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SENDETERMIN Di, 11.12.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Jugendliche in Gaza - abgeschottet und isoliert

Von Martin Durm

Für Jugendliche in Gaza endet die Zukunftsperspektive direkt vor dem Grenzzaun. Gegen den rennen sie an, wenn es - wie fast jeden Freitag - zu gewalttätigen Protesten gegen Israel kommt. Doch nicht nur Israel, auch die radikal-islamische Hamas verbaut ihnen die Zukunft und verwehrt ihnen den Weg zu einem freien, selbstbestimmten Leben.

Die Welt ist in Gaza 365 Quadratkilometer groß. Zwei Millionen Palästinenser leben hier, über die Hälfte ist jünger als 15 Jahre. Nur die wenigsten Bewohner hatten schon einmal Gelegenheit, den Gazastreifen zu verlassen. Auch das Ergebnis von 12 Jahren Blockade. Sie hat begonnen, nachdem die Hamas Macht übernahm. 12 Jahre, in denen sie ihre politischen Widersacher ausgeschaltet und das gesellschaftliche Leben durch und durch islamisiert hat.

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Jugend in Gaza

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Jugendliche in Gaza lernen von Geburt an, wofür sie zu kämpfen haben - und dass allein Israel an ihrer Misere schuld ist.

Jugendliche in Gaza lernen von Geburt an, wofür sie zu kämpfen haben - und dass allein Israel an ihrer Misere schuld ist.

Freitag ist Protesttag. Viele palästinensche Familien ziehen dann Richtung Grenzzaun.

Der Kampf ist allgegenwärtig: Eine Kassam-Rakete als Dekoration einer Verkehrsinsel in Gaza-Stadt.

Zerstörte Gebäude im Gaza-Streifen

Riskanter Kampf: 2018 wurden 200 Palästinenser getötet, mehr als 20.000 verletzt. Auch dem jungen Mann rechts im Bild wurde ein Bein abgeschossen. An den Protesten beteiligt er sich weiter.

Willkommen in Gaza: Ein Transparent glorifiziert Märtyrer im Kampf gegen Israel.

Bis in den Abend hinein: Freitagsproteste am Grenzzaun zu Israel. Die Grenze ist links im Bild.

Auch die palästinensischen Jugendlichen wissen: In den Gebäuden auf der anderen Seite von Grenzen sitzen israelische Scharfschützen, um mögliche Angriffe zu verhindern.

Matthias Schmale organisiert die Hilfe für palästinensische Flüchtlinge im Gaza

Die Anzeichen auf einen totalen Kollaps vermehren sich. Die Situation wird schlimmer sagt Matthias Schmale, ein geduldiger Mann mit hellen, schütteren Haaren. Er hat schon einiges erlebt.

Ich merke das manchmal in Diskussionen mit Kindern und Erwachsenen – man trifft viele, die depressiv sind. Wenn man 12 Jahre in einem Gefängnis lebt und nie direkten Kontakt hat, dann ist die Erfahrung die, dass Israelis Leute sind, die am Zaun schießen und einen verletzen oder töten.

Schmale ist Direktor der UNWRA in Gaza - der UN-Hilfsorganisation für palästinensische Flüchtlinge. Er kennt die dunklen Zonen der arabischen Welt. Gaza gehört dazu. Aber er sagt auch: Gaza ist nicht Jemen.

Matthias Schmale

Der Deutsche Matthias Schmale hat als UNRWA-Direktor in Gaza das Hilfsprogramm für Palästina verantwortet.

Sie werden hier nicht auf der Straße verhungernde Leute antreffen oder Leute, die an Cholera sterben. In dem Sinne gibt es sehr viel schlimmere Situationen in der Region. Es gibt viele Palästinenser hier, die mir sagen: Das Niveau an Armut ist in Ägypten sehr viel größer als hier im Gazastreifen.

Die UNWRA-Zentrale in Gaza ist ein hermetisch abgeriegelter Gebäudekomplex. Rund 13.000 Mitarbeiter kümmern sich hier um Nahrung, Gesundheit, Bildung; im Grunde um alles. UNWRA betreibt 275 Schulen, unterhält 21 medizinische Zentren, verteilt monatlich Lebensmittelrationen an bedürftige Großfamilien. Die Not der Menschen in Gaza ist keine materielle. Es ist etwas anderes. Es ist die Not des schuldlos Gefangenen. Er wird ernährt, versorgt, bewacht. Aber er weiß, dass er aus seiner Zelle nicht rauskommen kann.

Es muss sich irgendwann was tun, sagt Schmale. Im alltäglichen Leben müssen sich positive Veränderungen bemerkbar machen. Die Leute müssen im täglichen Leben merken, es tut sich was in Richtung Verbesserung. Wenn das nicht dauerhaft eintritt, dann wird das hier zusammenbrechen.

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