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SENDETERMIN Do, 11.4.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen | 100 Jahre Bauhaus Radikal anders wohnen?

Leben in Bauhaus-Architektur

Von Julia Haungs

Das Bauhaus feiert 100. Geburtstag und steht glänzend da: Die Kunstschule ist ein Mythos, weltweit verehrt als Inbegriff von Fortschritt und Moderne.

Aber wie lebt es sich heute tatsächlich in der Architektur, die das Wohnen radikal neu denken wollte? Die Lebenswelten sind vielfältig und reichen von der Berliner Gropiusstadt über die mittelständische Karlsruher Siedlung Dammerstock bis zu exklusiven Einfamilienhäusern in bester Lage.

Bewähren sich die Gestaltungsprinzipien des Neuen Bauens auch im 21. Jahrhundert? Und wie geht die zeitgenössische Architektur mit diesem Erbe um?

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100 Jahre Bauhaus

Bauhaus bei uns - die wichtigsten Zeugnisse des Neuen Bauens im Südwesten

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Zum Audio: Bauhaus-Schmuckstück: Das Weingut Kreutzenberger in Kindenheim

Das Hauptgebäude des familienbetriebenen Weinguts in Kindenheim, Landkreis Bad Dürkheim, wurde 1929 vom Architekten Otto Prott im Bauhaus-Stil entworfen. Die radikal neue Architektur des Gebäudes war damals revolutionär. Die klare, nüchterne Formsprache und der weiß verputzte, würfelförmige Baukörper sind ikonisch für den Stil des Neuen Bauens. Das Weingut Kreutzenberger ist Teil der Kulturdenkmalliste von Rheinland-Pfalz.

Zum Audio: Bauhaus-Schmuckstück: Das Weingut Kreutzenberger in Kindenheim

Das Hauptgebäude des familienbetriebenen Weinguts in Kindenheim, Landkreis Bad Dürkheim, wurde 1929 vom Architekten Otto Prott im Bauhaus-Stil entworfen. Die radikal neue Architektur des Gebäudes war damals revolutionär. Die klare, nüchterne Formsprache und der weiß verputzte, würfelförmige Baukörper sind ikonisch für den Stil des Neuen Bauens. Das Weingut Kreutzenberger ist Teil der Kulturdenkmalliste von Rheinland-Pfalz.

Schlichte Materialien, einfache Bauweise: Der Mitbegründer der Bauhaus-Idee und Kirchenarchitekt Otto Bartning hat die Lutherkirche in Mainz 1949 im Rahmen seines Kirchennotprogramms errichtet. 48 Notkirchen hat Bartning nach dem Krieg innerhalb kürzester Zeit bauen lassen. Möglich machte das ein Baukastenprinzip. Das seriell vorgefertigte Holzskelett der Kirchen musste vor Ort von den Gemeindemitgliedern nur noch ausgebaut werden. Ein Konzept, das programmatisch steht für den radikalen Funktionalismus der Bauhaus-Schule.

Im Bild: Die Bildcollage zeigt links den Bau der Lutherkirche 1949, rechts die Innenansicht der Lutherkirche heute. Das Holzskelett lässt sich in beiden Aufnahmen gut erkennen.

Auch die alte Pirmasenser Hauptpost ist architektonisch ein Denkmal der Bauhaus-Formensprache, entstanden in der Zeit zwischen dem Erstem und Zweitem Weltkrieg, die in Pirmasens von der Entwicklung neuer Wirtschaftszweige und einem verzweifelten Überlebenskampf während der Inflation gekennzeichnet war. Das denkmalgeschützte Gebäude von 1928 wird derzeit zu einer Jugendherberge umgebaut. Elemente der Bauhaus-Architektur bleiben jedoch erhalten und lassen sich im Gebäude wiederentdecken.

Über die Bauhaus-Architektur von Pirmasens informiert auch eine Doppelausstellung im Forum Alte Post.

Zum Audio: Der Hafenbahnhof Friedrichshafen des Architekten Karl Hagenmayer ist eines der wenigen Baudenkmäler der Klassischen Moderne in der Region.

Das 1933 eröffnete Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit ist eine Stahlskelettkonstruktion mit Hohlsteinfüllung. Der Uhren- und Aussichtsturm überragt den rechteckigen, langgestreckten Körper und fügt sich in ein Gesamtbild, das Technik, Industrie und Architektur miteinander verbindet, entsprechend der Ausrichtung des 1996 im Hagenmayerbau eröffneten Zeppelin-Museums. Es steht für Fortschrittsglauben, den Willen zur Neuerfindung und Innovation.

Zum Audio: Das Haus auf der Alb bei Bad Urach ist das größte Gebäude im Bauhausstil in Süddeutschland.

Seine schlichte, transparente und funktionale Formgebung stehen für den Stil des Neuen Bauens. Der Bauhausarchitekt Adolf G. Schneck, der auch am Bau der Stuttgarter Weissenhofsiedlung beteiligt war, baute das Gebäude 1929/30 ursprünglich als Erholungsheim für Kaufleute. Seit 1981 steht das Erholungsheim unter Denkmalschutz und ist heute Tagungsstätte der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

Im Bild: links die Außenansicht des „Haus auf der Alb“, rechts ein Treppenaufstieg im Gebäude.

Durch die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg und im Zuge der Industrialisierung verstand die Bauhaus-Schule den Wohnsiedlungsbau als einer ihrer Kernaufgaben. Industriestädte benötigten dringend Platz für Arbeiterfamilien. In Ludwigshafen entstand unter der Leitung des Architekten Markus Sternlieb 1929 die Westendsiedlung. Die strenge Symmetrie, die kubische Form und die funktionale, schmuck- und schnörkellose Gestaltung lassen den Einfluss der Bauhausarchitektur deutlich erkennen.

Der Nationalsozialismus war eine Zäsur in der Bauhaus-Bewegung. Als einer der letzten nahm Herman Blomeier 1932 in Dessau sein Bauhaus-Diplom entgegen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er seine architektonischen Ideen umsetzen. 1950 baut er am Bodensee die Bauten zwischen der Fährverbindung von Meersburg nach Konstanz. Wie Pfeiler einer unsichtbaren Brücke ragen die beiden Baukörper in den See hinein. Die schwerelos wirkenden Pavillons aus Beton, Stahl und Glas stehen mit ihren geschwungenen Formen, weiten Flachdächern und filigranen Details für die Aufbruchstimmung der jungen Bundesrepublik.

Im Bild: Die Ländebauten in Konstanz im Jahre 1953

Der Weissenhof in Stuttgart ist eines der bedeutendsten Bauhaus-Zeugnisse im Südwesten Deutschlands und zählt zu den wichtigsten architektonischen Denkmälern der Klassischen Moderne. Unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe wirkten 17 namhafte Architekten aus fünf Ländern 1927 an der Entstehung der Wohnsiedlung mit, darunter die heute weltberühmten Bauhaus-Vertreter Walter Gropius, Le Corbusier und Hans Scharoun. Die nüchterne und minimalistische Architektur der würfelartigen Gebäude erregte damals großes Aufsehen, stieß aber auch auf Unverständnis. Das zur Siedlung gehörende Doppelhaus der Architekten Corbusier und Jeanneret gehört seit 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Im Bild: Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret in der Weissenhofsiedlung in Stuttgart.

Anfang des 20. Jahrhundert entstand mit einem neuen Körperbewusstseins auch eine Schwimmkultur in Deutschland. 1926 wurde der Schwimmunterricht an Schulen eingeführt. So entstanden in der Zeit des Neuen Bauens auch viele Bäder. In Stuttgart Heslach steht bis heute das 1929 im Bauhaus-Stil gebaute Heslacher Stadtbad. Die Baumeister Franz Groos und Friedrich Fischle waren zwar keine Bauhaus-Architekten, doch orientierten sie sich ganz an den damals populären Formen der Neuen Sachlichkeit, die sie den Bedürfnissen der Stadtbevölkerung anpassten. Die Schwimmhalle steht mitten in einem belebten Wohngebiet und beeindruckt mit seinen imposanten Ausmaßen und der symmetrischen Aufteilung des Raumes mit der umlaufenden Galerie.

Die Vogelwarte auf der Althreininsel Rappenwört in Karlsruhe wurde 1929 von Bauhaus-Architekten Walter Merz entworfen. Der markante Gebäudekomplex trägt alle Merkmale des Neuen Bauens - weiße Kuben, übers Eck gezogene Fenster, das flache Dach – und steht im spannungsreichen Kontrast zur umgebenen Natur. Heute wird die Vogelwarte als Naturschutzzentrum genutzt.

Auch die Dammerstocksiedlung in Karlsruhe ist ein wichtiges Zeugnis des Neuen Bauens im Südwesten. Unter Mitwirkung von Walter Gropius, Otto Haesler und anderen namhaften Bauhaus-Architekten entstand die Siedlung 1927 in nur sieben Monaten Bauzeit. Der Dammerstock war seinerzeit eine Modellsiedlung des sozialen Wohnungsbaus. Bei der Konzipierung stand der „Gebrauchswert“ der Wohnungen für Familien der unteren und mittleren Einkommensgruppe zentral. Auch die Dammerstock-Siedlung erregte zunächst Unverständnis und wurde in der Bevölkerung anfänglich als „Jammerstock“ bespöttelt. Heute ist der Dammerstock eine beliebte Wohnsiedlung in Karlsruhe.

Die Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm gilt nach dem Weimarer Bauhaus als die international bedeutendste Design-Hochschule. Sie wurde 1953 von Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und dem Schweizer Bauhaus-Architekten Max Bill gegründet und existierte bis 1968. Die Gebäude der Hochschule, die Max Bill 1953 entwarf, gehören zu den bedeutendsten Beispielen der konkreten Architektur in Deutschland. Nicht zuletzt durch den Einfluss von Walther Gropius, der Max Bill bei der Konzipierung berat und 1955 die Festrede zur Eröffnung der Hochschule hielt, knüpfen die Bauten eng an die Traditionen des Bauhauses an. Seit 1979 sind sie als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung geschützt.

Die Klosterkirche Maria Laach in der Eifel wurde in den 1930er Jahren im Bauhaus-Stil renoviert. Der Benediktiner und Bauhaus-Künstler Theodor Bogler entwarf dort sakrale wie auch alltägliche Dinge: Teekannen, Keramikkruzifixe, Lesepulte. Bogler gehörte 1919 in Weimar zu den Bauhaus-Studenten der ersten Stunde. Er wollte eigentlich Architektur studieren. Da aber die Architekturklasse noch nicht eingerichtet war, wechselte er zum Design. Auch das ist typisch Bauhaus: die strengen Grenzen zwischen Architektur, Design und Handwerk aufzulösen.

Im Bild: Die Keramikmanufaktur des Klosters Maria Laach ist ein besonderer Ausstellungsort für die Entwürfe und Keramiken von Theodor Bogler. Auch im Kloster selbst finden sich an vielen Stellen Bauhausmotive und -formen, hier zum Beispiel an der Decke der Werkhalle.

Von Erich Schelling und Ulrich Finsterwalder entworfen, wurde die Schwarzwaldhalle in Karlsruhe nach nur acht Monaten Planung und Bauzeit 1953 fertig gestellt. Das spektakuläre Gebäude sorgte international für Aufsehen. Es ist die erste Halle in Europa, die mit einem selbst tragenden Hängedach aus Spannbeton gebaut wurde. Der experimentelle Bau ist eine architektonische Besonderheit der Stadt und seit 2000 eingetragenes Kulturdenkmal.

Bildcollage: Links die Außenansicht der Schwarzwaldhalle, rechts Innenansicht der Halle mit ihrem Hängedach.

Vom Barockgebäude der Dreifaltigkeitskirche in Worms ist nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg nur das Westportal erhalten geblieben. In den 1950er Jahren baute Otto Bartning die Kirche im Bauhausstil wieder auf und verzichtete dabei auf eine historisierende Rekonstruktion des Innenraums und eine figürliche Bemalung des Holzdeckengewölbes. Stattdessen gestaltete er die Kirche klar, kühl und in zarten Farben.

Im Bild: Innenansicht der Dreifaltigkeitskirche in Worms

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