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Frühchen im Brutkasten

SENDETERMIN Mi, 11.10.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Frühchen und ihre Eltern Hilfen beim vorzeitigen Start ins Leben

SWR2 Wissen. Von Mareike Gries

Knapp jeder zehnte Säugling kommt zu früh auf die Welt. Dank großer medizinischer Fortschritte können mittlerweile Kinder nach nur 22 Schwangerschaftswochen gerettet werden - ohne dass körperliche Schäden bleiben. Es gibt bisher nur wenige Kliniken, die Familienzimmer für Frühgeborene bieten. Dabei ist die rechtzeitige Eltern-Kind-Bindung gerade bei Frühchen besonders wichtig.

24 Wochen Schwangerschaft sind entscheidend

Abendessen bei Familie Gosch in Mainz. Vater Christian verhandelt mit Tochter Elsa, was auf dem Teller landet. Als Elsa geboren wurde war nicht klar, ob es solche Alltagssituationen je geben wird, denn Elsa kam vier Monate zu früh auf die Welt.

Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen. Jedes Kind, das nach weniger als 37 Wochen zur Welt kommt, gilt als Frühgeborenes. Elsas Mutter Nele war nur 24 Wochen schwanger. Dieses „24 + 0“, also 24 Wochen und null Tage, ist in Deutschland eine gesetzliche Grenze. Wenn ein Kind „23 + 6“ kommt, wird es natürlich trotzdem versorgt, aber die Eltern müssen eine Erklärung unterschreiben. Sobald ein Kind die „24 + 0“ erreicht, wird es automatisch versorgt.

Die Organe sind noch unreif

Bei ihrer Geburt wog Elsa nur 770 Gramm. Sogenannte ,reif Geborene‘ wiegen oft das Fünffache. Sehr früh geborene Kinder sind nicht nur kleiner und leichter. Ihre Organe sind auch noch nicht bereit für ein Leben außerhalb des Mutterleibs, erklärt Eva Mildenberger. Als Chefärztin leitet sie die Neonatologie der Mainzer Uniklinik, auf der vor drei Jahren Elsa behandelt wurde.

Aber auch die Unreife der Temperaturregulation ist ein Problem. Aus diesem Grund werden Kinder in einen Brutkasten gelegt. Damit sie die Energie, die sie aufnehmen, in ihr Wachstum investieren können und nicht für die Wärmeproduktion verschwenden müssen.


Känguruhen statt Brutkasten für eine bessere Eltern-Kind-Bindung

Ende der 1980er Jahre brachte das sogenannte Känguruhen den Anstoß um Eltern enger in die Pflege von Frühchen einzubeziehen. Die Idee dazu kam aus Kolumbien.

Känguruhen (Kangaroo Mother Care, Skin-to-Skin contact): Das unbekleidete Baby wird für mehrere Stunden auf die nachte Brust von Mutter oder Vater gelegt. So spürt das Kind die Körperwärme und hört den aus dem Mutterleib vertrauten Herzschlag. Als Vorbild dient die Kinderstube der Kängurus, denn alle Kängurubabys sind Frühchen und reifen nach der Geburt im Beutel der Mutter.

Die Kinder konnten dort wegen zu weniger Inkubatoren nicht gewärmt werden, so dass die Ärztinnen und Ärzte gesagt haben: Wir könnten doch auch die Kinder selber wärmen, wir könnten die auf die Brust nehmen. In in den Industrienationen hat man davon gehört und überlegt, ob man das Känguruhen einführt um Eltern und Kinder zusammenzubringen, erzählt Eva Mildenberger.

Die Ergebnisse in der Mainzer Uniklinik sind durchweg positiv: Die Kinder sind stabiler und Frauen, die Känguruhen, können ihre Kinder länger stillen. Außerdem ermöglicht der Haut zu Haut Kontakt eine frühe Übertragung des Mikrobioms von Eltern auf ihr Kind. Die Besiedelung des Körpers mit „guten“ Bakterien ist wichtig für einen stabilen Gesundheitszustand.

Gemütliche Familienzimmer – ohne piepsende Monitore

Dass Eltern von Frühchen in die Pflege eingebunden werden, ist inzwischen Standard. Doch Familienzimmer gibt es auf Frühchenstationen selten. In der Kinderklinik im niederbayerischen Passau bilden Klinik und Elternzimmer eine Einheit und die Frühchenstation hat ein eine besonders wohnliche Atmosphäre. 

Beispielsweise sind ein Großteil der medizinischen Geräte hinter Verkleidungen in Holzoptik versteckt und Alarmsignale ertönen nicht direkt neben dem Brutkasten, sondern nur auf tragbaren Telefonen der Pflegekräfte.

Das ist nicht nur für die Eltern entlastend: „Wir haben zum Teil die Situation, dass in einem Raum eine Reanimationssituation ist, und direkt nebendran ein Frühchen gewickelt wird und alles in aller Ruhe ablaufen kann. Es kriegt nicht jeder alles mit, dass ist auch entlastend für die Pflege“, erklärt Chefarzt Dr. Matthias Keller.

Hat ein schwerer Start Auswirkungen auf das ganze Leben?

Inkubator, ständiges Desinfizieren, das dauernde Piepsen der Überwachungsmonitore – viele Eltern von Frühgeborenen haben Angst, dass sich dieser Stress auf den Rest des Lebens ihres Kindes auswirkt. Ob diese Sorge berechtigt ist, erforscht der Entwicklungspsychologe Prof. Dieter Wolke von der britischen Universität in Warwick. Gerade erst hat er eine neue Studie mit veröffentlicht. Darin haben die Wissenschaftler 200 Menschen, die als sehr kleine Frühchen zur Welt kamen, mit reif Geborenen verglichen.

Die bei Kindern, die mehr als acht Wochen zu früh geboren wurden, beobachten wir Aufmerksamkeitsprobleme, mehr kognitive Probleme, eher eine soziale Zurückgezogenheit und häufigere autistische Tendenzen. Aber auch Ängste und Depressionen in der Kindheit und im Jugendalter. Allerdings ist es nicht so klar, ob diese bis ins Erwachsenenalter weitergehen.“

70 Prozent der sehr früh Geborenen entwickeln sich jedoch ganz normal. Und auch die Eltern-Kind-Bindung ist bei Frühgeborenen genauso stabil, wie bei Eltern von reif geborenen Kindern - Trotz des schwierigen Starts.

Die Zahl der Frühgeburten steigt weltweit. Denn einer der Risikofaktoren für eine Frühgeburt ist ein höheres Alter der Mutter. Laut Statistischem Bundesamt war eine Frau in Deutschland bei der ersten Geburt im Jahr 1970 durchschnittlich 24 Jahre alt. Inzwischen liegt das Durchschnittsalter bei rund 30 Jahren. Die Reproduktionsmedizin ermöglicht heutzutage zudem deutlich älteren Frauen, Kinder zu bekommen. Sie erhöht aber auch die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlingsschwangerschaft - Ein weiterer Risikofaktor für eine Frühgeburt.


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