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Das Phantombild zeigt die Tote vom Isdal.

SENDETERMIN Do, 5.7.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

Die Isdal-Frau Eine kriminalistische Spurensuche

SWR2 Wissen. Von Kirsten Tromnau und Claudia Kaffanke

War sie eine Agentin? Eine Spionin? Oder eine Prostituierte? Seit Jahrzehnten gibt die Leiche der Isdal-Frau Rätsel auf. Jetzt führen neue Spuren in den Südwesten Deutschlands.

Es ist einer der mysteriösesten Mordfälle in Norwegen: Die tote Frau aus dem Isdal (Eistal). Vor fast 40 Jahren wurde eine verbrannte Frauenleiche in der Nähe der Stadt Bergen gefunden. Bis heute weiß niemand, wer die Frau war. Die Polizei fand nur gefälschte Reisepässe. Selbst aus ihrer Kleidung wurden die Etiketten entfernt. Viel spricht dafür, dass die Frau ermordet wurde. War sie eine Agentin? Jetzt haben norwegische Journalisten zusammen mit Kriminaltechnikern aus aller Welt den Fall neu aufgerollt.

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Die mysteriöse Isdal-Frau: Spuren eines Mordfalls

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Seit Jahrzehnten gibt die Leiche der Isdal-Frau Rätsel auf. Jetzt führen neue Spuren in den Südwesten Deutschlands. 1970 wird im Isdal in Norwegen die verbrannte Leiche einer Frau gefunden. Die historische Aufnahme zeigt Ermittler am Tatort. Bis heute wird gerätselt, wer sie ist. Eine Agentin des KGB? Die norwegische Fernsehjournalistin Marit Higraff rollt den Fall der Isdal-Frau gemeinsam mit der Polizei neu auf. Sie hofft, den mysteriösen Kriminalfall mit modernen Methoden und Techniken wie der DNA-Analyse zu lösen. Die Spur führt nach Rheinland-Pfalz. Hier unterstützt der SWR die Recherchen.

Seit Jahrzehnten gibt die Leiche der Isdal-Frau Rätsel auf. Jetzt führen neue Spuren in den Südwesten Deutschlands. 1970 wird im Isdal in Norwegen die verbrannte Leiche einer Frau gefunden. Die historische Aufnahme zeigt Ermittler am Tatort. Bis heute wird gerätselt, wer sie ist. Eine Agentin des KGB? Die norwegische Fernsehjournalistin Marit Higraff rollt den Fall der Isdal-Frau gemeinsam mit der Polizei neu auf. Sie hofft, den mysteriösen Kriminalfall mit modernen Methoden und Techniken wie der DNA-Analyse zu lösen. Die Spur führt nach Rheinland-Pfalz. Hier unterstützt der SWR die Recherchen.

Wanderer fanden die Leiche der Isdal-Frau an einem sehr abgelegenen Hang des Isdals. Der Fall wurde von der norwegischen Polizei sehr schnell als Selbstmord zu den Akten gelegt. Dem Obduktionsbericht zufolge hatte die Frau zwischen 50 und 70 Schlaf- und Beruhigungstabletten genommen. Sie lag auf dem Rücken, ihre Vorderseite war verbrannt, fast bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Am Tatort fand man eine kleine Menge Benzin, aber keinen Kanister oder andere Behälter. Die Rechtsmediziner nahmen als offizielle Todesursache eine Kombination aus Vergiftung durch die Tabletten, Kohlenmonoxid und den Brandverletzungen an. Die Frau lebte und atmete also noch, als sie verbrannte. Viele Norweger können sich bis heute nicht mit der Selbstmordtheorie abfinden.

Nach einigen Tagen findet die Polizei in einem Schließfach in Bergen zwei Koffer, die der Isdal-Frau gehörten. Darin: Perücken, Brillen mit Fensterglas, Kosmetika mit abgekratzter Beschriftung, aber kein Hinweis auf die Identität der Frau. Offenbar hat die Tote häufiger ihre Identität gewechselt. Eine erste kleine Spur führt nach Deutschland: In den Koffern lag eine Streichholzschachtel mit einem Aufdruck von Beate Uhse, Flensburg.

Das Phantombild zeigt, wie die Tote vom Isdal ausgesehen haben könnte. Die Polizei fand heraus, dass die Tote ein Zimmer im „Hotel Neptun“ in der Stadt Bergen gemietet hatte. Die damaligen Hotelangestellten erinnern sich auch fast fünfzig Jahre später noch an die geheimnisvolle Frau, die sie sich meist im gleichen Stil kleidete: weiße Bluse und schwarze Hose. Andere Zeugen beschreiben sie als hübsch. Und sie hätte etwas Exotisches gehabt. Die Zeugen schätzen sie auf Anfang bis Mitte 30. Sie hatte schwarze, mittellange Haare; manche sagen ein eher osteuropäisches Gesicht, andere sprechen von asiatischen bis orientalischen Gesichtszügen. Außerdem ist den Zeugen noch eine Zahnlücke an den Vorderzähnen aufgefallen, dadurch hat die Frau wohl leicht gelispelt. Sie stellte sich meist als Belgierin vor. Kennen Sie diese Frau?

Diesen Block fanden die Ermittler im Koffer der Toten von Isdal. Notiert hatte sie einen Zahlencode, mit dem sie festhielt, welche Städte sie bereist hatte. Doch warum hat sie ihre Identität als auch ihre Reiseroute verschleiert? 1970 melden sich verschiedene Hotels in Norwegen, die die Frau anhand des Phantombildes erkannt haben. Sie reiste offenbar wochenlang durch Norwegen als Finella Lorck, Claudia Tielt, Elisabeth Leenhoufr. Insgesamt soll sie acht verschiedene Identitäten benutzt haben - nicht nur in Norwegen. Auch in Paris, Basel und Hamburg war sie unter falschem Namen unterwegs.

Solche Gummistiefel der Marke "Kjendis" kaufte die Isdal-Frau vor ihrem Tod in Stavanger. Aus dem Ort Stavanger meldet sich kurz nach dem Tod der Isdal-Frau ein Fischer bei der Polizei. Auch er will die mysteriöse Frau gesehen haben: in Tananger. Das ist ein unscheinbarer Ort, doch 1970 führte das Militär dort Raketentests und Übungen durch. Der Fischer erinnerte sich, dass die Frau am Hafen wartete, bis ein Torpedoboot anlegte. Ein Marineoffizier kam von Bord, unterhielt sich mit der Frau, danach gingen beide wieder auseinander. Eine hochinteressante Spur. Doch Marit Higraff hat in den Polizeiakten zwar eine Notiz zu der Zeugenaussage gefunden - aber die Aussage selbst ist verschwunden.

Das Formular, mit dem die Isdal-Frau ein Zimmer im „Hotel Neptun“ in der Stadt Bergen gemietet hat. Die Journalistin Marit Higraff hat sich diverse Hotelformulare von damals noch einmal angesehen und herausgefunden, dass die Isdal-Frau in der Regel in deutscher Sprache geschrieben hat. Doch es gab immer wieder kleine Schreibfehler und grammatikalische Unsicherheiten. Deutsch war also vermutlich nicht ihre erste Sprache. Als Herkunftsland hat sie häufig Belgien angegeben. Sie hat auch einige Hotelformulare auf Französisch ausgefüllt. Vermutlich hat sie eine französische Schule besucht. Möglicherweise im Grenzgebiet zu Deutschland.

Die Norweger Journalistin Marit Higraff findet in alten Krankenhausarchiven Gewebeproben der Isdal-Frau. Auch den Unterkiefer der Frau gibt es noch. Sie sendet die Proben an das Institut für gerichtliche Medizin in Innsbruck, wo der Molekularbiologe und Gerichtsmediziner Walther Parson arbeitet. Er ist spezialisiert auf forensische DNA. Er versichert, "wenn wir von einem heute lebenden Menschen eine DNA-Probe bekommen und wir analysieren mit mitochondrialer DNA, dann wissen wir, woher seine Vorfahren kommen, weil wir das aus den Bevölkerungsdaten anderer Populationen rekonstruieren können. Wir können natürlich nicht genau den Ort sagen, aber wir können ihn einer groben Wanderungsbewegung zuordnen.

Anhand der Zähne der Isdal-Frau konnte eine Isotopenkarte erstellt werden, die zeigt, wo sie als Vierjährige gewohnt haben könnte. Denn in den Zähnen lagert sich die Kinder-und Jugendzeit ab, in den Knochen werden die Isotope der späteren Jahre gespeichert. Jede Nahrung oder das Trinkwasser einer Region haben quasi ihren eigenen „isotopischen Fingerabdruck“. Wasserstoffisotope zeigen, ob jemand am Meer oder im Gebirge gelebt hat. Spezialisten der norwegischen Universität in Bergen, aus Australien und der norwegischen Kriminalpolizei haben die Zähne der Isdal-Frau analysiert. Auf der Europakarte ist ein sehr roter Punkt in der Region rund um Nürnberg und eine sehr breitgezogene orange Linie von Trier entlang der französischen Grenze bis nach Karlsruhe zu sehen. Damit ist sicher, dass die Isdal-Frau aus Deutschland kommt.

Diese Isotopen-Karte zeigt, wo die Tote vom Isdal als 10-Jährige gelebt haben könnte. Eine Möglichkeit: Das Grenzgebiet zwischen Belgien, Frankreich und Rheinland-Pfalz. Sicher ist, die Frau wurde um 1930 geboren, mit großer Wahrscheinlichkeit im Raum Nürnberg. Dort hat sie aber nicht lange gelebt, ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie vermutlich im Südwesten Deutschlands, in der deutsch-französischen Grenzregion. In Nürnberg gibt es leider nur noch wenige Aufzeichnungen über Kinder, die um 1930 geboren wurden. Die norwegischen Kollegen haben die Theorie, dass die Frau vielleicht Jüdin war und allein oder mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Vielleicht wurde sie in einem Kloster versteckt?

Ein Kloster, das um diese Zeit auch Kinder aus Nürnberg aufgenommen hat, liegt in der Pfalz. Es ist das Kloster Maria Rosenberg in Waldfischbach-Burgalben. Das Kloster war damals ein Heim für schwer erziehbare Mädchen. Marit Higraff und ihr Team fahren mit Unterstützung des SWR ins Kloster Maria Rosenberg. Die große Klosteranlage liegt idyllisch an einem Hang am Ortsrand. Allein zwischen 1930 und 1940 sollen über zweitausend Mädchen auf dem Rosenberg gewesen sein. Sie wurden vor allem aus den großen Städten Augsburg, Nürnberg, Ludwigshafen und sogar aus Herne nach Waldfischbach-Burgalben gebracht. Auch aus Lothringen, aus Metz,  kamen Mädchen nach Maria Rosenberg.

Die norwegische Journalistin Marit Higraff befragt Roland Paul, den ehemaligen Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde, nach möglichen Spuren. Er hält es für möglich, dass die Isdal-Frau als Kind zwischen 1933 und 1939 allein oder mit den Eltern nach Frankreich emigriert ist. Möglich ist auch, dass sie 1940 nach Frankreich in das Internierungslager Gurs deportiert wurde. Diese Theorie wird von der Isotopenkarte unterstützt. Könnte die Isdal-Frau deshalb später Agentin geworden sein? Es gibt Spekulationen, dass sie für den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet hat. Vielleicht war sie eine Nazijägerin? Marit Higraff will weiterforschen. Nun hat sie den Bundesnachrichtendienst angefragt, ob es dort eine Akte zur Isdal Frau gibt. Bislang hat der BND noch nicht geantwortet.


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