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Sojabohnen

SENDETERMIN Sa, 23.6.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen: Spezial Der globale Acker

Aus der 10-teiligen Reihe: "Unser künftig Brot" (6)

In der globalen Arbeitsteilung der Landwirtschaft exportiert Deutschland vor allem Geflügel und Schweine. Das Futter für die Schlachttiere wächst in Brasilien, Argentinien und den USA. Es ist in der Hauptsache genveränderte Soja.

Die Sojabohne ist ein Multitalent: Eiweiß, Kohlehydrate, Fett und Mineralstoffe liefert sie in einmalig günstiger Kombination. Und der Weltmarktpreis ist niedrig. Wir importieren Soja zum größten Teil aus den USA. Die amerikanische Sojafläche zur Produktion von Futtermitteln für das Vieh in deutschen Ställen ist in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent angewachsen, sie ist jetzt zehnmal so groß wie die Anbaufläche deutscher Kartoffeln.

Sojapflanzen

Junge Sojabohnenpflänzchen auf einem Feld

Mit dem importierten Sojaberg erzeugt Deutschland immer mehr Fleisch

Und zwar Fleisch, dass zu großen Teilen dann wieder ins Ausland verkauft wird. Bei Geflügel und Schwein hat sich die Exportmenge in den vergangenen zehn Jahren glatt verdoppelt. Das hat Folgen: Auf dem amerikanischen Kontinent bedrohen genveränderte Soja-Monokulturen die Bodenfruchtbarkeit und den Regenwald, bei uns wiederum steigt die Nitrat-Belastung des Grundwassers. Denn die Gülle der mit Importsoja gemästeten Tiere landet auf deutschen Äckern.

Mastbetriebe werden in Deutschland subventioniert

Reinhard Bauer aus Niederbayern ist mit seinem Familien-Bauernhof Teil dieses globalen Agrarsystems. 2.000 Mastschweine stehen in seinen Ställen, dazu 80 Zuchtsauen mit ihren Ferkeln. Damit gehört der Familienbetrieb noch zu den kleineren Mastunternehmen im Kreis Landshut. Betriebe mit 5.000 Schweinen sind in der traditionell eher kleinbäuerlich geprägten Region inzwischen keine Seltenheit mehr. Üppige Stallbauprämien haben die Landwirte zu immer größeren Investitionen motiviert.

moderner Schweinestall

Die Massentierhaltung nimmt zu. Landwirte erhalten dazu üppige Stallbauprämien.

Die Massenfleischproduktion führt zu Problemen- vor allem durch die Gülle

Die Schweinemast in Niederbayern ist das Ergebnis zunehmender Spezialisierung in der globalen Agrarwirtschaft: Dänemark und die Niederlande haben die Zucht optimiert und liefern billige Ferkel, in Deutschland werden sie mit billigem Futter aus Süd- und Nordamerika gemästet, von billigen osteuropäischen Arbeitskräften geschlachtet und dann zum Beispiel nach China exportiert. Die Massenfleischproduktion führt aber auch zu Problemen. Wohin mit der Gülle? Sie kann nicht mehr komplett auf die Äcker ausgebracht werden, zu groß ist ihre Menge geworden.

Ein Traktor fährt mit Güllewagen über ein Feld und verspritzt Gülle.

Auf unseren Feldern landet zuviel Gülle. Die Böden können sie nicht mehr abbauen.

In Niedersachsen landen jedes Jahr 60 Mio Tonnen Gülle auf dem Acker

Besonders gravierend ist die Situation aber in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Fleischindustrie. Gut zehn Millionen Schweine, 2,7 Millionen Rinder und über Hundert Millionen Hähnchen, Hühner und Puten werden dort gehalten.
Und trotz strenger Gülleverordnung: Am Ende landet das, was die Tiere an Jauche, Kot und Mist hinterlassen, irgendwo auf einem Acker – entweder direkt oder als Gärrest nach einem Umweg durch eine von über tausend Biogasanlagen. Insgesamt sind das in Niedersachsen rund 60 Millionen Tonnen im Jahr.

Über die Äcker gelangt der Stickstoff in Form von Nitrat ins Grundwasser

Vor der Gülle, die so ins Trinkwasser sickert, warnen auch die Wasserverbände. Wie zum Beispiel der Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband: er versorgt eine Million Mensch im deutschen Nordwesten mit Trinkwasser. Egon Harms leitet dort die Qualitätsüberwachung und berichtet:

„Es gibt ein großes Gülleproblem im oberflächennahen Grundwasser, das ist der Bereich bis etwa zehn Meter unter Geländeoberkante. Dort haben wir hohe Nitratbelastungen. Die Trinkwassergewinnung, die findet in größeren Tiefen statt – zwischen 50 und 100 Meter unter Gelände. Und dort ist die Nitratbelastung noch so gering, dass wir einwandfreies Trinkwasser auch liefern können.

Grafik: Dünger bildet Nitrat und gelangt ins Grundwasser

Grundwasser wird durch Nitrat verunreinigt

Die Böden schaffen es nicht mehr, das Nitrat abzubauen

Rund die Hälfte aller Grundwasser-Messtellen in Niedersachsen melden bereits Grenzwertüberschreitungen. Und die Böden sind immer weniger in der Lage, das Nitrat auf dem Weg bis ins Trinkwasser wieder abzubauen.
Wegen der zu hohen Nitratbelastung hat die EU-Kommission bereits 2016 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland beschlossen. Zwar hat die Bundesregierung daraufhin das Düngerecht verschärft, jedoch weiterhin viele Ausnahmen erlaubt.

Abhilfe soll auch der Anbau von Soja auf deutschen Äckern schaffen

Es wird versucht, die Nitratbelastung nach und nach zu senken, indem man z.B. weniger Dünger nutzt und natürlich auch durch Leguminosen-Anbau. Hier kommt wieder die Sojabohne ins Spiel. Sie ist wie alle Leguminosen nicht auf Stickstoff im Boden angewiesen. Im Gegenteil: In ihren Wurzelknöllchen siedeln Bakterien, die den Stickstoff direkt aus der Luft aufnehmen und an die Pflanze weitergeben. Im Fruchtwechsel spielen Leguminosen deshalb eine wichtige Rolle für den Erhalt der Bodenqualität. Auch Ackerbohne oder Lupine haben diesen Vorteil, doch wenn es um Nährwert, Ertrag und Wirtschaftlichkeit geht, ist Soja allen anderen Leguminosen haushoch überlegen. Gerne ist deshalb auch von der Wunderbohne die Rede.

Globaler Soja-Boom durch gentechnisch veränderte Soja

Den jüngsten Soja-Boom verdanken wir genveränderten Soja des US-amerikanischen Agrar-Konzern. 1997 brachte Monsanto in den USA, Kanada und Argentinien das erste gentechnisch veränderte Soja-Saatgut in den Handel. Es ist gegen das ebenfalls von Monsanto gelieferte Breitband-Herbizid Roundup resistent, das hat zu deutlichen Kosteneinsparungen bei der Unkrautbekämpfung geführt. Hauptbestandteil von Roundup ist das umstrittene Glyphosat.

Ein mit Glyphosat behandeltes Feld

Ein mit Glyphosat behandeltes Sojabohnenfeld.

90% aller angebauten Soja sind heute transgen veränderte Bohnen

Erst die Gentechnik machte den globalen Soja-Boom möglich – und brachte damit den transatlantischen Stickstofftransport auf Hochtouren. Nur in der EU dürfen gentechnisch veränderte Sorten nicht angebaut werden. Als Import-Tierfutter sind sie allerdings zugelassen – und sehr verbreitet. In Deutschland liegt ihr Anteil an der verfütterten Soja über 80 Prozent. Erstaunlich, dass das keinen Protest auslöst, immerhin lehnen doch 70 Prozent der Deutschen Gentechnik in der Landwirtschaft ab.

Im Futtermittel der Rinder tritt heute immer öfter Raps an die Stelle von Soja

Eine weitere Kuriosität der globalen Agrarwirtschaft hat dazu geführt: die Beimischungspflicht für Pflanzenöl im Dieselkraftstoff.
Der Biodiesel hat den Rapsanbau in Deutschland beflügelt, über 1,3 Millionen Hektar standen 2017 knallgelb auf den Feldern, gentechnisch unverändert. Ihr ausgepresstes Öl landet im Diesel, übrig bleibt der sogenannte Rapskuchen, ein eiweißhaltiges Futtermittel. Es ist so billig, dass es das Sojaschrot in der Rinder- und Milchkuhhaltung inzwischen fast vollständig verdrängt hat. Bei Schweinen und Geflügel geht das aber so einfach nicht. Anders als Wiederkäuer sind sie in der Mast auf das hochwertige Eiweiß aus der Soja angewiesen. Doch gentechnikfreie Soja ist auf dem Weltmarkt knapp. Zwar wird sie in Brasilien wieder etwas häufiger angebaut, doch die saubere Trennung über die gesamte Transportkette ist schwierig und teuer.

Der Anbau von gentechnikfreier Soja aus Europa wird gefördert

Als ursprünglich tropische Pflanze braucht Soja viel Wärme und lange Nächte, damit sie anfängt zu blühen. Diese Kombination – warm und dunkel – hat Deutschland mit seinem wechselhaften Wetter und kurzen Sommernächten eigentlich nicht zu bieten. Doch mit gezielter Züchtung, cleverer Anbautechnik und etwas Unterstützung durch den Klimawandel könnte Soja sich auch in Deutschland durchsetzen – so wie es der Mais, eine ursprünglich ebenfalls tropische Pflanze, nach dem Zweiten Weltkrieg vorgemacht hat.

Zwei Männer und ein Junge stellen ein Schild an einem Acker auf

Der Anbau von gentechfreiem Soja wird in Deutschland gefördert.

In Deutschland schwanken die Erträge von Soja sehr stark

Zwischen einer und vier Tonnen Soja werden pro Hektar geernet. Trotzdem hat sich die Ernte in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht. Mit rund 40.000 Tonnen ist sie gegenüber den 4,5 Millionen Tonnen importierter Soja allerdings weiterhin winzig.

Doch wir können nicht so viel Soja anbauen, dass dadurch das Gülle- und Nitratproblem gelöst wäre. So bleibt nur der kalte Entzug. Am Ende würde davon sogar die Gesundheit profitieren. Weniger Soja, weniger Fleisch, mehr Vielfalt auf dem Teller und dem Acker – es wäre eine Win-Win-Situation.

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