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Der polnische Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman

SENDETERMIN Fr, 13.11.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

Zygmunt Baumans Kritik der Moderne In der Ego-Falle

Der Mensch heute scheint sich für Zygmunt Bauman im beschleunigten Überlebenskampf zu verlieren, irgendwo zwischen Cyberspace, deregulierten Märkten und künstlich geweckten Sehnsüchten. Die Zeit in der wir leben, nannte er darum eine "Flüchtige Moderne".

"Leben ist überleben, wer überlebt – gewinnt." - erschreckend und wie ein düsterer Slogan erscheint dieses Zitat aus einer Rede von Zygmunt Bauman, die er anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises 1998 in Frankfurt am Main hielt. Das Überleben im Schatten des Nationalsozialismus hat der 1925 geborene Soziologe am eigenen Leib erfahren, es wurde zum Leitmotiv seiner zahlreichen Bücher und Aufsätze.

Viele Einzelkämpfer

Zeit seines Lebens hat sich Zygmunt Bauman mit der Frage beschäftigt, wie soziale Ordnungen funktionieren, was sie zusammenhält und was sie gefährdet. Baumans Grundthese: Das schillernde Ideal eines solidarischen Gemeinwesens ist dem rigiden Wettbewerb vieler "Einzelkämpfer" gewichen, die sich nach seiner Überzeugung immer mehr zu Konsum und Selbstoptimierung verführen lassen.

Baumans unorthodoxes Denken macht Zusammenhänge deutlich, die in der Soziologie ansonsten so nicht zur Sprache kommen: Ironisch, pointiert, reich an Metaphern beschreibt Bauman das doppelbödige, ambivalente Alltagsleben in der globalisierten Welt. Seine analytischen Beobachtungen gleichen Puzzlestücken zur Geschichte der Postmoderne oder wie Zygmunt Bauman sagt: einer Flüchtigen Moderne.

Maschendrahtzaun mit einem ausgedruckten Schild, auf dem "Notunterkunft für Flüchtlinge" steht

Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsdebatte und so wie sie die Gesellschaft derzeit polarisiert, wirken die Texte Baumans brisant und drastisch zugleich

In dieser Situation sozialer Kurzatmigkeit werden Institutionen, Gemeinschaften durchlässig, konturlos und bieten den Menschen kaum noch Halt. An Stelle staatlicher Schutzfunktionen, treten die Wirkmächte der Weltwirtschaft, die die Ökonomie des Nationalstaates aushebeln und das soziale Netz beschädigen. Menschen, die dem Tempo mobiler Geldströme und Arbeitszeiten nicht mehr gewachsen sind, werden aussortiert, an die Ränder gedrängt und zur Flucht gezwungen.

Über Flüchtlinge

Flüchtlinge sind der Inbegriff von "menschlichem Abfall", weil sie in dem Land, in dem sie angekommen sind und vorübergehend bleiben, keine nützliche Funktion erfüllen und man weder beabsichtigt noch ihnen in Aussicht stellt, sie in die neue Gesellschaft aufzunehmen und einzugliedern. (Zitat Bauman)

Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsdebatte und so wie sie die Gesellschaft derzeit polarisiert, erscheint dieses Zitat brisant und drastisch zugleich. Brisant in seiner finsteren Prognose, dass Flüchtlinge mit ihrem Wunsch Mitbürger zu werden scheitern werden, drastisch im Müll-Vergleich, der allerdings nur auf einer höheren Abstraktionsebene verständlich und dann auch nicht verächtlich gemeint ist: In der Wachstumslogik der Ökonomie zählt nämlich nur die Kaufkraft, der Konsum und nicht die menschliche Qualität. "Menschlicher Abfall" ist ein Zynismus, der "unfähige Konsumenten" beschreibt nicht etwa tatsächliche Menschen.

Der polnische Philosoph Zygmunt Bauman im italienischen Parlament in Rom 2013

Der polnische Philosoph Zygmunt Bauman im italienischen Parlament in Rom 2013

Überflüssig zu sein, bedeutet, überzählig und nutzlos zu sein, nicht gebraucht zu werden – wie auch immer der Nutz- und Gebrauchswert beschaffen sein mag, der den Standard für Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit liefert. "Überflüssigkeit" bewegt sich im gleichen semantischen Umfeld wie "Ausschussware", "fehlerhaftes Exemplar", "Müll" – wie "Abfall". Die Arbeitslosen – die "industrielle Reservearmee".

Eine flüssige Gesellschaft

Ende der 1980er Jahre wurden die ersten Bücher von Zygmunt Bauman ins Deutsche übersetzt. In Fachkreisen las man Dialektik der Ordnung als das erste große soziologische Buch über die Judenvernichtung im Dritten Reich. Ein umstrittenes Buch, da es im Kern behauptet, dass die Vernichtung der europäischen Juden kein deutscher Einzelfall war, sondern ein in der Moderne angelegter Wahnsinn, der sich jederzeit wiederholen kann.

Immer wieder beobachtet und analysiert Bauman den Übergang von einer modernen in eine "flüssige Gesellschaft", den Wandel sozialer Ordnung ins Ungewisse. Die Bürger dieser liquid society leben in einem permanenten Belagerungszustand. Frei nach Rilke könnte man Baumans Essays als Bruchstücke einer Geschichte zerbrochener Leben bezeichnen.

Feierlichkeiten bei der Eröffnung des europäischen Kulturkongresses 2011 in Warschau, unter den Sprechern auch Zygmunt Bauman

Feierlichkeiten bei der Eröffnung des europäischen Kulturkongresses 2011 in Warschau, unter den Sprechern auch Zygmunt Bauman

In Moderne und Ambivalenz fließen Baumans Erfahrungen totalitärer Regime ein und die Erkenntnis, dass in den Strukturen totalitärer Ordnungen Sinn und Wahnsinn dicht beieinander liegen. In Baumans Schriften liest man kaum eine Zeile über sein eigenes Schicksal als Emigrant und Flüchtling – es ist ausgeblendet. Trotzdem spürt man, dass sein vehementes Aufbegehren gegen totalitäre Ordnungen, Kontrolle und soziale wie geistige Entmündigung seiner bewegten Biographie geschuldet ist.

Bauman als Flüchtling

Flucht und Vertreibung, einmal durch die Nationalsozialisten, dann durch die antisemitische Hetze im stalinistisch geprägten Polen und am Ende als unerwünschter Dozent im Israel, der die Palästinenser-Politik der israelischen Regierung öffentlich kritisierte, sind in Baumans Leben und Denken eingebrannt.

Hinter alltäglichen, sich allmählich etablierten Verhaltensmustern entdeckt Bauman oft Anomalien, Hinweise auf zivilisatorische "Krankheiten". Zygmunt Bauman hat mit scharfem Blick moderne Medien und deren Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse analysiert, und liefert damit eine vorläufige Bilanz einer Gesellschaft im steten Wandel: Über den Bewohnern der nach-modernen Welt und all ihren Tätigkeiten und sozialen und kommunikativen Hervorbringungen schwebt das Gespenst des Überflüssigseins.

Kata Legrady "Kalaschnikow (multicolor)", 2009

Der Gesellschaft droht Gefahr von Seiten der transnationalen Unternehmen, des Welthandels, aber auch durch den internationalen Terrorismus, religiöse Fanatikern und Drogenkartelle - all diese seien quasi mit der Macht des Staates ausgestattet

Der Verlust des Politischen ist Baumans größte Sorge. Die autoritäre, alles kontrollierende Macht ist scheinbar in den globalen und virtuellen Raum entschwunden. Sie hat sich dem Zugriff politischer Institutionen entzogen. Die staatlich gestützte Politik ist nicht mehr oder nicht hinreichend in der Lage, die Funktionen des Staates vollständig zu erhalten. Wir können beobachten, wie die Staatspolitik ins Straucheln gerät und etwas entsteht, was Bauman individuelle "Lebenspolitik" nennt.

Weltpolitik und Privatsphäre

Von zwei Seiten drohe der Gesellschaft Gefahr, sagt Zygmunt Bauman. Auf der einen Seite werden transnationale Unternehmen, der Welthandel, aber auch mafiöse Organisationen, sowie der internationale Terrorismus, religiöse Fanatiker und Drogenkartelle quasi mit der Macht des Staates ausgestattet. Sie übernehmen Teile, wenn nicht vollständig das staatliche Machtmonopol, wie wir derzeit im Irak, Libyen und Syrien erleben müssen.

Auf der anderen Seite gerät der Einzelne unter einen großen Druck und wird dazu aufgefordert, sich zu optimieren: Gesundheitlich, geistig und ökonomisch. Im Spiegel der Medien wird die Privatsphäre zur öffentlichen Arena: Facebook, Twitter und andere Netzphänomene werden zur Plattform persönlicher Meinungen, intimster "Wehwehchen" und zum Barometer für den politischen Hitzegrad der Gesellschaft.

Junge Frau mit Apple iPhone 5s

Das Bedürfnis nach sozialer Einbindung und Anerkennung wird im Zeitalter der Flüchtigen Moderne für die vereinzelten Menschen durch soziale Medien befriedigt

Der herrschaftskritische Mehrwert der Debatte blitzt immer dann auf, wenn Bauman die Angebote der Cyberwelt als aufdringliche Zumutungen interpretiert. Das Bedürfnis nach sozialer Einbindung und Anerkennung wird im Zeitalter der Flüchtigen Moderne für die vereinzelten Menschen durch soziale Medien befriedigt.

Menschen als Waren

Menschen werden im übertragenen Sinne zu marktgängigen Waren, die sich problemlos in die immer schneller rotierende Konsumindustrie einbinden, beobachten und kontrollieren lassen. In seinem Buch Liquid Surveillance – Daten, Drohnen, Disziplin beleuchtet Bauman die Bedeutung militärischer Drohnen - dem Sinnbild moderner, digitaler Kriegsführung.

Virtuos verknüpft Bauman das Bild der beständig kreisenden Drohne und ihrer beunruhigenden Botschaft: "Nie sollst Du wissen, dass wir Dich beobachten" mit der Facebook-Idee: "Du bist nie wieder allein". Das Spiel mit der Verführung der Bürger und Konsumenten durch mächtige Konzerne wird zum Leitmotiv für Baumans Kritik gesellschaftlichen Wandels.

Hier sollen Konsumträume wahr werden.

Die Verführbarkeit des Menschen und die teilweise Umwidmung des Politischen in eine Welt des Konsums ist für Bauman das größte Übel unserer Zeit

In Baumans Schriften, Denken und Auftritten in der Öffentlichkeit, wie kürzlich auf der republica-Konferenz internationaler Netzkritiker in Berlin, begegnet einem ein Freidenker mit ganz eigener Sicht auf gesellschaftliche Probleme und die Dominanz der Netzkultur. Für diese Probleme bietet Bauman keine greifbaren Alternativen, auch wenn er wie unlängst der britische Soziologe Atkinson das bedingungslose Grundeinkommen fordern.

Zygmunt Bauman ist ein Querdenker, und geistiger Flaneur, der kleinste Verwerfungen aufspürt und daraus politische Schlüsse zieht. Die Verführbarkeit des Menschen und die teilweise Umwidmung des Politischen in eine Welt des Konsums ist für Bauman das größte Übel unserer Zeit. Unermüdlich schreibt Bauman dagegen an, polemisch zugespitzt, mit leisem Sarkasmus und immer noch im Vertrauen darauf, dass jeder einzelne Mensch irgendwann begreifen muss, wohin dieser Weg führt.

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