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Jiddu Krishnamurti auf dem Weg in die USA, April 1928

SENDETERMIN Fr, 14.12.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

Ein spiritueller Rebell Jiddu Krishnamurti

SWR2 Wissen. Von Rolf Cantzen

Religionen, organisierter Glauben, Dogmen, Rituale sind für den indischen Philosophen Krishnamurti "absurder Unsinn". All das spalte die Menschen, führe zu Kriegen, dem "ganzen Schrecken dieser Welt".

"Wahrheit ist ein Land ohne vorgegebene Wege" - der indische Philosoph und Weisheitslehrer Krishnamurti (1895 - 1986) weigerte sich Zeit seines Lebens, den Erwartungen an einen typischen spirituellen Lehrer zu entsprechen. Nur vollständig frei könne es gelingen, friedlich und gewaltlos miteinander zu leben, betonte er.

Im Jahre 1909, als 14-Jähriger, war Krishnamurti als "Weltlehrer" angekündigt worden, als Messias, der die Menschheit in einer neuen Religion eint. Die Theosophische Gesellschaft, ein um das Jahr 1900 mächtiger, finanzkräftiger Verein mit vielen einflussreichen Mitgliedern weltweit, hatte in Krishnamurti Geld und Hoffnung investiert.

Die spirituelle Gesellschaft hatte ihn aus seiner Familie im südindischen Adyar geholt, ihn in ihre Geheimlehren eingeweiht, ihn in Indien, England, Australien und in den USA ausgebildet und sogar extra für ihn einen Orden gegründet. Zudem hatten die Theosophen Krishnamurti als jungen Mann komfortabel reisen lassen, ihm große Autos zur Verfügung gestellt und ihn mit teurer Kleidung ausstaffiert. Bei seinen eindrucksvollen Auftritten standen sogar zwölf Apostel für ihn bereit.

Der "Weltlehrer" will kein Guru sein

Doch am 3. August 1929, während seiner feierlichen Inszenierung als "Weltlehrer", lehnte Krishnamurti die Unterstützung plötzlich ab – freundlich, aber entschieden:

"Meiner Ansicht nach ist die Wahrheit ein pfadloses Land, die Sie auf keinem Weg erreichen können, weder über eine Religion noch über eine Sekte. Das ist meine Meinung, die ich absolut und bedingungslos vertrete. Die Wahrheit, die keine Grenzen und Bedingungen kennt und zu der kein Weg führt, lässt sich nicht organisieren."

Ein Eklat. Krishnamurti weigerte sich, ein spirituelles System zu vertreten, eine religiöse Botschaft zu proklamieren. Das hält Anhänger bis heute nicht davon ab, aus seinen Reden und Schriften genau das zu machen.

Nur wenn sich der einzelne ändert, verändert sich die Gesellschaft

Der Meister selbst wollte kein Guru, kein spiritueller Meister sein. Trotzdem brachten Anhänger seiner Person eine Verehrung entgegen, die Krishnamurti in seinen Reden durch Provokationen und Warnungen immer wieder zu irritieren versuchte:

"Hören Sie auf niemanden - vor allem nicht auf den Redner."

Dennoch hielt er weltweit Reden und publizierte Bücher. Oft zog er sich lange zurück, gründete Schulen in England, den USA und Indien, traf sich mit Schriftstellern, Naturwissenschaftlern und Politikern. Krishnamurti zeigte sich entsetzt über Krieg, Gewalt und soziale Ungleichheit und machte jeden Einzelnen dafür verantwortlich.

Erst wenn jeder einzelne Mensch sich ändere, so Krishnamurti, ändere sich die Gesellschaft, die Wirtschaft, das globale Gewaltsystem.

Das Ich ist eine Illusion

Doch dieses "sich selbst kennen" kann auch zu der Erkenntnis führen, dass dieses Selbst, was es zu kennen gilt, nichts ist, was der Mensch finden kann, nichts, was er festhalten oder womit er glücklich werden kann. Das zu sich selbst gefundene Selbst, das Ich, die Ich-Identität nannte Krishnamurti eine Falle, eine Illusion.

Insofern ist seine Lehre bis heute für viele Menschen psychologisch schwer zu ertragen. Weil alles das, was sich der Mensch an Wissen, an Erinnerung, an Überzeugungen, an innerer Haltung, an Gefühlen und Erlebnissen angeeignet hat, ihn - laut Krishnamurti - daran hindert, sich zu öffnen für die Stille des Augenblicks, für das Hier und Jetzt, für das, was letztlich nicht in Worte zu fassen ist.

Konditionierungen machen unfrei, produzieren Leid, Unruhe, Unglück und machen den Menschen zu einem Getriebenen, so die Lehre Krishnamurtis. Das Denken, Wollen, Reflektieren, Wünschen ändere nichts. Es halte uns in Unfreiheit und bleibe den Konditionierungen verhaftet.

Sich dem Unbekannten öffneng

Doch was etwas ändert, das konnte Krishnamurti nicht formulieren, weil er dann wieder neue Konditionierungen erzeugt hätte, neue Unfreiheit, neue Unzufriedenheit, neues Leiden. Was also tun? Krishnamurtis Rat: Sich der Konditionierung bewusst werden.

Diese Radikalität korrespondiert mit keinem Rettungsweg, mit keiner Therapie, mit keiner Handlungsoption. Der Einzelne bleibt auf sich allein gestellt. Und die Befreiung liegt jenseits aller Begriffe und Worte. Sie ist erlebbar in Glücksmomenten der Stille, im zeit- und ich-losen Zustand des Beobachtens ohne Beobachter, im Erleben des Augenblicks ohne den, der es erlebt - ohne den Denker.

"Man fragt sich nun, ob es möglich ist, auf dieses Eine zu treffen, ohne es einzuladen, ohne es zu erwarten, ohne es zu suchen, ohne danach zu forschen – es von ungefähr zu erleben wie einen erfrischenden Windhauch, der hereinströmt, wenn Sie das Fenster offenlassen. Sie können den Wind nicht einladen, aber Sie müssen das Fenster offenlassen."

Religionen sind unhinterfragte Konditionierungen

Es sind letztlich jene beglückenden mystische Einheitserlebnisse, in der das Ich und sein Denken nicht wahrgenommen und die Zeit still steht. Jener "andere" Zustand großer innerer Ruhe und Gelassenheit, den Mystiker immer wieder beschreiben.

"Unsere Religionen, die organisierten Glauben, Dogmen, Rituale, dieser ganze absurde Unsinn, all das spaltet die Menschen. Kriege, Kriegsvorbereitungen, Atombomben, Sie kennen den ganzen Schrecken dieser Welt."

Auch religiöse Systeme bleiben für Krishamurti etwas Äußerliches, etwas, mit dem sich der Mensch identifiziert, wie Eigentum, Status, Traditionen, Nationalstolz, unhinterfragte Wertvorstellungen und andere Muster und "Konditionierungen".

betende Hände in Nahaufnahme

Religiöse Systeme sind für Krishnamurti etwas Äußerliches


Das eigene Los loslassen

Erst wenn es den Menschen gelingt, das zur Disposition zu stellen und andere – "spirituelle" – Erfahrungen zu machen, ändere sich das Verhalten und mit dem Verhalten die Welt.

"Das Denken ist immer fragmentarisch, und was es festhält, ist immer unvollständig. Die Stille des Gehirns, bei äußerster Sensibilität, ist wesentlich."

Krishnamurtis Bücher werden in hohen Auflagen weltweit publiziert, seine gefilmten Reden sind im Internet zu sehen. Auch nach seinem Tod blieb er bekannt als Guru, der keiner sein wollte mit einer Lehre, die nichts vorschreiben will. Seine Kritik an jeder Autorität und jeder Herrschaft, vor allem an Religionen und ihren vermeintlichen Wahrheiten, ist an Radikalität kaum zu überbieten.

Verändern kann sich nur dann etwas, wenn sich der Einzelne von seinen Verhaltens- und Denkmustern verabschiedet und nichts und niemandem glaubt – schon gar nicht an Krishnamurti selbst.

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