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Eine Computergrafik illustriert die Hirnströme in einem Gehirn.

SENDETERMIN Fr, 13.5.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Die Neurobiologie spiritueller Erfahrungen Gott im Kopf

SWR2 Wissen. Von Sven Ahnert

Visionen, Nahtod-Erlebnisse oder mystisches Einheitserleben, - unter dem Begriff "Neurotheologie" hat sich ein Forschungszweig etabliert, der religiöse und spirituelle Phänomene neurowissenschaftlich untersucht. Letztlich lassen sich - so die These - alle religiösen Erfahrungen als ein kompliziertes Wechselspiel der Neuronen oder gar als Fehlfunktionen des Gehirns erklären. Was bedeutet das für den Glauben? Ist "Gott" damit widerlegt? Gibt es schon bald die "Erleuchtung per Knopfdruck"?

Bei Meditierenden, die sich darauf konzentrieren, störende Umwelteindrücke auszuschalten, wird der Präfrontalkortex, der sich auf der Stirnseite des Gehirns befindet, aktiviert. Während der Meditation wird das Reizempfinden im rechten Teil dieser Region reduziert. Der Kognitionswissenschaftler Michael Persinger hat diese Idee in den 1980er Jahren aufgegriffen.

Er vertritt die Auffassung, dass religiöse wie spirituelle Erfahrungen auf kurzzeitige elektrische Entladungen in diesem Bereich des Gehirns zurückzuführen sind. In zahlreichen Versuchsreihen beobachtete Persinger bei Probanden, die über am Kopf befestigte Elektroden stimuliert wurden, spirituelles Erleben wie Engelserscheinungen, religiöse Ekstase und Nahtod-Erlebnisse.

 Michael Persinger

Mit Hilfe des "Koren-Helms" bzw. "Gotteshelms" an dem Elektroden befestigt sind, stimulierte Michael Persinger seine Probanden.

Zusammenhänge zwischen spirituellem Erleben und Epilepsie finden sich auffällig bei Heiligen und biblischen Gestalten. Der alttestamentarische Prophet Ezechiel hat alle Züge eines Konvertiten, der durch epileptische Schübe zu Gott fand. Die folgenreiche Konversion des Saulus zum Apostel Paulus kann so als Krankengeschichte eines Epileptikers gelesen.

Grenzgängertum

Auch Dostojewskij, der mit seinen biblischen Dämonen zu kämpfen hatte, war Epileptiker.

In seinem Buch "Sacred Pathways" – geheiligte Bahnen – dokumentiert Todd Murphy seine Arbeit über mystische Erlebnisse und deren neurowissenschaftliche Spuren. Er ist ein Grenzgänger zwischen Esoterik und Neurowissenschaft.

Unter dem Namen "Shakti"- oder "Shiva"-Helm vertreibt der Persinger-Schüler Drahtgestelle, die spirituelle Erlebnisse für den Hausgebrauch ermöglichen sollen. Sie funktionieren ähnlich wie die so genannten "Mind Machines", die mit pulsartigen Licht- und Tonfolgen Hirn-Wellen beeinflussen und andere Bewusstseinszustände hervorrufen sollen.

Todd Murphy bei einem seiner frühen Selbstversuche mit dem Shiva-Helm.

Todd Murphy bei einem seiner frühen Selbstversuche mit dem "Shiva-Helm".

Das Phänomen der "Entkörperlichung" oder andere mystische Erfahrungen betrachten Hirnforscher wie Gerhard Roth unter dem Blickwinkel neuronaler Fehlfunktionen, zum Beispiel als Ursache einer Unterversorgung mit Sauerstoff oder bedingt durch Verletzungen im Bereich des Parietalkortex. Dazu gehören auch Nahtoderfahrungen.

Spiritualität als wissenschaftliche Praxis

Über Gottes- und Nahtoderfahrungen möchte jedoch der Philosoph Thomas Metzinger keine Aussagen machen, vielmehr darüber, ob Spiritualität als wissenschaftliche Praxis möglich ist. In seinen eigenen mystischen Erfahrungen sucht er in einer auf Selbst-Erkenntnis ausgerichteten Spiritualität eine Alternative zur religiösen Praxis der etablierten Kirchen.

Grundlage einer solchen weltlichen Spiritualität ist zunächst einmal seine Idee eines Selbst-Modells vom Ich. Für Thomas Metzinger gibt so etwas wie einen "subtilen Körper", den man Seele nennen könnte. Er nennt es reine Information, die im Gehirn fließt. Wenn es zu Störungen in diesen "Selbstmodellen" kommt, ist der Grat zwischen Spiritualität und psychischen Problemen oft sehr schmal.

Außerkörperliche oder Nahtoderfahrungen sind individuelle spirituelle Erlebnisse, die sich empirisch nicht belegen lassen. In Psychiatrie und Neurologie werden solche Erlebnisse aber auch als Teil eines Traumas oder tatsächlich als "Defekt" erkannt. Es könnten sich depressive Störungen oder andere Stressphänomene dahinter verbergen.

Hirnstimulation als Therapie

Bei Parkinson-Kranken, wird die "Tiefe Hirnstimulation" zu Therapiezwecken mit nachweisbaren Erfolgen angewandt: Hierbei werden kleine Elektroden in die krankhaft veränderten Strukturen implantiert, die wie eine Art "Störsender" funktionieren, mithilfe elektrischer Reize die Motorik regulieren und somit helfen, die betroffenen Muskelpartien zu entkrampfen.

Hirnschrittmacher

Hirnschrittmacher für Parkinson-Patienten

Mit leichten Stromstößen lassen sich bestimmte Bereiche des Gehirns stimulieren oder hemmen. Auch bei Depressionen werden diese Verfahren erfolgreich angewendet. Abseits dieser klinischen Verfahren untersucht vermehrt auch die Meditationsforschung die Zusammenhänge von meditativer, aber nicht zwangsläufig spiritueller Praxis und deren Einfluss auf die Gehirnstruktur.

Meditation ist für Metzinger eine fortgeschrittene philosophische Praxis, mit der wir Bewusstsein und Denkfähigkeit erweitern können – eine erweiterte Form der Selbsterkenntnis. Da stellt sich die Frage: Was passiert in unseren neuronalen Strukturen, während wir meditieren? Wie verändert sich unser Gehirn, wenn wir eine bestimmte Zeit Innen- und Außenwelt verschmelzen lassen?

Meditationsforschung

Der Psychologe Ulrich Ott geht diesen Fragen seit Jahren in empirischen Studien nach. Ulrich Ott ist einer der renommiertesten deutschen Meditationsforscher. Er führt durch das Bender Institute an der Justus Liebig Universität in Gießen – eine Mischung aus Arztpraxis und Experimentallabor. Hier werden Probanden in Langzeitstudien im Zustand der Meditation untersucht. Wie verändert sich das Gehirn bei meditativer Entspannung, gibt es Regionen, die sich markant verändern?

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Was passiert während der Meditation?

Mit Wellness-Esoterik und Wellness-Meditation hat diese Form empirischer Meditationsforschung nichts zu tun. Erlebte Spiritualität ist nicht das Ziel, sondern ein willkommener Nebeneffekt dieser Studien, die sich maßgeblich auch mit Yoga als meditativer Praxis auseinandersetzen.

So wurden in Studien beispielsweise Veränderungen in bestimmten Hirnstrukturen in der grauen Substanz, dem Körper der Nervenzellen oder der weißen Substanz festgestellt – das bewirkte eine markante Veränderung der Innenkörperwahrnehmung und Emotionsregulation der Probanden.

Meditation im Magnetresonanztomografen

Der klinisch simulierte Zustand, geistig hellwach und doch in einer Innen-Welt versunken, beschreibt sehr gut die Welt tibetischer Mönche. Im Alter von 26 Jahren hatte der Molekularbiologe Matthieu Ricard seine akademische Laufbahn abgebrochen, reiste in den Himalaya und wurde Buddhist.

Heute ist Ricard selber praktizierender Lama und zählt als Berater zum engsten Kreis des Dalai Lama. Der Hirnforscher Richard Davidson untersuchte in seinem Labor mit Hilfe funktioneller Magnetresonanztomografie Ricards Gehirn: Was kann man bei einem meditierenden Mönch beobachten, wenn er sich in den Zustand "vorbehaltlosen Mitgefühls" versetzt?

Matthieu Ricard

Matthieu Ricard

Während intensiver und in der Praxis geübter Meditation kommt es zu einem erheblichen Zuwachs an Gammawellen, jener Hirnströme im Bereich von über dreißig Hertz, die charakteristisch sind für kognitive Höchstleistungen des Denkapparats.

Jenseits von Raum und Zeit

Besonders aktiv ist bei den Meditierenden der linke Frontallappen, was auf höhere Konzentration, verbunden mit positiven Gefühlen wie Zuneigung und Mitgefühl, schließen lässt, während die Tätigkeit jenes Hirnareals, welches Informationen der Sinne verarbeitet, die der räumlichen Orientierung dienen, zurückgeht.

Damit kann sichtbar gemacht werden, was Meditierende seit vielleicht Jahrtausenden erfahren und beschreiben: Geistig hellwach und gesammelt, jenseits von Raum und Zeit, erfahren sie sich als vereinigt mit einem umfassenden Bewusstsein, das man spirituell nennen könnte.

Doch wenn Thomas Metzinger vor einem Ausverkauf spiritueller Ideen warnt und intellektuelle Redlichkeit ins Spiel bringt, dann auch vor dem Hintergrund sich spürbar leerender Kirchen. Spirituelles, magisches und religiöses Erleben werden in unserer Leistungsgesellschaft zu einem entspannenden "Eso-Zeitvertreib" mit Wellnesscharakter – meist ohne philosophischen Erkenntniswert.

Sonnenuntergang hinter Laternen-Krone

Hängen heute spirituelle und religiöse Erfahrungen noch zusammen?

Erleuchtete Neuronen

Die Skepsis gegenüber den offiziellen Kirchen schafft zudem viel Platz für Patchwork-Religionen, esoterische Heilslehren und mitunter weichgespülte Instant-Erleuchtung. Spannend bleibt allerdings die Frage, warum so viele Menschen auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen sind, und was diese Erfahrungen im neuronalen Netzwerk des Gehirns verändern.

Die Antworten werden nicht Gotteshelme oder ähnliche Versuchsanordnungen geben können, sie sind lediglich Werkzeuge, um die Funktionsweise des Gehirns zu begreifen. Eine dieser Funktionen ist möglicherweise die Erkenntnis, dass allein mit rationalen Mitteln die Welt nicht erklärt, geschweige denn entzaubert werden kann.


Mehr zum Thema:

  • Blume, Michael: Neurotheologie - Hirnforscher erkunden den Glauben; Tectum Verlag 2009.
  • Metzinger, Thomas: Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik; Piper 2014.
  • Murphy, Todd: Sacred Pathways: The Brain's role in Religious and Mystic Experiences, 2015.
  • Ott, Ulrich: Meditation für Skeptiker: Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst; Droemer TB 2015.
  • Ott, Ulrich: Yoga für Skeptiker: Ein Neurowissenschaftler erklärt die uralte Weisheitslehre; U.W. Barth 2013
  • Passie, Torsten: Was ist Bewusstseinerweiterung (DVD); Auditorium-Netzwerk 2013.
  • Passie, Torsten & Belschner, Wilfried & Petrow, Elisabeth (Hg.): Ekstasen: Kontexte - Formen - Wirkungen (Bibliotheca Academica - Reihe Philosophie); Ergon 2013.
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