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Jugendliche stehen vor einer Schule.

SENDETERMIN Sa, 19.3.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Knete, Konto und Konsum

Finanzkompetenz für Kinder und Jugendliche

Viele junge Deutsche sind überschuldet. Rund 15 Prozent der Bürger unter 30 Jahren können ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Unwissen ist häufig der Grund für die Misere. Zu viele Jugendliche und junge Erwachsene wissen zu wenig über Finanzen, Versicherungen, Verträge, da sind sich Verbraucherschützer und Wirtschaftsverbände einig. Doch die Meinungen gehen weit auseinander, wenn es um die Frage geht, wie ein guter Finanzunterricht denn nun aussehen könnte.

2012 hat die OECD im Rahmen der Pisa-Studie erstmals das Finanzwissen von 15jährigen abgefragt. Geprüft wurde etwa, ob die Schüler Rechnungen oder Kontoauszüge verstehen oder die Kosten eines Kredits erfassen können.

Die Ergebnisse zeigten: Jeder siebte Schüler scheiterte bereits an einfachen Finanzaufgaben, wie dem richtigen Lesen einer Rechnung. Nur jeder zehnte Schüler konnte komplexere Finanzaufgaben lösen. Deutschland beteiligte sich allerdings nicht an der Untersuchung. Aus Furcht vor einer Blamage, wie Kritiker damals unkten.

Kinder und Kosum

Hier ein kostenpflichtiges Handy-Spiel, dort eine Smartphone-App. Musik downloaden oder Filme streamen. Online-Shoppen oder bei Ebay verkaufen. Zudem ist der Konsumdruck gewachsen. Das "coole" Smartphone oder die "angesagten" Turnschuhe zu haben, ist enorm wichtig.

Jugendliche sitzen mit ihrem Handy auf einer Bank

Fast jeder Jugendliche nutzt ein Smartphone. Viele tappen dabei in die Kostenfalle.

Und schon Kinder sind im Visier von Marketingstrategen und Werbefachleuten. Um gegenzusteuern bieten Bettina Sobkowiak und ihre Kollegen vom Präventionsnetzwerk Finanzkompetenz Workshops und Projekte an, die schon in der Grundschule ansetzen, beim Thema Taschengeld zum Beispiel.

Für jede Altersgruppe gibt es entsprechende Angebote. Am Ende der Schulzeit wird auf den Ausbildungsbeginn, die Volljährigkeit, die erste eigene Wohnung vorbereitet. Bundesweit gibt es zahlreiche Angebote rund um das Thema finanzielle Bildung. Anbieter sind häufig Verbraucherzentralen oder Schuldnerberatungsstellen.

Keine Ahnung von Miete

Doch häufig werden die Bildungsangebote nur projektbezogen gefördert. Läuft die Förderung aus, ist es vorbei mit der Prävention. Egal wie gut das Projekt funktioniert, wie sehr es nachgefragt wird.

Während die Bildungsangebote der Verbraucherzentralen und Schuldnerberatungsstellen immer wieder unter Finanzierungsvorbehalt stehen, drängt die Wirtschaft an die Schulen und in den Unterricht. Seit Jahren schon locken Verbände, Kreditinstitute oder Versicherungskonzerne mit Unterrichtsmaterialen, Projekten oder Wettbewerben wie "Fit for Money", "Business at school", "oder "Planspiel Börse". Um nur einige wenige zu nennen.

Doch Anfang 2015 argumentierte die Schülerin Naina, als sie twitterte – Zitat: "Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann `ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen." Zitat-Ende. Der Tweet verbreitete sich in rasender Geschwindigkeit in den Sozialen Netzwerk.

Jugendliche sitzen in einem Unterrichtsraum. Eine Lehrkraft schreibt mit Kreide an eine Tafel.

Wirtschaft als Schulfach?

Mehr Wirtschaft in die Schulen

Die Medien griffen das Thema auf. Naina trat quasi über Nacht eine Bildungsdebatte los. Auch die Wirtschaftsverbände fordern seit Jahren schon: Mehr Wirtschaft in die Schulen. Zum Beispiel die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, kurz BDA. Hier ist Dr. Donate Kluxen-Pyta stellvertretende Leiterin der Abteilung Bildung und damit eine der langjährigen Lobbyistinnen für ein Schulfach Wirtschaft.

Seit Jahren plädiert die BDA für die Einführung eines Pflichtfachs "Wirtschaft" an allen weiterführenden Schulen Deutschlands. Den Anfang macht nun im Schuljahr 2016/17 das Land Baden-Württemberg. An allen weiterführenden Schulen wird das Fach „Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung“ eingeführt.

Doch die Einführung des Pflicht-Schulfaches sorgte auch für heftige Kritik. Die Befürchtung: Das Fach könnte nicht eines ü b e r Wirtschaft sein, sondern eines d e r Wirtschaft. Ein Vorwurf, den BDA-Vertreterin Kluxen-Pyta zurückweist. Das Ziel sei nicht, kleine Betriebs- oder Volkwirte auszubilden, betont sie.

Finanzindustrie in den Schulen

Reinhold Hedtke sieht das völlig anders. Der Professor für die Didaktik der Sozialwissenschaften und Wirtschaftssoziologie an der Universität Bielefeld findet es völlig überflüssig in einem Schulfach "Wirtschaft" Finanzpraktisches zu unterrichten.

Im Übrigen sei es ein fast aussichtloses Unterfangen, über Bildung die Kunden an den Märkten mächtiger, klüger oder rationaler zu machen, so Hedtke. Viel wichtiger wäre es, die Regeln so zu gestalten, dass die jugendlichen Konsumenten nicht in Vertrags- oder Schulden-Falle laufen.

Dass zunehmend auch die Finanzindustrie in die Schulen drängt, ist für Hedtke eine Folge der Teilprivatisierung der Altersvorsorge. Der Didaktiker fürchtet, dass es dabei weniger um Aufklärung geht. Ziel sei es vielmehr, Schüler und Schülerinnen darauf vorzubereiten, sich auch als Anleger zu verstehen.

Mann mit leeren Hosentaschen auf der Landstraße

Den Umgang mit Geld müssen Heranwachsende erst lernen.

Lehre der selbstbestimmten Entscheidung

Der Sozialwissenschaftler plädiert dafür, Schule als den Ort zu verstehen, an dem Jugendliche darüber nachdenken können, welches ökonomische Leben sie überhaupt führen wollen. Was sie von ihrem Beruf erwarten, wie sie arbeiten und wie sie konsumieren wollen. Und nicht, wie sie sich am besten ins bestehende Wirtschaftssystem einfädeln.

Kirstin Wulf ist selbsternannte "Über-Geld-Sprecherin". "Bricklebrit" heißt ihre Initiative. Frei nach einem Zauberspruch aus einem Grimmschen Märchen, in dem ein Goldesel Dukaten speit. Die studierte Politologin arbeitet mit Eltern und Erzieherinnen, mit Kindern und Jugendlichen. Sie bietet Vorträge, Workshops, Coachings.

Kirstin Wulf hat selbst zwei Söhne im Teenager-Alter. Der Umgang mit Geld wird im Elternhaus geprägt, sagt Kirstin Wulf. Kinder lernen dort durch Beobachten und Nachahmen. Kirstin Wulf ermuntert darum die Eltern, mit ihren Kindern über Geld zu sprechen.

Eine Frau schaut sich Drogeriemarkt etwas an

Die Verlockungen der Konsumwelt sind groß. Nicht jede(r) kann damit gut umgehen.

Über Geld sprechen

Und z.B. Taschengeld gezielt einzusetzen. Es nicht einfach nur auszureichen, damit die Kinder über eigenes Geld verfügen, sondern es als Anlass zu nehmen, um über Kosten und Konsum zu reden.

Wulf sagt, das Prinzip "Geld haben, Geld ausgeben" sei heute schwer vermittelbar und deswegen ist das "über Geld sprechen" auch so wichtig, wichtiger noch als Jahrzehnte zuvor. Die Mechanismen, die Kinder nicht sehen, müssten wir erklären und einordnen, sonst bleibt es für sie im Dunkeln.