Bitte warten...
Fußspuren

SENDETERMIN Mi, 21.6.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Fußspuren aus der Vergangenheit Fährtenleser helfen Archäologen

SWR2 Wissen. Von Marcus Schwandner

Seit kurzem helfen indigene Spurenleser aus der Kalahari, aus Australien oder dem Regenwald Malaysias den Archäologen, Fußabdrücke zu finden und zu interpretieren.

Indigene Fährtenleser unterstützen Archäologen bei der Entschlüsselung von Fußspuren. Jüngst konnte mit ihrer Hilfe die Geschichte von 17.000 Jahre alten Fußabdrücken in der Höhle Tuc d’ Audoubertin den französischen Pyrenäen enträtselt werden.

Die Wissenschaftler Dr. Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann und der Archäologe Dr. Tilman Lenssen-Erz von der Universität Köln zogen indigene Fährtenleser, genauer die Jäger der San, hinzu.

Thao

Thao, Thui (Nachname, Vorname) bei der Arbeit. Welche Spuren gehören zusammen? Was sagen einem die Fußabdrücke über Geschlecht, Alter, Geschwindigkeit, Größe, Gewicht?

Die Fährtenleser der San aus der Kalahari können uralte Fußspuren lesen

Die Jäger der San gelten als begnadete Fährtenleser. Sie leben von der Jagd in der Trockensavanne der Kalahari, im Nordosten Namibias. Für die San ist das Fährtenlesen überlebenswichtig. Wer sich in der Fährte irrt, findet das Beutetier nicht, bringt kein Fleisch nach Hause und die Kinder müssen hungern. Daher entdecken die Jäger der San in Fußspuren Details, die uns völlig entgehen. Dieses Wissen kann bei der Interpretation prähistorischer Fußspuren helfen.

Einige Jäger der San wurden in die Pyrenäen geflogen. Die Wissenschaftler Paastors und Lenssen-Erz zeigten den Fährtenlesern einen bestimmten Bereich der Höhle. Dort waren schon vor 100 Jahren 180 Fußspuren entdeckt worden - auf einer Fläche von etwa drei mal vier Meter. Als Laie erkennt man allerdings nur kreisrunde Vertiefungen: Abdrücke von Fersen.„Deshalb heißt der Saal ‚Salle des Tallons‘, Saal der Fersenabdrücke. Hundert Jahre hat man überdiese Fersen nachgedacht und kam immer zum Schluss, dass hieretwas Rituelles, Mythisches stattgefunden haben muss, ein ritueller Tanz“, erklärt Pastoors. „Zehn Meter weiter, gibt es zwei Skulpturen aus Lehm, zwei Lehm-Wisente, ein Männchen, ein Weibchen, die sehr detailliert vor 17.000 Jahren geformt worden sind."“

Lenssen-Erz und Pastoors

Dr. Tilman Lenssen-Erz von der Universität Köln und Dr. Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum arbeiten mit den Fährtenlesern der San Jäger zusammen.

 

Fährtenleser erklärten Forschungserkenntnisse als falsch

Für die Archäologen war die Geschichte klar: Hier gibt es Kunstwerke, das kann nur ein ritueller Kontext gewesen sein, ein Tanz zu Ehren einer Gottheit! Diese Interpretation hatte 100 Jahre Bestand und folgte einem beliebten Deutungsmuster unter Archäologen: scheinbar Unerklärliches gehört in den Kontext von Riten und Mystik. Die Fährtenleser entzauberten die schöne Geschichte innerhalb eines Tages. Sie interpretierten die Abdrücke als normales Alltagsgeschehen: Ein Erwachsener und ein Jugendlicher laufen hin und her, und zwar zweimal denselben Weg zwischen einer Lehm-Entnahmegrube und den beiden Lehmskulpturen.

Fußspur

Die Zehenabrücke sind für die Fährtenleser wie ein Fingerabdruck

Die Fersengänger wollten offenbar anonym bleiben

Für die Wissenschaftler war die Zusammenarbeit mit den Fährtenlesern aus Namibia ein erstaunlicher Erfolg. Aber ein Rätsel blieb noch: Warum gingen die Menschen auf den Fersen? Die Fährtenleser haben dafür die Erklärung, dass die beiden Lehmfiguren-Künstler wohl unerkannt bleiben wollten. Denn die einzige Möglichkeit als Barfußgänger anonym zu bleiben ist, die Zehen hochzuziehen und auf den Fersen zu laufen. Schließlich ist der Abdruck der Zehen für Spurenleser wie ein Fingerabdruck für die Fahnder der Polizei.

Biesele

Prof. Megan Biesele hat Jahre mit den San gelebt. Sie setzt sich dafür ein, dass die San weiterhin auf traditionelle Weise jagen dürfen.


Seit 40 Jahren beschäftigt sich die Anthropologin Prof. Megan Biesele mit der Kultur der Jäger und Fährtenleser an. Sie ist mit vielen San befreundet und spricht ihre Sprache. Die San San leben im Nyae Nyae Conservancy im Nordosten Namibias und führen dort noch ein traditionelles Leben. Etwa 2000 Menschen zählt ihre Gemeinschaft. Das Wissen der Fährtenleser wird vom Vater an den Sohn weitergeben. Doch die Söhne suchen sich heute oft Arbeit anderswo. Die Wissenschaftlerin will nun verhindern, dass das Fährtenleser-Wissen in Vergessenheit gerät. Deshalb versucht sie gemeinsam mit den Fährtenlesern möglichst viel aufzuschreiben.

Fährtenleser

Thao, Thui; Ciqae, Tsamkxao und Kxunta, Ui beim fireside talk zur Eröffnung der Konferenz

In Köln haben Wissenschaftler kürzlich eine Konferenz über prähistorische menschliche Spuren organisiert. Mit dabei waren auch Fährtenleser aus Afrika, Malaysia, der Arktis und aus Australien. Auf der Konferenz wurde deutlich, wie unterschiedlich westliche Forscher und indigene Fährtenleser denken: die einen messen, analysieren und beweisen, die anderen leben mit der Natur und „verstehen“ menschliche Spuren einfach. Neue Kooperationen sollen den Wissenschaftlern die ‚Kunst des Fährtenlesens’erschließen. Lenssen-Erz und Pastoors wollen in Namibia zum Beispiel Felsbilder mit Wildtieren und deren Spuren in einer Gegend von etwa 40 Quadratkilometern untersuchen und mit heutigen Tierspuren vergleichen. In einem anderen Projekt in Frankreich untersuchen Wissenschaftler 80.000 Jahre alte Fußabdrücke auf dem Fundplatz Rozel. Und eine spanische Kollegin versucht 15.000 Jahre alte Fußspuren in der Nähe der Stadt Burgos zu verstehen. Aufnahmen aus den spanischen Höhlen zeigen Tausende, sich überlagernde Fußabdrücke. Vielleicht erkennen auch hier bald indigene Fährtenleser, welche Alltagsgeschichte sie erzählen.

Weitere Themen in SWR2