit im Verhalten anderer besser ertragen. Denn dann arbeiten sie eher mit anderen zusammen, statt nur ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Das gelte auch für die große Politik, zum Beispiel wenn Nationen beim Klimaschutz mit Geld in Vorleistung gehen, ohne zu wissen, ob andere Nationen mitziehen oder egoistisch handeln. Denn sonst könnte die Gesellschaft zerbrechen.

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