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Energiewende

SENDETERMIN Mo, 26.9.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Klimaschutz mit Nebenwirkungen Die hässliche Seite der Energiewende

SWR2 Wissen. Von Dirk Asendorpf

Kohlekraftwerke sind Dreckschleudern, Atomkraftwerke gefährlich; in den nächsten Jahrzehnten sollen sie komplett durch erneuerbare Stromerzeugung ersetzt werden. Doch auch die Technik der Energiewende hat unschöne Folgen und Nebenwirkungen.

Wird irgendwo in Deutschland ein Windpark, eine Hochspannungsleitung oder ein Speicherkraftwerk geplant, regt sich meist Widerstand. Dabei geht es häufig um Details, immer öfter wird aber auch die Notwendigkeit der Neubauten insgesamt infrage gestellt - insbesondere in Bayern. Welche Großtechnik braucht die Energiewende - und wie viel davon könnte durch eine intelligentere dezentrale Struktur unserer Energieversorgung ersetzt werden?

Ein halbes Dutzend neuer Nord-Süd-Verbindungen mit einer Gesamtlänge von knapp 3.000 Kilometern sollen das deutsche Stromnetz fit machen für die Energiewende. Jahrelang wurde über Ort und Länge der Kabel debattiert. Es gab Gutachten, Gegengutachten, Anhörungen – und am Ende Entscheidungen, niedergelegt im 160-seitigen Netzentwicklungsplan.

Doch nach einem Veto aus Bayern fasste die Bundesregierung Ende 2015 den Beschluss, Hochspannungsleitungen künftig vorrangig unter die Erde zu legen. Die Trassenplanung musste deshalb Anfang 2016 bei null neu beginnen. Die Fertigstellung wird sich um mindestens drei Jahre verzögern und die Baukosten steigen um mehrere Milliarden Euro.

 Rohre, in denen Erdkabel Strom transportieren sollen, werden am 11.07.2014 in Raesfeld (Nordrhein-Westfalen) verlegt.

Die Erdverkabelung verursacht Milliardenkosten (Symbolbild)

Dagegen steht die Hoffnung, dass künftig wesentlich weniger Einsprüche und Klagen den Stromnetzausbau behindern. Doch diese Erwartung könnte trügen. Denn auch Erdkabel sind nicht ohne Folgen und Nebenwirkungen für die betroffene Bevölkerung.

Strom im Boden

Hier ist das bereits zu besichtigen: Ein schnurgerades dunkelgrünes Band zieht sich an der münsterländischen Kleinstadt Raesfeld vorbei, auf beiden Seiten von kleinen Holzpfählen gesäumt. Darunter liegt Europas erste große Hochspannungsleitung, die nicht in luftiger Höhe verlegt wurde. Seit 2007 hatte die Bürgerinitiative „Pro Erdkabel NRW“ dafür gekämpft.

Während eine Freileitung rund 1,5 Millionen Euro pro Kilometer kostet, schlug das Erdkabel mit dem sechsfachen Betrag zu Buche. Besonders teuer war die Unterquerung einer Bundesstraße und zweier Ölleitungen. Wo ein Erdkabel Flüsse, Wälder oder felsigen Untergrund passieren müsste, wären Aufwand und Kosten sogar noch deutlich größer.

Monteure arbeiten  in Thüringen an einem Strommast

Freileitungen sind immer ein Eingriff in die Natur - Erdkabel allerdings auch

Aus den Augen, aus dem Sinn – so leicht kann man die negativen Begleitumstände der Energiewende nicht los werden. Eine Stromversorgung, die sich zu hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen speist, braucht Windparks, Solaranlagen, Kabel, Stromspeicher und eine intelligente Steuerung. Und all diese Komponenten hängen eng zusammen. Wird an der einen Stelle gespart, muss das an anderer Stelle wieder ausgeglichen werden.

Wasser hin und her

Die fünf Pumpspeicherwerke der Schluchsee AG 6 im Südschwarzwald: Im Auftrag der Energieriesen RWE und EnBW sorgen sie für ein Viertel der Speicherkapazität im deutschen Stromnetz. Bereits 2008 hat die Planung eines Neubaus begonnen, der die Leistung noch einmal verdoppeln soll, Kostenpunkt 1,6 Milliarden Euro.

Wenn Wind und Sonne mehr Strom liefern als im gleichen Moment gebraucht wird, sollen Pumpen gewaltige Wassermengen auf den 1020 Meter hohen Abhau pumpen. Die Bergspitze musste dafür gesprengt und in eine Betonwanne verwandelt werden.

Machen sich Wind und Sonne rar – Fachleute sprechen dann von einer "Dunkelflaute" –, schießt das Wasser durch ein Kraftwerk zurück ins 600 Meter tiefer gelegene Unterbecken. Eine der größten Staumauern Deutschlands würde dafür das idyllische Haselbachtal absperren.

Ein Pumpspeicher

Pumpspeicherwerk

Der Akzeptanzkrater

Vor Ort ist der Widerstand stark, nicht nur rund um Bad Säckingen. Droht eine Großbaustelle, sammeln lokale Bürgerinitiativen schnell Tausende Unterschriften. Fachleute sprechen von einem Akzeptanzkrater: Je weiter die Menschen von der konkreten Maßnahme entfernt sind, desto größer ist ihre Zustimmung.

In repräsentativen Umfragen befürworten regelmäßig über 90 Prozent der Deutschen die Nutzung von Wind- und Solarenergie. Kohlestrom kommt dagegen nur noch auf 22 Prozent, Atomstrom sogar nur auf 17 Prozent Zustimmung. Doch die für die Energiewende nötigen Baumaßnahmen lehnen viele trotzdem ab.

Dass zu ändern ist nicht einfach. Denn die Hälfte der Deutschen hat noch nie etwas vom Netzentwicklungsplan gehört, drei Viertel gaben in einer repräsentativen Umfrage an, sich auch nicht dafür zu interessieren. Nur drei Prozent haben schon einmal an einer Informationsveranstaltung zum Thema teilgenommen.

Welches Netz funktioniert?

Immerhin: Die meisten Bürgerinitiativen verfügen durchaus über großes Fachwissen. Häufig nutzen sie es, um zu zeigen, dass die Maßnahme, gegen die sie kämpfen, gar nicht nötig wäre, wenn das Gesamtsystem entsprechend angepasst würde.

Fehlende Speicherkapazität an einem Ort könnte zum Beispiel durch ein stärkeres Leitungsnetz ausgeglichen werden. Besonders beliebt ist der Verweis auf ein dezentrales, intelligentes Netz. Die Idee: Anstatt die Stromerzeugung an den Bedarf anzupassen, richtet sich der Bedarf nach der lokal verfügbaren Strommenge.

Haushaltsgeräte, bei denen es egal ist, zu welchem genauen Zeitpunkt sie laufen, werden zum Puffer im Stromnetz. Das funktioniert über den Preis. Der wird permanent auf Angebot und Nachfrage ausgerichtet, Wäschetrockner oder Tiefkühltruhe springen dann erst automatisch an, wenn der Preis niedrig, Strom also überreichlich vorhanden ist.

Smarte Daten

Voraussetzung dafür ist allerdings der flächendeckende Austausch klassischer Stromzähler gegen sogenannte smart meter. In den per smart meter gesammelten Verbrauchsdaten sind jedoch viele Informationen über das Privatleben versteckt, selbst die Frage, welches Fernsehprogramm im Wohnzimmer lief, lässt sich daraus rekonstruieren.

Smart Meter 2

Den Verbrauchsverlauf immer aktuell im Blick

Eigentlich sollten smart meter schon vor Jahren eingeführt werden, doch die Verabschiedung der notwendigen Gesetze hat sich immer wieder verzögert. Verbraucherverbände wehren sich heftig – und das nicht nur wegen der Gefahr für den Datenschutz.

Auch die Kosten seien wesentlich höher als die Einsparmöglichkeiten. Und am Ende könnte beim Strom ein ähnlicher Wirrwarr an Tarifen entstehen, wie er schon heute fürs Handy üblich ist. Noch komplizierter wird es, wenn das intelligente Stromnetz nicht nur den Verbrauch, sondern auch die Erzeugung erneuerbarer Energie steuern soll.

Pro statt Kon

Schließlich haben ja schon weit über eine Million Haushalte in Deutschland Solarzellen auf dem Dach. Beim Strom sind sie also sowohl Konsumenten als auch Produzenten; Fachleute sprechen von Prosumern.

Im vergangenen Jahr hat Wildpoldsried fünfeinhalb mal so viel Strom erzeugt wie verbraucht. Damit gehört das Dorf zu mehreren Hundert sogenannten energieautarken Kommunen in Deutschland. Dazu kommen immer mehr Privathaushalte, die in ihren Niedrigenergie- oder Passivhäusern ausschließlich Strom und Wärme aus eigener Erzeugung verbrauchen.

Gerne sehen sie sich als Keimzelle einer neuen, dezentralen Energieversorgung. Doch als Vorbild für ganz Deutschland taugen sie nicht. Industrie und Handwerk sind in den Städten konzentriert, dazu kommen klimatisierte Bürogebäude, U- und S-Bahnen und hell erleuchtete Straßen. Entsprechend hoch ist der urbane Energiebedarf.

Falsche Verteilung der Kosten

Und selbst die ländliche Selbstversorgung ist nur eine Illusion. Denn neben dem Strom und der Wärme, die wir zu Hause verbrauchen, betanken wir auch unsere Autos. Und dann gibt es noch den indirekten Energieverbrauch. Für die Herstellung und den Transport all der Dinge, die wir täglich nutzen – von der Kleidung über die Möbel bis zum Wasser – wurde sehr viel Energie aufgewandt.

Insgesamt sehr viel mehr als auf der begrenzten Fläche eines Eigenheimdaches jemals erzeugt werden könnte. A propos Eigenheim: Zum Prosumer von Solarenergie kann nur werden, wer über ein freies Hausdach verfügt. Wer zur Miete wohnt, bleibt außen vor.

Das ist nur ein Grund für ein generelles Problem: So wie die Energiewende bisher organisiert ist, macht sie Arme ärmer und Reiche reicher. Das gilt sowohl für die einzelnen Bürger als auch für Regionen unseres Landes. Die garantierten Abnahmepreise für Wind- und Solarstrom werden durch die EEG-Umlage finanziert.

Solardachmontage

Photovoltaik-Montage

Verschonung der Industrie

Als Aufpreis ist sie in der Stromrechnung aller privaten Verbraucher enthalten, viele große Industrieunternehmen bleiben allerdings verschont. Und die lohnende Investition in einen Wind- oder Solarpark kann sich nur leisten, wer über das nötige Kapital verfügt. Alle müssen zahlen, aber nur Reiche können verdienen.

Einen ähnlichen Effekt hat das EEG auch für das Reichtumsgefälle der deutschen Regionen. Der größte Teil der Förderung wird für Solarstrom ausbezahlt, 2015 waren es rund zehn Milliarden Euro. Ein gutes Viertel davon floss allein nach Bayern. Im bevölkerungsreicheren Nordrhein-Westfalen landeten dagegen nur zehn Prozent.

Umgekehrt haben die Nordrhein-Westfalen doppelt so viel in die EEG-Umlage eingezahlt wie die Bayern. Insgesamt fließen so jedes Jahr drei Milliarden Euro von Nord nach Süd, Tendenz steigend. Die Summe ist fast so groß wie der Länderfinanzausgleich zwischen München und Düsseldorf. Doch in der Öffentlichkeit wird das bisher kaum wahrgenommen.

Keine soziale Gerechtigkeit

Die Energiewende ist richtig. Sie ist eines der wenigen Themen, bei denen großer Konsens zwischen Politik und Bürgern herrscht. Aber richtig allein genügt nicht. Um auf Dauer erfolgreich zu sein, muss die Energiewende auch noch gerecht werden. Und das ist keine einfache Aufgabe.

Dem Streit um die technischen Bauwerke der Energiewende muss ein Streit um ihre soziale Gerechtigkeit folgen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass ein Radikalumbau der Energieversorgung kein Kinderspiel ist. Und er muss bei laufendem Betrieb geschehen – eine Operation am offenen Herzen eines der mächtigsten Industriestaaten der Welt.

Weltweit gibt es dafür kein Vorbild. Im Gegenteil: Viele Länder blicken mit großem Interesse auf die deutsche Energiewende. Gelingt sie, werden sich andere daran orientieren. Scheitert sie, ist auch der Erfolg der globalen Klimapolitik insgesamt in Gefahr.

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