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Junge in Unterhose sitzt auf dem Boden

SENDETERMIN Mi, 15.11.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Gefahren für Kinder und Jugendliche Sexueller Missbrauch im Netz

SWR2 Wissen von Marcus Schwander

Kinder und Teenager bewegen sich oft sorglos im Internet. Dabei werden sie regelmäßig Opfer sexueller Übergriffe in scheinbar harmlosen Chatforen. Pädophile und Erpresser manipulieren Kinder solange, bis sie Nacktfotos von sich verschicken. Mehrere Studien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass zwischen zehn und zwölf Prozent aller Jugendlichen Nacktfotos von sich versenden und auch selbst entsprechende Inhalte empfangen.

Jugendliche sehen das Risiko nicht

Teenager, deren Sexualität erwacht, sind oft zu Experimenten bereit, deren Tragweite sie nicht überschauen. Sie fühlen sich geschmeichelt, wenn sich jemand für sie interessiert. Sie erleben eine verletzliche, aufregende Zeit, die voller Reize und Abenteuer, aber auch voller Unsicherheit und Scham steckt. Sich im Internet einem anderen zu zeigen, den man gar nicht sehen kann, scheint einfach zu sein. Viele Jugendliche halten das auch nicht für gefährlich oder riskant. Sie sind ausgesprochen naiv und gutgläubig online unterwegs. Da mittlerweile schon Grundschüler Smartphones und Tablets nutzen und so jederzeit ins Internet können, sollte auch die Aufklärung über die Gefahren möglichst früh beginnen.

Internet Gefahr für Kinder

Pornografie, Enthauptungen, Mobbing - Jugendschutz im Internet ist schwierig

Pornografische Bilder sind strafbar

Vielen Jugendlichen ist nicht klar, dass sie sich unter bestimmten Voraussetzungen strafbar machen – selbst wenn sie einvernehmlich Fotos austauschen. Dann nämlich, wenn die Bilder „pornografisch wirken“ und einer der beiden unter 14 Jahren ist. Sogar der unter 14-jährige macht sich strafbar. Denn das Gesetz unterscheidet nicht, ob es das eigene oder ein fremdes pornografisches Foto ist. Was vielleicht als Flirt im Internet beginnt, kann dann mit einer Anzeige enden.

Beispiel: Erpressung

Eine Schülerin aus Mecklenburg-Vorpommern lernte über Instagram einen Jungen in NRW kennen. Dann hat sie ihm die Handynummer gegeben und über Whatsapp gechattet, ein Nacktfoto geschickt und dann noch ein paar mehr, insgesamt 20. Dann wollte sie nicht mehr und er hat gesagt, wenn du keine weiteren schickst, dann wandern die ins Netz. Und dann hat sie sich doch ihren Eltern geöffnet und gesagt, sie habe große Angst, dass das wirklich passiere.

Mädchen vergräbt Kopf im Kissen

Über Messenger werden Nacktfotos versendet und empfangen

Wer einen anderen im Netz bedrängt, mehr Fotos oder Videos von sich zu schicken, macht sich strafbar. Eine Masche um an Kinder heranzukommen besteht darin, sie mit der Behauptung anzumailen, sie seien doch dieser oder jener. Und die Kinder antworten ganz ehrlich, nein ich bin doch zum Beispiel Lena und ich lebe auch gar nicht in Stuttgart, sondern in Trier. So erhalten die anfragenden Unbekannten einige Informationen. Die sie ausnutzen.

Täter sind selbst Kinder oder Jugendliche

2016 wurden 1.039 Fälle von Erpressung, Nötigung und sexueller Grenzverletzung im Netz angezeigt. Und über 85 Prozent der Fälle wurden aufgeklärt. Auffallend ist, dass auch die Täter seit Einführung des Smartphones immer jünger werden – 40 Prozent sind selbst Kinder oder Jugendliche. Das Dunkelfeld dürfte enorm groß sein. Sexuelle Grenzverletzung im digitalen wie zum Beispiel die Aufforderung sich zu entblößen vor einer Videokamera oder sich dort sexuell zu befriedigen kommen geschätzt millionenfach vor.

CDU fordert klare Regeln zum Kampf gegen Kriminelle im Netz

Die Aufklärungsquote bei sexuellen Grenzverletzungen im Netz ist hoch

Und aus einem erotischen Chat kann leicht reale körperliche Gewalt entstehen, berichtet die Rostocker Rechtsanwältin Gesa Stückmann:

„Da ist eine Dreizehnjährige, die sich über den Internet Messenger auch mit einem Jungen eingelassen hat und da auch ganz viel persönliche Informationen abgegeben hat, wo sie wohnt, und dann auch noch erzählt, dass die Mutter nicht da ist, und dann kamen die eben nach Hause zu ihr und haben sie vergewaltigt. Also das ist vor nicht allzu langer Zeit in Wismar passiert.“

„Cyber-Grooming“

Wenn Täter gezielt das Vertrauen von Kindern erschleichen, um Gewalttaten vorzubereiten, nennen Sozialwissenschaftler das „Grooming“. Geschieht das über das Internet, sprechen sie von „Cyber-Grooming“. Juristen meinen damit bereits die „Anbahnung“ eines sexuellen Deliktes im Internet, egal ob der Täter das Opfer später in der realen Welt treffen will. Dieser Tatbestand des „Cyber-Groomings“ wurde 2003 ins Gesetz aufgenommen. Er gilt als Unterfall des sexuellen Missbrauchs von Kindern, den Paragraf 176 des Strafgesetzbuches regelt. Die polizeiliche Kriminalstatistik hat 2016 2.000 Fälle von „Cyber-Grooming“ und über 5.500 Ermittlungsverfahren wegen Kinderpornographie erfasst, darunter auch 1.000 Fälle wegen Jugendpornographie. Und die Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer im virtuellen, digitalen Bereich sehr viel größer ist.

Symbolfoto: Computertaste mit Aufschrift „Cyber-Grooming“

Cyber-Grooming ist die „Anbahnung“ eines sexuellen Deliktes im Netz

Kinder und Eltern müssen früh über Gefahren informiert werden

Viele Kinder und Jugendliche können sich nicht vorstellen, dass dieser super nette Freund von Whatsapp, Instagram oder einem Spiel in echt nicht so nett ist. Daher treffen sich sogar erstaunlich viele Kinder mit online Freunden. Je nach Studien treffen sich zwischen 14 und 40 Prozent der Kontakte auch in der realen Welt – und es kommt bei diesen Treffen auch nicht immer zu sexuellen Übergriffen. Die meisten Kontakte im Internet sind tatsächlich harmlos. Aber für die Gefahr, dass sie es nicht sind, müssen Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern sensibilisiert werden.

Prävention nicht nur Verbote

Grundsätzlich ist wichtig, dass Erwachsene Offenheit vermitteln, damit Kinder und Jugendliche sich auch trauen, Vorfälle anzusprechen, bevor sie tatsächlich eskalieren und zu gravierenderen Situationen werden. Und wir sollten allgemein versuchen, Kindern altersgerecht eine Teilhabe an digitalen Medien zu ermöglichen, die auch sexuelle Erfahrungen mit einschließen kann. Und das ist natürlich eine große Herausforderung, aber da Jugendliche heutzutage sowieso das Internet ganz selbstverständlich auch zur Bildung einer sexuellen Identität, zur Suche sexueller Informationen nutzen, muss es am Ende darum gehen, mit ihnen über die Gestaltung ins Gespräch zu kommen. Das heißt, Prävention sollte nicht nur Verbote beinhalten.

Vertrag über Internet-Nutzung zwischen Eltern und Kinder

Eltern könnten mit ihren Kindern einen Vertrag schließen. Über Zeit der Nutzung, Art der Nutzung und auch, dass eine Kontrolle durch die Eltern da ist, und auch gar nicht wegzudiskutieren ist. Aber auch die Firmen und Unternehmen, die soziale Netzwerke und Spiele anbieten, müssten mehr Verantwortung zeigen, erklärt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Er steht in Kontakt mit den Firmen und fordert ihren Einsatz zum Schutze der Kinder. Zum Beispiel, dass ein Beschwerdesystem innerhalb des Systems eingerichtet wird, indem das Kind beispielsweise dann, wenn es über whatsapp oder Instagram oder andere Anbieter sexuell belästigt wird, sich dann an eine vertrauensvolle Ansprechperson wenden kann.

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