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Methadonverpackung

SENDETERMIN Mi, 14.2.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

Noch fehlen breit angelegte Studien zur Wirksamkeit Mit Methadon gegen Krebs?

Methadon kann die Wirkung der Chemotherapie verstärken und Krebszellen zerstören – zumindest im Reagenzglas. Das hat eine Ulmer Chemikerin im Labor festgestellt. Es gibt auch Erfolgsberichte von Patienten: Bei einigen Krebskranken, die zusätzlich Methadon einnahmen, lösten sich Metastasen auf, Tumore verschwanden. Doch Kritiker warnen, dass bislang klinische Studien fehlen, die die Wirksamkeit nachweisen.

Die Chemikerin Dr. Claudia Friesen war überrascht, als sie herausfand, dass Methadon Krebszellen abtöten kann:
„Ursprünglich wollten wir im Labor Mechanismen von Opioiden, Opiaten untersuchen, und damals hatten wir im Labor eine Leukämiezelle. Und die haben wir mit verschiedenen Opioiden und Opiaten behandelt, und da war auch Methadon dabei. Und das erste Mal sind mir dann mit Methadon diese Leukämiezellen gestorben. Ich dachte damals, das wäre ein Fehler, ich habe das ein paar Mal wiederholt, und kam immer wieder zum gleichen Schluss, und dachte, so viele Fehler und oft Fehler kannst du gar nicht machen, und das war eigentlich so die Geburtsstunde von Methadon im Einsatz in der Onkologie.“

Wie das Methadon in der Krebstherapie wirkt:

Methadon wird bisher als starkes Schmerzmittel und Heroinersatzstoff verwendet. In der Krebstherapie eingesetzt, heftet sich das Methadon an Rezeptoren auf der Oberfläche der Krebszelle an und unterstützt das Krebsmedikament dabei, in die Zelle einzudringen. Gleichzeitig soll es dafür sorgen, dass die Krebszelle sich nicht mehr verteidigen und das Krebsmittel viel stärker wirken kann.

Chemikerin Dr. Claudia Friesen

Chemikerin Dr. Claudia Friesen

Die Chemikerin Claudia Friesen verdeutlicht: „Man kann es sich so vorstellen: man hat eine Dominosteinkette und die sollte eigentlich umfallen, und am Ende ist der Zelltod. Jetzt ist es so, dass Krebszellen Blockaden haben in dieser Dominosteinkette, und deswegen gibt es diese Chemoresistenz. Und dann kommt das Methadon und schubst diese Blockaden weg, und wenn dann das Chemotherapeutikum die Dominosteinkette anschubst, kann die bis zum Schluss umfallen.

Über 100 Fallbeispiele zeigen, dass eine zusätzliche Methadongabe den Krebs eindämmen kann

Zunächst erhielt Forscherin Friesen Unterstützung von der „Deutschen Krebshilfe““, die als unabhängige Einrichtung Grundlagenforschung fördert. Von 24 Patienten mit Hirntumor dokumentierte Claudia Friesen den Krankheitsverlauf. Bei den meisten der 24 Patienten sei der Hirntumor nicht mehr gewachsen beziehungsweise zurück gegangen. Bei acht von ihnen sei er zwei Jahre danach nicht mehr nachweisbar gewesen.

Claudia Friesen war sich sicher, dass dies mit der Gabe von Methadon zusammenhing. Das ermutigte sie, weitere Fallballspiele zu sammeln: Über einhundert dokumentierte Fälle würden inzwischen belegen, dass Tumore zurückgegangen oder komplett verschwunden seien, wenn zusätzlich Methadon gegeben wurde, versichert Claudia Friesen. Dabei handele es sich um unterschiedliche Tumorerkrankungen: etwa Brustkrebs, Eierstockkrebs, Blasenkrebs- und Bauchspeicheldrüsen-Krebs, Prostatakarzinome und Hirntumore. 

Dieses Balken-Diagramm zeigt, wie sehr Methadon bei verschiedenen Krebsarten die Wirkung der Chemotherapie verstärkt hat.

Wenn man Krebszellen im Reagenzglas mit Chemotherapie und Methadon behandelt, sterben sie schneller ab.

Die Forschung an Methadon als Krebsmittel wird nicht weiter gefördert

Die Forschungsergebnisse der Ulmer Chemikerin schienen vielversprechend:„Methadon könne künftig auch in der Therapie von Hirntumoren eingesetzt werden“, erklärten 2014 die Deutschen Krebshilfe und die Uniklinik Ulm in einer gemeinsamen Presseerklärung.
Doch trotz der vielen positiven Nachweise gab es von der Krebshilfe keine weiteren Fördermittel. Friesen bedauert, dass ihre Forschung zu Methadon und mögliche kontrollierte klinische Studien damit eingefroren wurden.

Charité legt erste Studie vor - allerdings nur mit 27 Patienten

Im Frühjahr 2017 veröffentlichen Forscher der Berliner Charité eine erste Pilotstudie zur Verträglichkeit von Methadon bei Patienten mit Hirntumor. Allerdings ist es eine unkontrollierte, retrospektive Studie mit nur 27 Probanden. Die Aussagekraft solcher Studien ist wissenschaftlich umstritten, weil es keine Placebogruppe gibt und die Daten nur rückblickend gesammelt werden.

Für die Studie hatten 27 Hirntumor-Patienten ein halbes Jahr lang zusätzlich zur Chemotherapie täglich 5 bis 35 ml Methadon bekommen. Bedenkliche Nebenwirkungen traten nicht auf. Nur bei neun Patienten traten Rückfälle auf – das lässt sich aber nicht als Beweis für die Wirksamkeit von Methadon werten, das sagen die Autoren selbst – die Daten seien wegen der geringen Probandenzahl nur „anekdotisch“. Claudia Friesen wertet die Studie trotzdem als Durchbruch und geht in die Öffentlichkeit.

Onkologen-Gesellschaft und Universität Ulm wenden sich gegen die Forscherin

Bei der Jahrestagung der „Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie im Oktober 2017, bei der Wissenschaftlerin Friesen ihre Forschungsergebnisse vorgestellt hatte, wurde am Ende abgestimmt: für oder gegen Methadon. Die über 1000 Teilnehmer votierten geschlossen dagegen. Sie begründeten dies mit zu geringen Fallzahlen, mit gefährlichen Nebenwirkungen und fehlenden wissenschaftlichen Nachweisen.

Das Uniklinikum Ulm als Friesens Arbeitgeber distanzierte sich von ihr. In der Presseerklärung hieß es: "man lehne es ab, Methadon in der Tumortherapie unkontrolliert einzusetzen“. Die Internetseite der Chemikerin mit Informationen zu Methadon wurde gesperrt.

In der Palliativmedizin wird Methadon schon lange eingesetzt

Dr. Hans-Jörg Hilscher leitet ein Hospiz in Iserlohn und behandelt seit vielen Jahren seine Krebspatienten zusätzlich mit Methadon: Ihm ist dabei aufgefallen, dass die Patienten hier deutlich länger leben als man bei ihrer Diagnose erwarten kann. Außerdem sollen sie deutlich klarer und heiterer sein als sonst unter Opiaten üblich.

Palliativmediziner Dr. Hans-Jörg Hilscher

Der Palliativmediziner Dr. Hans-Jörg Hilscher macht in einem Hospiz gute Erfahrungen mit Methadon.

Der Palliativmediziner Dr. Hans-Jörg Hilscher macht in einem Hospiz gute Erfahrungen mit Methadon. Neunzehn Jahre lang sammelte Palliativmediziner Hilscher mit nahezu 3.000 Krebspatienten Erfahrungen mit Methadon -- seine Bilanz ist positiv:
„Es gab eine ganze Reihe von Patienten, bei denen das sehr sehr gut gewesen ist. Ob das eine Wirkung des Opioids ist oder nicht kann ich nicht sagen, es sind zumindest auffällig häufige Zusammenhänge zwischen Komplettremission vorher Chemo-resistenter Tumoren unter Methadon, und das lässt aufhorchen und zumindest glauben, dass der Zusammenhang nicht nur zufällig ist, sondern ursächlich.“

Nebenwirkungen der Methadon-Gabe sind Übelkeit und Verstopfung

Palliativmediziner Hilscher betont: Die Anwendung von Methadon sei für die Patienten angenehm. Die Nebenwirkungen seien die gleichen wie bei allen anderen Opiaten und Opioiden. Zu Beginn könne eine starke Übelkeit auftreten, die könne man aber leicht bekämpfen und die zweite Nebenwirkung sei Verstopfung, auch die sei leicht beherrschbar.

Experten warnen davor, Krebspatienten voreilig Hoffnung zu machen

Damit es endlich verlässliche Daten gibt, hat das Forscherteam um den Darmkrebsspezialisten Professor Thomas Seufferlein vom Uniklinikum Ulm Ende 2017 bei der Deutschen Krebshilfe eine kontrollierte klinische Studie zu Methadon bei Darmkrebs beantragt.

„Wir brauchen Evidenz. In einer solchen Studie wird zu klären sein, in welcher Dosierung Methadon am besten auf den Tumor wirkt, und welche verschiedenen Wirkungen das Medikament im Körper entfalten kann.“

Wenn sich dann in den kontrollierten Tests an Patienten zeigt, dass Methadon im Zusammenspiel mit Chemotherapeutika anderen Substanzen überlegen ist, bestünden gute Chancen, dass es sich im medizinischen Alltag etablieren könne.                                      

Pharmafirmen stecken Millionen in die Erforschung neuer Krebsmedikamente

Die Weichen für klinische Studien zu Methadon sind inzwischen gestellt, sie können unabhängig vom „guten Willen“ der Pharmaindustrie gestartet werden. Dr. György Irmey, Ärztlicher Direktor der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr kritisiert das Verhalten der Pharmaindustrie: Pharmafirmen steckten sehr viel Geld in die Erforschung neuer Krebsmittel, für die dann die Krankenkassen viele Millionen bezahlen - ohne dass für die Patienten viel dabei heraus käme.
In den letzten zehn Jahren sind dreißig Krebsmedikamente neu auf den Markt gekommen. Davon verlängern nur zwanzig die Überlebenszeit der Patienten – im Schnitt um vier bis sechs Wochen. Diese 20 Medikamente kosten im Jahr mindestens 30.000 bis 200.000 Euro.  

Produktionsstätten von Boehringer Ingelheim.

Pharma-Produktion. Teure Medikamente rechnen sich mehr.

Methadon ist billig - mit dem Einsatz lässt sich nicht viel verdienen

Die Kosten von Methadon sind dagegen gering: Zwischen 22 und 28 Euro kosten 100ml Methadon, die circa vier bis sechs Wochen reichen. Der Heidelberger Mediziner Irmey fordert, Methadon trotz der geringen Gewinnspannen für die Pharmaindustrie als wirksame Begleitsubstanz bei der Krebsbehandlung systematisch zu erforschen. Ein erster Schritt wäre, dass alle Ärzte, die Methadon in einem fortgeschrittenen Stadium des Krebses einsetzen, ihre Ergebnisse dokumentieren und einer zentralen Institution weiter melden. Wenn das allein in den zahlreichen Universitätskliniken so gehandhabt werde, könnte recht schnell eine belastbare Datenbasis entstehen.

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