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Nach Firmenangabeen Europas modernstes Logistikzentrum

SENDETERMIN Mo, 7.12.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

Logistik 4.0 Wie Güter transportiert werden

Wir haben uns daran gewöhnt, dass alles schnell verfügbar ist, am besten schon gestern. Auch das spezielle Schmerzmittel in der Dorfapotheke. Dahinter steckt eine ausgefeilte Logistik. Sie ist viel mehr als der pure Transport von Gütern und umfasst auch weit vorausschauende Planung. Sie wird mehr denn je von Maschinen geleistet, die sich selber steuern.

Eine Halle in Dortmund auf dem Gelände des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik. Dort aufgebaut - einige Elemente eines Hochregallagers. Ein Techniker misst Ströme, die Akkus eines Gerätes speisen, das Rackracer heißt. Die Fraunhofer-Leute möchten es gerne an Handel und Industrie verkaufen.

Anders als draußen in der Praxis, wo Packungen, Gebinde, verschiedener Größe, Einzelteile aus einer Regalebene gegriffen, aber mit Hilfe einiger an den Regalebenen befestigter Lastenaufzügen und Transportgefäße nur in der Senkrechten und Waagrechten bewegt werden können, setzen die Spezialisten in Dortmund auf einen sogenannten Regalkletterer.

Intelligenter Kletterer

Er ist so intelligent, dass er sich auf schnellstem Weg und ohne anderen Einheiten in die Quere zu kommen, zur programmierten Stelle durchhangeln kann. Um bei Bedarf die Ladung sogar auf ebener Erde zu ihrem Bestimmungort weiter zu transportieren.

Logistik-Roboter in Aktion

Logistik-Roboter in Aktion

Der Rackracer ist eine Maschine, wie ja auch Gabelstapler und Kräne und Aufzüge Maschinen sind. Sie ersetzen menschliche Arbeitskraft, helfen Zeit gewinnen, indem alles noch schneller geht. Die Möglichkeiten, die neue Maschinen bieten, lassen sich mit Hilfe des Internets und umfassender Softwarelösungen besser steuern und damit besser nutzen. Ohne sie wäre die weltumspannende Vernetzung von Warenströmen nicht möglich gewesen.

Vor allem nicht so, dass im selben Moment, wenn in Fernost ein Hersteller von Haushaltsartikeln einen Großauftrag einfährt, das elektronische Hirn eines Hochregallagers in Europa schon einmal darüber nachdenkt, wie die dort deponierte Ware umgeschichtet und dadurch Platz geschaffen werden kann. Die 4. industrielle Revolution, von der so viel die Rede ist, flankieren nach Ansicht von Michael ten Hompel vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik massive Veränderungen im Transportwesen und der Logistik.

Organisation von Allem

So ließe sich die Belieferung von Supermärkten effektiver - und das heißt kostengünstiger - organisieren, wenn das Warenwirtschaftssystem eines großen Einzelhandelsunternehmens noch besser mit seinem Lager verknüpft wäre, aber auch mit den Lieferanten von Obst, Gemüse, Milchprodukten, Backwaren und den anderen Teilen des Sortimentes.

Pakete rollen über ein Förderband in einer Halle

Die 4. industrielle Revolution wird flankiert von massiven Veränderungen im Transportwesen und der Logistik

Gestützt auf Daten, die eine Spedition über GPS oder auf anderen Wegen erreichen, berücksichtigen die Disponenten bei ihrer Lade- und Tourenplanung viele Gesichtspunkte bis hin zu Staugefahren auf den Straßen und Wetterverhältnisse. Wie kann zum Beispiel bei Sturmflut, wenn der Fährverkehr mit dem Festland eingestellt ist, die Inselapotheke dennoch mit dringend benötigten Medikamenten versorgt werden?

In einem Feldversuch, an dem sich die Inselapotheke von Juist beteiligte, hat das Paketpostunternehmen DHL den Einsatz einer Drohne erprobt. Die führenden Schweizer Einzelhandelsunternehmen Migros und Coop beziehen in ihr logistisches Kalkül auch Umweltgesichtspunkte ein und setzen deshalb stark auf die Güterbahn.

Maßgeschneiderte Lösungen

Coop Schweiz hat sogar ein Bahnunternehmen gekauft und Transportketten aufgebaut, in deren Mittelpunkt Verteilzentren mit Bahnanschluss stehen. Die Logistikkonzepte für den Einzelhandel sind ausbaufähig. Und sie sollen künftig noch konsequenter auf die Situation in den Läden vor Ort eingehen, sagt Christopher Kirsch vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik.

Ein Tankmotorschiff ist ein in der Binnenschifffahrt im Güterverkehr eingesetztes Gütermotorschiff zur Beförderung von Flüssigkeiten oder Gasen in fest verbundenen Tanks.

Auch zu Wasser wird einer großer Teil an Warenfluss organisiert und transportiert

Individuelle, maßgeschneiderte Lösungen gegen Masse und Schema F. Diese Tendenz könnte den Einzelhandler in Bedrängnis bringen. Aber nicht nur traditionelle Läden, sondern sogar die Online-Bestellung von Waren, das "E-Commerce-Geschäft", das sich derzeit noch auf der Siegerstraße befindet. Nicht auszuschließen, dass die Revolution ihre Kinder frisst.

Die Zeitschrift Manager-Magazin berichtete von den Möglichkeiten, mit 3-D-Druckern Geschirr, Spielwaren, T-Shirts, Schuhe, überhaupt Kleidung und allerhand Tinneff bis hin zu Schlüsselanhängern nach Vorstellungen der Kundinnen und Kunden herzustellen. In Amerika boome diese sogenannte "On-Demand-Economy", diese Form des "Handels auf Bestellung".

Einzelstücke als Norm

Die Startup-Unternehmen, die sich ihm verschrieben haben, sitzen nicht mehr in eigens ausgewiesenen Gewerbegebieten sondern oft in einer Bude um die Ecke, manchmal in Tuchfühlung mit ihrer hippen Kundschaft. Die Lieferketten würden kürzer, Einzelstücke zur Norm. Man kann es zugespitzt auch so sagen: ich – wohlgemerkt: ich – will nicht mehr haben, was alle haben.

Luftschlitze im Innenraum eines Autos

Früher musste sich ein Kunde schon Wochen, bevor die Produktion seines Autos anlief, auf alle Einzelheiten der Ausstattung festlegen

Auf der Transportseite braucht man dann keine Riesenlaster mehr, sondern allenfalls kleine, wendige Fahrzeuge, wie sie Paketdienste einsetzen, Lastenräder und Fahrradkuriere.

Die Logistik, die viel breiter ist als das reine Transportgewerbe, sie ist im Umbruch. Auch in der Autoindustrie. Im weltweiten Wettbewerb sieht sie sich gezwungen, Kosten zu sparen. Ihre Spezialisten zerbrechen sich die Köpfe, wie teure Transporte in die Fabriken und innerhalb der Werke zu verhindern sind. Man kann es aber auch so sagen: Logistik ist die Kunst, Transportkosten auf Zulieferfirmen und die Allgemeinheit abzuwälzen.

Extreme Individualisierung

Hanne Dinkel ist Logistikchefin bei BMW in Leipzig. 2005 ging die neue Autofabrik in Betrieb. Früher musste sich ein Kunde schon Wochen, bevor die Produktion seines Autos anlief, auf alle Einzelheiten der Ausstattung festlegen. Heute kann er sich noch wenige Tage davor für eine andere Farbe entscheiden, ob er beispielsweise ein Sonnendach möchte oder sich statt einer Anhängerkupplung lieber doch Sportfelgen leistet.

Eine Kennzeichnung auf einem LKW

Kritiker werfen den Automobilfirmen vor, die öffentlichen Straßen als kostengünstiges Lager zu missbrauchen

Inzwischen ist diese Individualisierung extrem geworden und die Konzerne überlegen, sie zurückzufahren. Von 220 Tausend teuren Premiumfahrzeugen aus deutschen Autofabriken, seien gerade einmal zwei exakt baugleich, hat ein Fachmann der Universität Stuttgart vorgerechnet.

Eintakten in die Automobilproduktion am Band: Streng genommen beginnt sie schon in den Zulieferbetrieben, ob sie nun unmittelbar neben einer belieferten Autofabrik liegen oder weit entfernt davon. In Reih und Glied werden die im Rohbau fertig gestellten Fahrzeuge herantransportiert, um weiter bestückt zu werden. Routiniert hantieren die Arbeiter mit Schrauben und Teilen, die sie in das Gehäuse montieren.

Das Lager auf der Straße

Damit möglichst wenig Lagerplatz vorgehalten werden muss und im Werk trotzdem kein Leerlauf entsteht, ist auch die Anlieferung wichtiger Komponenten wie der Kabelbäume, die das Rückgrat für die Stromversorgung und Elektronik im Auto bilden, im Rhythmus der Produktion getaktet. Kabelbäume werden nicht auf Vorrat geliefert, sondern maßgeschneidert für jedes Auto. Im Idealfall erreicht ein Kabelbaum die Autofabrik punktgenau zur Fertigung am Band.

Portalhubwagen fahren ueber  Stellflaechen eines  Container-Terminals.

Es gibt eine immer engere Verzahnung zwischen der innerbetrieblichen Logistik mit der Logistik des Transportes von Gütern, zwischen verschiedenen Firmen der Industrie und des Handels.

Diese Konzernpolitik von BMW und anderen Firmen, die ähnliche Strategien verfolgen, ist umstritten. Kritiker werfen den Automobilfirmen vor, die öffentlichen Straßen als kostengünstiges Lager zu missbrauchen. VW setzt etwas andere Akzente und unterstützt die Verlagerung des Gütertransports von der Straße auf die Schiene.

Zusammen mit der Firma Cargobeamer hat VW beim Werk in Wolfsburg eine Anlage gebaut, damit sich Sattelauflieger von LKW, die für VW fahren, weitgehend automatisiert auf Spezialwaggons der Eisenbahn verladen lassen. BMW und Daimler favorisieren dagegen mehr als bisher die Straße, indem die beiden Automobilkonzerne die umstrittenen Lang-LKW einsetzen.

Befehlsempfänger von Maschinen

Voraussetzung ist letztlich die immer engere Verzahnung zwischen der innerbetrieblichen Logistik, für die sich auch der Begriff Intralogistik eingebürgert hat, mit der Logistik im Sinne des Transportes von Gütern zwischen verschiedenen Firmen der Industrie und des Handels. Die Frage ist, welche Rolle der Mensch in diesem Milliardengeschäft spielt. Wird er möglicherweise zum Handlanger und Befehlsempfänger von Maschinen entwürdigt?

Arbeiter fahren Pakete mit Gabelstaplern durch ein Logistik-Lager.

Mittlerweile benötigen Staplerfahrer und Lagerarbeiter spezielle Armbanduhren und Brillen, manchmal sogar Jacken mit eingebauten elektronischen Geräten, um systemgerecht auf die Vorgaben der Logistik reagieren zu können

Produktion von Elektroautos bei BMW in Leipzig. Alle paar Minuten hebt sich ein Rolltor. Mit einem leisen Surren gleitet ein flaches Fahrzeug ohne Fahrer in die Werkshalle. Es reiht sich in die Schlange – fast möchte man sagen: der Artgenossen ein, die auf den nächsten Auftrag warten.

Von einer Schaltzentrale, die in Wirklichkeit ein mit Robotern und anderen Maschinen, mit Liefer- und Produktionsdaten vernetztes IT-Programm ist, bekommen die fahrerlosen Transportautomaten den Befehl zu starten, ein Auto zu schultern und zu einer der Stationen zu bringen, wo noch letzte Arbeiten erledigt werden. Die einzelnen Fahrzeuge dieses "fahrerlosen Transportsystems", das Fließbänder ersetzt hat, können untereinander kommunizieren und so Karambolagen vermeiden.

Agenten des Fortschritts

Mittlerweile benötigen Staplerfahrer und Lagerarbeiter spezielle Armbanduhren und Brillen, manchmal sogar Jacken mit eingebauten elektronischen Geräten, um systemgerecht auf die Vorgaben der Logistik reagieren zu können. Sie werden vollends zu kleinen Rädchen im großen Getriebe – und sie können ständig überwacht werden.

Die Agenten des Fortschritts wenden ein, es sei doch der moderne Lagerarbeiter, der einen fahrerlosen Transporter herbeirufen, oder einem Stapler befehlen könne, eine Kiste aus dem Hochregallager zu holen. Das hört sich nach einer Befreiung von den Zwängen an, die mit der Einführung des Fließbandes durch Henry Ford verbunden waren. Aber stürzt diese angebliche Befreiung Arbeitnehmer nicht in eine noch viel größere Unfreiheit?

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