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Das Eingangsschild des Koordinierungszentrums "China Organ Transplant Response System" in Shenzhen in Südchina

SENDETERMIN Mo, 1.2.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Chinas Transplantationsmedizin und der Westen Die Organe der Hingerichteten

China verspricht die Abkehr von seiner international geächteten Transplantationspraxis. Aber kann man dem Versprechen glauben?

Rund 10.000 Organe werden in China pro Jahr verpflanzt. Nach der Statistik liegt das Land damit weltweit auf dem zweiten Platz, hinter den USA. Doch China verdankt seine Spitzenposition einer Praxis, die international geächtet ist: Noch 2013 stammte nach Angaben der Regierung mehr als die Hälfte der verpflanzten Organe von hingerichteten Gefangenen.

Westliche Kliniken, Ärzte und Firmen unterstützen das chinesische Transplantationssystem

Insgesamt wurden in China bis heute mehr als 100.000 Organe bei getöteten Häftlingen entnommen – nach zurückhaltender Interpretation offizieller Zahlen. Nicht nur ausländische Patienten haben von dem chinesischen System profitiert.

Westliche Kliniken und Ärzte unterstützen chinesische Transplantationszentren, ohne viel Fragen zu stellen. Pharmafirmen versorgen den Markt mit Medikamenten gegen Organabstoßung - und forschen an chinesischen Transplantationszentren.

Die chinesische Regierung gibt nicht einmal bekannt, wie viele Gefangene im Jahr hingerichtet werden

Die chinesische Regierung gibt nicht einmal bekannt, wie viele Gefangene im Jahr hingerichtet werden

An Patienten zu forschen, die Organe von Hingerichteten erhalten haben, verstößt jedoch gegen Prinzipien des Weltärztebunds und der Transplantation Society, in der Organisationen und Chirurgen weltweit zusammengeschlossen sind.

Wird an Patienten geforscht, die Gefangenenorgane transplantiert bekommen haben?

Organspende beruhe auf Freiwilligkeit, argumentieren die beiden Institutionen – und Gefangene könnten nicht frei entscheiden. Wie wollen also pharmazeutische Konzerne sicherstellen, dass an ihren Transplantations-Studien keine Patienten teilnehmen, die von Gefangenenorganen profitiert haben?

Die Firma Novartis hat in China eine Studie an 500 Patienten gestartet, die neu eine Niere transplantiert bekommen haben. Das Novartis-Medikament Myfortic gegen Organabstopung soll an ihnen erprobt werden. „Den chinesischen Transplantationszentren mangelt es noch an Erfahrung mit der Beschaffung guter Organe von freiwilligen Spendern. … Seit März 2015 arbeiten wir mit einer Reihe von Transplantationszentren zusammen, die … nur freiwillige Organspenden zulassen“, begründet der Konzern das aktuelle Engagement im Reich der Mitte.

„Für MyERA war eine vollständig überprüfte Einverständniserklärung … sowie eine vollständig überprüfte Dokumentation zur Organherkunft erforderlich, um internationale ethische Standards zu erfüllen“, teilt Novartis-Sprecher Patrick Barth auf Anfrage mit: „Hingerichtete Gefangene werden zur Gruppe der hirntoten Spender gezählt. Novartis schließt bei ihren Studien die Organe von hirntoten Spendern ausnahmslos aus.“

Herkunft der Organe ist in China nicht nachprüfbar

Menschenrechtsaktivisten wundern sich über die Gewissheit, die man bei Novartis an den Tag legt. Vieles ist in China nicht transparent. Die Regierung gibt nicht einmal bekannt, wie viele Gefangene im Jahr hingerichtet werden. Die von der Weltgesundheitsorganisation geforderte Nachprüfbarkeit der Herkunft von Organen ist nicht gewährleistet.

Die Regierung in China gibt nicht einmal bekannt, wie viele Gefangene im Jahr hingerichtet werden

In der chinesischen Provinz Hunan werden Gefangene öffentlich vorgeführt und verurteilt

Niemand weiß, welche Zentren wie viele Organe entnehmen und woher diese stammen. Zwar verfügt China seit einigen Jahren über Organregister, doch sie sind nicht mit westlichen Registern vergleichbar. „Um die Übereinstimmung mit internationalen ethischen Standards zu erfüllen, hat Novartis klare Regeln definiert“, teilt Konzern-Sprecher Barth weiter mit. „Mitarbeitende in der klinischen Forschung überprüfen die Daten und melden Unregelmäßigkeiten. In diesem Fall wird eine interne Untersuchung eingeleitet. Je nach Ergebnis der Untersuchungen werden die Gesundheitsbehörden benachrichtigt und Korrekturmaßnahmen implementiert.“

Chinas Transplanteure - im Westen ausgebildet

Die westliche Welt kooperiert auf verschiedene Weise mit dem chinesischen Transplantationssystem. Michael Millis, Direktor des Transplantationszentrums an der Universität von Chicago, ist einer von mehreren westlichen Beratern der chinesischen Regierung in Transplantationsangelegenheiten, seit mehr als zehn Jahren schon. Mehrmals im Jahr reist er nach China und hält dort Vorträge über Lebertransplantation. Er hat eine Kooperation seiner Universität Chicago mit dem Peking Medical Union College initiiert.

Er hat an seiner Universität chinesische Gastärzte in der Transplantationsmedizin weitergebildet. Millis dürfte einer der besten westlichen Kenner des chinesischen Transplantationssystems sein. Über eines allerdings möchte er unter keinen Umständen sprechen. Nämlich das System der Organspenden von Gefangenen.

Berater mit Interessenkonflikt

In Millis’ Vorzimmer künden Fotoalben von der China-Begeisterung des Chefs: Sohn Andrew beim Tauchen in China, Vater und Sohn in einer chinesischen Klinik, die ganze Familie beim Gruppenfoto mit dem langjährigen Vize-Gesundheitsminister Huang Jiefu, der heute die nationale Kommission für Organtransplantation in China leitet.

Millis ist mit Huang befreundet. Doch er ist mit China nicht nur über persönliche Beziehungen verbunden. Seit 2004 leitet er das China Clinical Advisory Board der Firma Vital Therapies mit Sitz in San Diego, USA.

Mit der Firma Vital Therapies Inc. will Millis in China eine künstliche Leber auf den Markt bringen: Das sogenannte ELAD-System soll Menschen mit Leberversagen stabilisieren, bis ihr Organ sich erholt hat oder ein neues transplantiert werden kann.

Falun Gong

Falun Gong Anhänger in Taiwan auf einer Demonstration im Jahr 2012, bis zu diesem Zeitpunkt sind vermutlich bereits über 100.000 Falun Gong Anhänger in chinesischer Gefangenschaft und über 3.600 von ihnen an Erschöpfung und Folter gestorben

Pilotstudie mit dürftigen Ergebnissen

Vor sieben Jahren begann in China eine Pilotstudie zu ELAD mit 49 Patienten, schon im Jahr darauf beantragte Vital Therapies die Zulassung in China. Der potenzielle Markt dort ist riesig: 300.000 Patienten im Endstadium einer Lebererkrankung. Eine attraktive Perspektive, auch für Millis.

Fakt ist: Michael Millis hat geschäftliche Interessen in China. Wie unabhängig berät er dann die chinesische Regierung? Wie viel Kritik kann er sich erlauben? Hat er mit seinen chinesischen Partnern beispielsweise die mutmaßliche Organentnahme bei Falun-Gong-Anhängern diskutiert?

2010 startete Huang gemeinsam mit dem chinesischen Roten Kreuz ein Pilotprojekt zur bürgerbasierten, freiwilligen Organspende. Was Millis nicht erwähnt: Erst als man begann, die Angehörigen von Verstorbenen im Gegenzug für eine Organspende finanziell zu unterstützen, nahm das Pilotprojekt Fahrt – und wurde 2013 auf ganz China ausgeweitet.

Geld für Angehörige von Organspendern

2015 soll es bis August immerhin 1590 Spender gegeben haben. Woher genau die Gelder für die Angehörigen kommen ist ungeklärt. Geld für Organe zu bezahlen widerspricht den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Transplantationsgesellschaft TTS.

Ende 2014 kündigte Huang Jiefu wieder einmal an, China werde von Januar 2015 an auf die Organe von Hingerichteten verzichten. Im Zuge dieses Versprechens lud er Ende August 2015 zu einer großen Konferenz nach Guangzhou.

Falung Gong

Bereits im Jahr 2012 fordern Falun Gong Anhänger in Taiwan auf Demonstrationen den chinesischen Staat auf, offenzulegen, was wirklich in den Arbeits- und Gefangenenlagern passiert

Es kamen Vertreter der Transplantation Society, der Weltgesundheitsorganisation und der Declaration of Istanbul, einer Initiative gegen den Organhandel weltweit. Die Vertreter des Westens lobten wortreich Chinas Fortschritte in der Transplantation.

Spendewillige Hinrichtungskandidaten?

Doch auf Versprechungen von chinesischer Seite war bislang wenig Verlass. Zumal Huang sich explizit ein Schlupfloch offen gelassen hat. Er erklärte beispielsweise der Beijing Times: Sobald die Organe von spendewilligen Hinrichtungskandidaten in das allgemeine Verteilungssystem eingespeist seien, würden sie als freiwillige Spende von Bürgern behandelt.

Was ist somit diese Freiwilligkeit wert? Und wie sind dann die China-Aktivitäten westlicher Experten oder Firmen zu bewerten?
In der Vergangenheit scheint der Schweizer Konzern Novartis in diesen Fragen keine großen Skrupel gehabt zu haben. Bereits von Januar 2005 bis Juni 2006 forschte Novartis in China an 300 Transplantierten. Zu dieser Zeit stammten nach Angaben von Huang Jiefu, damals noch chinesischer Vize-Gesundheitsminister, mehr als 90 Prozent aller transplantierten Organe von hingerichteten Gefangenen.

„Unsere Aufgabe ist es, innovative Produkte zu entdecken und zu entwickeln, damit Krankheiten geheilt, Leiden gemildert und die Lebensqualität kranker Menschen – auch in China – verbessert werden kann“ schreibt Novartis-Sprecher Barth. Eine ausreichende Antwort auf die Frage, warum Novartis die Medikamente für den chinesischen Markt trotz der offenen Fragen unbedingt in China testen muss, ist das nicht.

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