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Mädchen hängt Jacke auf

SENDETERMIN Sa, 21.11.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

Friedrich Fröbel und der Kindergarten Spielend Lernen

Während in der alten BRD Fröbel weitestgehend in Vergessenheit geriet, griff das Kindergartensystem der DDR durchaus ausgewählte Positionen des Thüringer Pädagogen auf. Erst mit Ausbau der Kindertagesbetreuung, der Diskussion um frühkindliche Bildung und zum Jubiläum – 175 Jahre Kindergarten – rückte der Pionier der Vorschulerziehung bundesweit wieder ins Rampenlicht.

In Tätigkeitsberichten aus dieser Zeit ist nachzulesen, dass Fröbel die Kinder teilweise zu Hause abholte, sie im Brunnen am Markt wusch, ehe er mit ihnen zu ihrem Bürgerhaus lief. Drei Punkte waren Fröbel wichtig: Zum einen spielten die Kinder mit den von Fröbel entwickelten Gaben am Tisch – legten, bauten, malten, falteten und steckten, sangen dazu.

Zum anderen gab es Kreis- und Bewegungsspiele – beispielsweise mit dem Ball. Und zum dritten gehörte ein Garten zu dem Haus, in dem sie Pflanzen anbauten und spazierten und die Natur beobachteten. Kinder aus allen sozialen Schichten kamen in das Haus in die Johannisgasse, auch die Eltern schauten zu, wie Fröbel unterstützt von seinen Auszubildenden mit den 60 bis 80 Kindern arbeitete.

Kindergarten statt Bewahranstalt

Sein Kindergarten unterschied sich gründlich von den bis weit ins 19. Jahrhundert verbreiteten "Bewahranstalten". Dort wurden Kinder lediglich abgegeben und behütet. Diese Sichtweise auf Kinder war revolutionär und einzigartig in seiner Zeit. Fröbel will für die nachwachsende Generation etwas erreichen, was er selbst nicht bekam: Sie soll Zuwendung, Zutrauen und Unterstützung erfahren.

Friedrich Fröbels zweite "Spielgabe" - Kugel, Walze, Würfel - im Fröbelmuseum im thüringischen Bad Blankenburg

Friedrich Fröbels zweite "Spielgabe" - Kugel, Walze, Würfel - im Fröbelmuseum im thüringischen Bad Blankenburg

Er kam als sechstes Kind einer Pfarrersfamilie in einer thüringischen Kleinstadt zur Welt. Seine Mutter starb in seinem ersten Lebensjahr. Der Vater heiratete wieder. In der neuen Familie gab es wenig Raum und Fürsorge für Friedrich. Der Vater war streng und erlaubte dem sensiblen Jungen beispielsweise nicht, mit den Dorfkindern zu spielen. Einsam streifte das Kind durch die Natur und vergnügte sich mit Blumen und Steinen.

Statt wie als Pfarrersohn üblich zu studieren, durfte der Junge nur eine Lehre als Feldmesser absolvieren. Er verdingte sich bei einem Förster, reiste durch die Lande, bewies seine mathematischen Fähigkeiten und vor allem sein Talent im Umgang mit Menschen. Auf diese Weise eignete er sich Bildung an.

Eine moderne Erkenntnis

In Frankfurt am Main bekam er eine Anstellung als Privatlehrer bei einer wohlhabenden Familie. Dadurch wurde er mit dem Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi bekannt. An seiner Seite arbeitete er als Lehrer in Yverdon in der Schweiz und lernte Pestalozzis ABC der Anschauung kennen: Erklären, Zeigen, Vormachen.

Kinderauge

Kleine Kinder lernen ungestümer und nicht in strengen Formen

Auf diese Weise brachte Pestalozzi den Kindern Singen und Zeichen, Schreiben und Rechnen bei. Fröbel begriff: Kleine Kinder lernen ungestümer und nicht in solch strengen Formen. Eine moderne Erkenntnis.

So begleitete Friedrich Fröbel das Lernen seiner Zöglinge in Frankfurt und anderswo und in diesem Geist führte er auch seine Privatschule in Keilhau in Thüringen. Dort begann der kinderlose Pädagoge ab 1817 die Söhne seines kurz zuvor verstorbenen Bruders zu unterrichten.

Kinder konnten nicht spielen

Bald kamen weitere Kinder, vor allem Jungen, vorwiegend aus bürgerlichen Familien hinzu. Fröbel stellte fest: die können nicht spielen. Also holte er das mit ihnen nach. Dazu bekamen sie eigene Beete im Garten, die sie zu bestellen lernten. Er wanderte mit ihnen durch Thüringen. Durch die Betrachtung der Natur sollten sie sich und die Welt verstehen.

Kinder-Gummistiefel hängen auf einem Schuh-Igel in einem Kindergarten.

Durch die Betrachtung der Natur sollten die Kinder im Kindergarten von Fröbel die Welt besser verstehen

In alten Dokumenten kann man lesen, dass Fröbel im Entengang durchs Dorf watschelte, die Kinder als Entenfamilie ihm hinterher. So sollten die Kinder nachempfinden können, welche Sichtweise die Tiere haben. Die Dorfbewohner waren entsetzt, Fröbel bekam das Image eines Spinners. Seine Kritiker warfen ihm vor, abgehoben zu sein.

"Ein Kind, welches tüchtig, selbsttätig, still, ausdauernd bis zur körperlichen Ermüdung spielt, wird gewiss auch ein tüchtiger, stiller, ausdauernder, Fremd- und Eigenwohl mit Aufopferung befördernder Mensch."

Gaben als begreifbare Spielzeuge

Bisher spielten die Kinder mit Puppen und Holzsoldaten, die waren, was sie sind. Nun ersann Friedrich Fröbel seine "Gaben" - Ball, Kugel, Walze, Würfel als Gabe eins und zwei - die er Grundformen des Lebens abschaute. Indem das Kind danach greift, kann es Ideen und Vorstellungen "begreifen", kann sein Inneres äußerlich darstellen und zugleich Wandlung erleben, beispielsweise bei einer Walze, durch die ein Band gezogen wird.

Kind spielt im Bällebad der Kita

Für Fröbel ist ein gutes Spielzeug eines, das zerlegbar ist und wieder zusammen gebaut werden kann

Die dritte, vierte, fünfte und sechste Gabe sind die Fröbelbaukästen, aus denen man vielerlei Häuser, Türme, Muster und Gestalten bauen und legen kann. Nachweislich regten diese Gaben übrigens Künstler und Architekten an – den Maler Wassliy Kandinsky oder Walther Gropius als Vertreter des Bauhauses beispielsweise. Für Fröbel ist ein gutes Spielzeug eines, das zerlegbar ist und wieder zusammen gebaut werden kann.

Wäre es nach Fröbel gegangen, würden heute alle Kinder ebenso selbstverständlich feierlich in einen Kindergarten eingeführt werden, wie sie die Einschulung erleben. Davon sind wir noch immer entfernt – selbst wenn auch in Westdeutschland heute fast ein Drittel der Kinder unter drei Jahren öffentlich betreut wird.

Fröbel wäre entsetzt

Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Milieus und Migrantenfamilien erreichen noch immer erst mit drei, vier Jahren den Kindergarten. Zudem regelt jedes Bundesland für sich die Zuschüsse für die Kitas, je nach Haushaltslage. So betreut in dem einen Bundesland beispielsweise eine Erzieherin fünf oder sieben oder neun Kinder unter drei Jahren, in einem anderen "nur" drei oder vier. Fröbel wäre entsetzt, so verschiedene Bedingungen fürs Aufwachsen der Kinder zu erleben, so als sei eines weniger wert als das andere.

Eine Asylbewerberin trägt ihr kleines Kind auf dem Arm. Im Hintergrund ist das Bundesverfassungsgericht zu sehen.

Gerade Kinder aus sozial benachteiligten Milieus und Migrantenfamilien erreichen noch immer erst mit drei, vier Jahren den Kindergarten

Sommer 2015. Tausende öffentliche Kitas bundesweit sind vier Wochen lang geschlossen. In den Tarifverhandlungen mit den zuständigen kommunalen Arbeitgeberverbänden streiken die Erzieherinnen für eine höhere Eingruppierung.

Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihre 'personengebundene Dienstleistung' in diesem vorwiegend von Frauen ausgeübten Beruf weniger Wert sein soll als die Arbeit eines auf gleichem Niveau ausgebildeten Technikers. Sie wollen mehr Lohn. Und sie wollen bessere und vor allem bundeseinheitliche Rahmenbedingungen für die Arbeit mit den Kindern bekommen.

Fürsorge zum Minimaltarif

Zwar wird seit den ersten PISA-Studien vor zehn Jahren eine Anforderung nach der anderen auf die frühpädagogischen Fachkräfte abgewälzt, verlangt man - durchaus im Sinne von Fröbel - die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern, naturwissenschaftliche-technische, sprachliche Förderung, neu Medienkompetenz, Inklusion, nun auch die Aufnahme von Flüchtlingen.

Streikende Erzieherinnen und Sozialarbeiter mit Transparenten der Gewerkschaft Komba in Koblenz

Die Erzieher und Erzieherinnen wollen nicht hinnehmen, dass ihre 'personengebundene Dienstleistung' in diesem vorwiegend von Frauen ausgeübten Beruf weniger Wert sein soll als die Arbeit eines auf gleichem Niveau ausgebildeten Technikers

Gleichzeitig tut man so, als sei die Fürsorge für Kinder "der natürliche Beruf" einer Frau und quasi zum Minimaltarif zu haben. Kein Wunder, dass trotz aller Werbung noch immer gerade mal drei Prozent der Fachkräfte Männer sind. Auch in diesem Punkt war Fröbel seiner Zeit weit voraus und ist noch heute innovativ.

Mütterlichkeit war für ihn ein Synonym für eine Wertschätzung der Anlagen eines jeden Kindes und so fürsorglich waren in Fröbels Kindergarten neben den Frauen durchaus auch Männer. Wie anspruchsvoll dieser Beruf in seinem Alltag ist – das wird noch immer zu wenig verstanden und ist auch bis heute kaum erforscht. Fröbels Kindergarten bleibt ein Zukunftsmodell.

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