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Rousseaus 1762 erschienener Erziehungsroman "Émile" ist überraschend modern

SENDETERMIN So, 13.1.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Querdenker der Aufklärung (2/2) Was Jean-Jacques Rousseau uns zu sagen hat

SWR2 Wissen: Aula. Von Sabine Appel

Jean-Jacques Rousseau war seiner Zeit weit voraus, er legte den Finger auf die Wunden, die die Moderne dem Menschen zugefügt hatte. Seine Zivilisationskritik hat bis heute nichts an Aktualität verloren.

Der Vortrag von Sabine Appel auf einen Blick:


Warum Rousseau seine Seidenstrümpfe auszieht

1742 hatte sich Rousseau in Paris niedergelassen. Er nahm allerdings Abstand von den intellektuellen vorrevolutionären Zirkeln und ihrem Denkklima. Gerade deren zynische Wortakrobatik war für den Puristen und Authentizitätsfanatiker ein Gegenmodell seiner Vorstellungen.

Als er sich 1751 entschied, künftig als freier und unabhängiger Mann vom Notenabschreiben zu leben, dokumentierte er diesen Wandel auch äußerlich: Alles Gold, allen Glitter tat er von sich, so schreibt er, sodann auch die weißen Seidenstrümpfe, den Degen, die Puderperücke - und seine Uhr.

Es war Ausdruck eines Bruchs mit der Zivilisation, vor allem aber mit der Hof- und Gesellschaftskultur von Paris.

Bourgeoise Mode um 1750

Mit der Kleidung der Bourgeoisie konnte Rousseau nicht viel anfangen. Nicht nur deshalb galt er vielen als ein an Paranoia leidender Sonderling.

Als alter Mann lief er mit einer armenischen Pelzmütze anstelle der noch immer obligatorischen höfischen Perücke herum.

"Èmile" treibt Rousseau in die Flucht

In seinem Erziehungsroman "Emile" gibt es von Rousseau den bezeichnenden Satz: "Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen der Menschen."

Diese fundamental kultur- und zivilisationskritische Aussage ist mindestens so radikal wie seine konkreten politischen Forderungen in den politiktheoretischen Werken, so dass auch verständlich wird, warum gerade dieser Erziehungsroman, gleichzeitig mit dem "Gesellschaftsvertrag" erschienen, dem Autor umgehend die größten Schwierigkeiten bereitete.

Er wurde 1762 vom Pariser Parlament konfisziert und verdammt, und es wurde Haftbefehl gegen den Autor erlassen. Rousseau flüchtete in die Schweiz und lebte jahrelang als Asylant.

Wie einfach Glück sein kann

Rousseau rüttelt auf, und er ist so etwas wie unser schlechtes kulturelles Gewissen. Er zeigt uns die Grenzen des Wachstums und die Verlustgeschichte des Fortschritts. Er zeigt uns, wie einfach das Glück sein kann, wenn man es als kleinen und vielleicht auch etwas illusorischen Fluchtpunkt in einer Welt voller Divergenzen versteht. Denn das Paradies war und bleibt wohl für immer verschlossen. 

Sabine Appel ist freie Buchautorin im Genre Historische Biografien mit einem Schwerpunkt auf europäischer Ideengeschichte.



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