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Freimaurer Siegelringe

SENDETERMIN Fr, 23.6.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Mythos und Wirklichkeit eines Geheimbundes Die Freimaurer

Von Michael Reitz

Geheimnisumwoben war die Bruderschaft der Freimaurer schon seit ihrer Gründung vor 300 Jahren, im Juni 1717. Denn die Freimauer hielten geheim, was sie in ihren Tempeln besprachen. So wurde vermutet, die Freimaurer planten die Weltherrschaft zu übernehmen, sie würden Umsturzpläne entwickeln und steckten hinter zahlreichen Attentaten.

Lange Zeit waren die Freimaurer tatsächlich ein verschwiegener Geheimbund. Den Mitgliedern war so gut wie nichts über die Praktiken zu entlocken. Klar war nur: Frauen waren nicht zugelassen, die in schwarze Anzüge und Zylinder gekleideten Brüder begrüßten sich mit obskuren Handzeichen und praktizierten bei ihren Treffen Rituale, die keinem Außenstehenden verraten werden dürften.

Heute suchen die Freimaurer Nachwuchs

In den letzten Jahren hat sich das Auftreten der Freimaurer radikal gewandelt. Von Freimaurern gestaltete Internetseiten, Blogs und eine Fülle von Büchern brechen mit der Tradition der absoluten Verschwiegenheit. Und längst ist die Freimaurerei keine Männerdomäne mehr. Gründe für diese Öffnung sind die Nachwuchs- und Imageprobleme der Freimaurer. Wer will es in dieser Informations- und Mediengesellschaft schon mit einem Verein zu tun haben, der sich abschottet?

Schott Musik - Die Zauberflöte

Wolfgang Amadeus Mozart machte mit der Arie aus seiner Oper "Die Zauberflöte" dem Freimaurertum eine Liebeserklärung


Viele Künstler, Politiker und Forscher von Weltrang waren Freimaurer und Freimaurerinnen: Wolfgang Amadeus Mozart machte mit der Arie aus seiner Oper "Die Zauberflöte" dem Freimaurertum eine Liebeserklärung: "In diesen heiligen Halle kennt man die Rache nicht". Johann Wolfgang von Goethe war Logenmitglied, der erste US-Präsident George Washington, die Tänzerin Josephine Baker und Gustav Stresemann, Reichskanzler und Außenminister der Weimarer Republik.

Freimaurer prägten die politische Entwicklung

In den vergangenen drei Jahrhunderten haben Freimaurer wichtige Beiträge zur Entwicklung der Demokratie in der ganzen Welt geleistet. So waren es beispielsweise zwei Logenbrüder, die bereits 1925 lange vor der Aussöhnung der Erzfeinde Deutschland und Frankreich im Vertrag von Locarno auf Verständigung statt Rache setzten – die Außenminister Aristide Briand und Gustav Stresemann. Beide erhielten dafür den Friedensnobelpreis.
Der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi war ebenso Freimaurer wie der britische Premierminister Winston Churchill. Und von insgesamt 45 US-Präsidenten gehörten 15 einer Loge an.

George Washington

Schon der erste Präsident Nordamerikas, George Washington, war Mitglied einer Freimaurer-Loge.


Die ersten Freimaurer waren Steinmetze

Das Freimaurertum hat seinen Ursprung in einem ehrbaren Handwerk. Die Zunft der Steinmetze galt im ausgehenden Mittelalter als eine handwerkliche Elite. Sie baute in ganz Europa himmelstrebende gotische Kathedralen. Für diese statisch oft riskanten und komplex gestalteten Großbauten brauchte man Fachleute, die damals nicht an jeder Straßenecke zu finden waren. Um ihr Wissensmonopol zu schützen, gaben Steinmetze ihr Können nur an ausgesuchte Lehrlinge weiter.

Die Logen der Bauarbeiter

Sie arbeiteten in Dombauhütten, sogenannten Logen, in denen Verschwiegenheit das oberste Gebot war. Schon vor mehr als einem halben Jahrtausend reisten diese Spezialisten durch ganz Europa und waren gesellschaftlich hoch angesehen. Wenn ein spanischer Steinmetz an einem Bau in Deutschland arbeitete und mitverdienen wollte, musste er sich ausweisen. Zum Beispiel durch eine Freimaurerbrosche.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts begann der Niedergang der Steinmetze. Der Bedarf an Kathedralen in Europa war gedeckt, neue wurden nicht mehr geplant. Zur gleichen Zeit aber entstand in Renaissance und früher Aufklärung der Wille nach politischer Freiheit und vor allem der Wunsch nach Bildung der eigenen Persönlichkeit ohne die Zwänge von Ständeordnungen.

Die Tänzerin Josephine Baker war eine der ersten Frauen in einer Freimaurerloge

Die Tänzerin Josephine Baker war eine der ersten Frauen in einer Freimaurer-Loge

Wer darüber mit Gleichgesinnten reden wollte, musste das im Geheimen tun, sonst hätte ihm Kerkerhaft oder Schlimmeres gedroht. Steinmetze stellten für solche Zusammenkünfte ihre Baulogen zur Verfügung. Und nicht nur das. Die ersten Aufklärer entdeckten bald eine Ähnlichkeit zwischen der Arbeit der Steinmetze und der freien Entwicklung des Individuums.

Alles kann ein Tempel sein

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Humanität und Toleranz – so lauten die Kardinaltugenden der Freimaurer. Die ersten drei sind nicht zufällig Prinzipien der Französischen Revolution von 1789. Die Logen werden zu Keimzellen republikanischen Denkens. Dort trafen sich Menschen, die Meinungs- und Redefreiheit forderten, die Abschaffung von Folter und Zensur planten und die nichts von verordneter Religion hielten.

Winston Churchill

Der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi war ebenso Freimaurer wie der britische Premierminister Winston Churchill

Weisheit, Stärke, Schönheit

Heute noch liegt in den Tempeln der Freimaurer ein sogenannter Arbeitsteppich, in den freimaurerische Symbole gewebt sind – Zirkel, Hammer und geometrische Figuren. Zu Beginn eines Logentreffens werden Kerzen entzündet, dazu ertönt leise Musik. Weitere Symbole, die zur festen Einrichtung eines Tempels gehören, sind das Winkelmaß – ein uraltes Werkzeug der Dombauhütten als Zeichen richtiger Lebensführung. Oder ein Seil, das zu einer Acht geknotet ist, dem Symbol der Unendlichkeit. Denn die Entwicklung eines Menschen ist in der Sicht der Freimaurer niemals abgeschlossen.

Freimaurer Siegel

Die Symbolik der Freimaurer wirkt für die Gesellschaft oft mystisch und geheimnisvoll.

Faschismus und Freimaurerlogen

Politische Extremisten sollen bei den Freimaurern keinen Eingang finden, ebenso wenig religiöse Fanatiker. Dennoch schuf die Loge "P 2" in den 70er Jahren in Italien ein konspiratives Netzwerk aus Geheimdiensten und Polizei, das einen faschistischen Staatsstreich vorbereitete. Er konnte gerade noch rechtzeitig verhindert werden.

"Propaganda Due" war 1944 von Licio Gelli gegründet worden, einem glühenden Faschisten, der sich mit der persönlichen Freundschaft zu Hermann Göring brüstete. Wie die Ermittlungsbehörden 1981 herausfanden, war die Loge eigens zum Zweck eines Putsches von rechts ins Leben gerufen worden. Dass die Loge so lange konspirativ arbeiten konnte, hatte mit ihrer Abschottung vom Rest der italienischen Gesellschaft zu tun.

Freimaurer setzen heute auf mehr Transparenz

Auch deshalb setzen die Freimaurer heute auf mehr Transparenz. Ihren Ruf als Geheimorganisation wollen die Freimaurer gern abstreifen und sich für Nachwuchs öffnen. 2017 gibt es weltweit etwa sechs Millionen Freimaurer, davon immerhin 14.000 in Deutschland.

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