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Jagd in der Steinzeit

SENDETERMIN Fr, 26.1.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

Der Sammler und die Jägerin Geschlechterbilder in der Steinzeit

SWR2 Wissen. Von Anette Selg

Steinzeitmänner gingen auf die Jagd, Frauen hüteten Kinder. Diese Geschlechterrollen stimmen nicht: Die archäologische Geschlechterforschung aktualisiert unsere Vorstellungen von der Frühzeit.

Rollenbilder der Steinzeit: Männer auf der Jagd, Frauen am Feuer?

Eigentlich wissen wir doch Bescheid darüber, wie unsere Vorfahren in der Steinzeit gelebt haben. Die Bilder im Kopf jedenfalls sind da. Von zottigen Männern, die in Trupps bewaffnet auf Jagd gehen. Von kaum weniger zottigen Frauen, die mit ihren Kindern vor der Höhle am Feuer sitzen. Die kochen, nähen oder sich aufmachen, um Pilze, Beeren, Früchte oder anderes Essbares zu sammeln. Unsere Vorstellungen stammen aus Schulbüchern, aus historischen Romanen, Filmen, aus Zeitungsartikeln oder populären Sachbüchern. Die Wissenschaft ist sich da jedoch weniger sicher.

Brigitte Röder hat in den 80er-Jahren Archäologie in Freiburg studiert. Heute betreibt sie - als Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Basel - u. a. prähistorische Geschlechterforschung. Die schriftlose Urgeschichte der Menschheit lädt dazu ein, eigene Vorstellungen, eigene kulturelle Prägungen auf damalige Zustände zu übertragen. Doch dass der Blick auf die Vergangenheit oft kein objektiver ist, damit setzt sich die Archäologie erst seit ungefähr 30 Jahren auseinander.

Mann bei der Jagd

Der Mann als Ernährer und Oberhaupt der Familie - diese Rollenzuteilung wurde durch die bürgerliche Gesellschaft definiert. Lange Zeit nahm die Forschung an, dass der Mann diese Rolle bereits seit Urzeiten innehatte.

Geschlechterrollen: Erstaunliche Grabfunde aus der Jungsteinzeit

Fundort: Stetten an der Donau, Landkreis Tuttlingen, Datierung: 2700-2200 v. Chr.: Bei archäologischen Ausgrabungen in den Jahren 1987 bis 1990 wurden am Ortsrand von Stetten Gräber aus der Jungsteinzeit entdeckt. In Grab fünf war ein 35- bis 40-jähriger Mann bestattet worden. Zur Ausstattung des Toten gehörten drei Pfeilspitzen aus Feuerstein und eine verzierte Knochennadel. Die anthropologische Untersuchung ergab eine starke Beanspruchung des Oberkörpers und rechten Armes des Mannes, zudem hatte er Arthrose.

In Grab drei lag in Hockstellung das Skelett einer etwa 30 Jahre alten Frau. Zwischen ihren angewinkelten Oberschenkeln und Armen fand man das Skelett eines Säuglings. Eine Feuersteinklinge, zwei geschliffene Knochenspitzen, Bruchstücke eines Schleifsteins und ein Schafsknochen lagen dicht neben dem Frauenskelett. Es weist Verschleißerscheinungen an Schienbein und Elle auf.

Pfahlbauten am Bodensee

Die Erforschung der jungsteinzeitlichen Pfahlbauten am Bodensee führt immer wieder zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Schneiderte der jungsteinzeitliche Mann Kleider?

Pfeilspitzen und eine Knochennadel im Grab des jungsteinzeitlichen Mannes, Feuersteinklinge und Schleifstein im Grab der Frau. Hat sie Werkzeuge hergestellt? Schneiderte er Kleidung? Die abgenutzten und verformten Knochen der Skelette würden zu solchen vorgeschichtlichen "Berufsbildern" passen. Nur zu unseren Vorstellungen vom Familienleben in der Steinzeit, von der Frau am Feuer und dem Mann auf der Jagd, passen diese Bilder überhaupt nicht.

Die Urgeschichte als Legitimation für das bürgerliche Geschlechtermodell

Doch woher stammen unsere Überzeugungen vom Leben der Geschlechter in der Urzeit, von der prähistorischen Rollenteilung, von den fest umrissenen steinzeitlichen Tätigkeitsbereichen? Brigitte Röder erklärt, dass die Urgeschichte schon seit Längerem, also mindestens seit dem 18., 19. Jahrhundert, als eine Art Projektionsfläche dient für all das, was in der Gesellschaft für ursprünglich und natürlich und biologisch vorgegeben gehalten wird.

Skelett

Aus den Grabbeigaben lässt sich nicht immer automatisch auf das Geschlecht der Person im Grab schließen.

Röders These dazu ist, dass die bürgerliche Gesellschaft vor dreihundert Jahren ganz zentrale soziale Institutionen neu definiert hat, nämlich das Geschlechtermodell und das damit verknüpfte Familienmodell: Der Mann ist Ernährer und Oberhaupt der Familie, die Frau ist Mutter, Ehefrau und Hausfrau. Und dieses neue Geschlechtermodell, mit dem auch neue Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden waren, wurde möglicherweise damals legitimiert, indem gesagt wurde, es sei schon immer so gewesen.

Frühzeitliche Archäologie: Unvoreingenommenheit gegenüber den Funden notwendig

Die Auseinandersetzung mit den Geschlechterbildern der Frühzeit findet seit einiger Zeit auch in Museen statt. 2015 veranstalteten die MitarbeiterInnen des Freiburger Colombischlössles eine viel beachtete Ausstellung zu diesem Thema. Ihr Titel: "Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?". Mit besonderer Betonung auf dem Fragezeichen.

Denn ein Grab mit Waffen ist nicht zweifelsfrei ein Männergrab. Und in einem Grab mit Schmuckbeigaben liegt nicht immer eine Frau. Neuartige Analysemethoden verhelfen zu solchen Einsichten. Es braucht aber auch einen unvoreingenommenen Blick auf die Funde. Vielen Amateur-Archäologen des 18. und 19. Jahrhunderts fehlte dieser Blick meist noch.

Frau am Feuer

Wie waren die Geschlechterrollen in der Ur- und Frühzeit wirklich?

Sie trugen Waffen- und Perlenfunde nach Hause, die Skelettfunde - bloße Knochen - wurden oft nicht dokumentiert. Und noch als sich die Ur- und Frühgeschichte Ende des 19. Jahrhundert an den Universitäten etablierte, galt für die Archäologen erst einmal die Gleichung Waffe=Mann, Schmuck=Frau.
Tatsächlich kamen vor wenigen Jahren zwei unterschiedliche Forscherteams zu dem Ergebnis, dass gut drei Viertel dieser steinzeitlichen Künstlerhände von Frauen stammen. Damit besteht auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Frauen bei der Jagd dabei waren.

Jungsteinzeitliche Pfahlbauten am Bodensee

Die moderne Archäologie profitiert von der Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und hochpräzisen Analysemethoden. Doch wie eh und je verdankt sie auch dem Forscherglück neue und überraschende Erkenntnisse. Jüngstes Beispiel: die Erforschung der jungsteinzeitlichen Pfahlbauten rund um den Bodensee.
Seit 1981 tauchen Archäologen an den mehr als 100 vorzeitlichen Funden von Pfahlbaustätten im Bodensee. Die ältesten Fundstücke aus den Siedlungen sind 7.000 Jahre alt – und stammen damit aus der Jungsteinzeit. Auch aus diesem Grund stehen die Pfahlbauten in den Seen und Mooren rund um die Alpen seit 2011 auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste.

Wandmalerei mit überdimensionalen Frauenfiguren

Doch was hat es auf sich mit den realistisch gestalteten, rund 6.000 Jahre alten bemalten Lehmbrüsten? Sie stammen – mit anderen bemalten Fassadenstücken zusammen – von einer Fundstelle in der Bodmaner Bucht am Nordwestende des Überlinger Sees. Die beteiligten Archäologinnen und Archäologen entdeckten allerdings bald, dass nur ungefähr 20 Prozent der damaligen Relief-Wand vor ihnen lagen. Das alles glich einem überdimensionalen prähistorischen Puzzle.

Archäologischer Tauchgang

Zur Erforschung der Pfahlbauten am Bodensee unternehmen die Archäologen Tauchgänge.

Mittlerweile steht fest, dass es sich bei den Wandteilen um Bestandteil eines sogenannten Kulthauses oder Ritualbaus handelt – und um die älteste Wandmalerei in Europa nördlich der Alpen. Auch die Bedeutung der Bemalung konnte teilweise entschlüsselt werden. Die darauf befindlichen Frauengestalten sind sehr groß und dominant auf der Wand dargestellt, vermutlich handelte es sich dabei um die Urmütter der jeweiligen Familien und ihre Geschichten und Erzählungen dazu.

Erleuchtete Ahnfrauen

Stellten die großen, gemalten Frauen, die Ahnfrauen, den Ursprungsmythos dieser jungsteinzeitlichen Gesellschaften dar? Denn die Darstellung der Ahnfrauen zeigt eine große Wertschätzung von Frauen in diesen Gesellschaften. Ihre teilweise noch erhaltenen Köpfe sind zudem umgeben von angedeuteten Sonnenstrahlen, also mögliche Anbindung an die Kräfte des Alls.

Doch man merkt den Forschern Zurückhaltung an, wenn es um konkrete Aussagen zu Geschlechterbildern in der Steinzeit geht. Liegt diese Vergangenheit einfach zu weit zurück, um solche Fragen zu beantworten?

Archäologischer Fund: Messer

Doch trotz der vielen Funde ist es für die Wissenschaftler immer noch schwierig, konkrete Aussagen zu Geschlechterrollen in der Ur- und Frühzeit zu treffen.

Zumindest gelingt es spektakulären Funden wie der Pfahlbauten-Wand mit den großen Frauengestalten oder auch der Freiburger Ausstellung im Colombischlössle, unsere althergebrachten Vorstellungen vom Leben in der Urzeit gehörig durcheinander zu wirbeln. Und auch wenn die Freiburger Ausstellung ganz bewusst viele Fragezeichen enthielt: Die Besucher regte sie offensichtlich dazu an, ihre etablierten Weltbilder in Frage zu stellen.

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