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Frosch in der Wildnis

SENDETERMIN Do, 28.7.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Der Frosch - Eine quakende Kulturgeschichte

Von Brigitte Kohn

Seit jeher haben Frösche, Kröten und Unken auch die Phantasie des Menschen belebt: als Zeichen für Fruchtbarkeit und Verwandlung, als Symbole einer verteufelten oder vergötterten Sexualität. Frösche und Kröten brodeln in Hexenkesseln, sie leisten dem Teufel in der Hölle Gesellschaft oder sind freundlicher Bestandteil ostasiatischer Hochzeitsriten. Fast alle Kulturen haben Froschmythologien hervorgebracht, und bis heute hüpft das Tier durch Kunst, Literatur und Werbung und zeugt von der tiefen Verbindung zwischen Mensch und Frosch. (Produktion 2014)

Genaugenommen gehört der Frosch zu den Froschlurchen. Die Biologie unterteilt diese Amphibien in drei Ordnungen: Frösche, Kröten und Unken, jeweils mit zahllosen Arten und Unterarten. Der Frosch hat längere Beine und eine längere Zunge, er springt, quakt und schnappt mit der Zunge nach Insekten. Kröten bewegen sich meist schwerfälliger durch die Welt und haben oft Giftdrüsen am Körper, die wie Warzen aussehen.

Grüner Frosch sitzt im Teich

Es gibt Frösche, Kröten und Unken, jeweils mit zahllosen Arten und Unterarten

Wenn Unken unken

Die Unken haben abgeflachte, ebenfalls warzige Körper, herzförmige Pupillen und eine farbig marmorierte Unterseite. Sie sind stammesgeschichtlich betrachtet am ältesten - und heute am meisten gefährdet. Früher gehörte die Unke zum Alltag der Menschen dazu, und jedes Kind kannte sie.

Im "Märchen von der Unke" der Gebrüder Grimm füttert ein Kind die Unke des Hauses mit Milch und Brot, und die Unke schafft zum Dank dafür wertvolle Schätze herbei. Als sie erschlagen wird, weicht alle Lebenskraft aus dem Kind, es siecht dahin und stirbt.
Im Märchen "Die drei Federn" spielen Kröten die Hauptrolle: Eine Kröte beschenkt den jüngsten Königssohn, den Dummling, mit Schätzen und stellt ihm eine andere Kröte zur Seite, die sich prompt in eine schöne Frau verwandelt und ihm sein Königreich sichert. Wesentlich bekannter ist die Metamorphose des Frosches im "Froschkönig", der sich in einen Prinzen verwandelt.

Der Frosch verkörpert einerseits das Hässliche, das Bedrohliche, andererseits aber auch Verwandlung und Lebenskraft.

Gegen die Wand geklatscht

Der Berliner Kulturhistoriker Bernd Hüppauf hat ein Buch über die Kulturgeschichte des Frosches geschrieben, in dem auch das Märchen vom Froschkönig zur Sprache kommt. Wobei Bernd Hüppauf Wert auf die Tatsache legt, dass die Prinzessin in der ursprünglichen Version des Märchens den Frosch keineswegs küsst, sondern an die Wand schlägt. Der Metamorphose geht also ein Gewaltakt voraus.

Ein Aufstand, der dem Leben dient: Der Prinz ist erlöst vom bösen Zauber und die Prinzessin von der Macht des Vaters. Somit ist die junge Generation frei für die Liebe und die Zukunft. Der Frosch verkörpert einerseits das Hässliche, das Bedrohliche, andererseits aber auch Verwandlung und Lebenskraft.

Leckere Schenkel

Umweltgifte wie das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat, die Zerschneidung der Landschaften durch den Straßenverkehr, die Trockenlegung der Laichgewässer machen den empfindlichen Froschlurchen heute sehr zu schaffen. Ganz abgesehen davon, dass sie in vielen Gegenden der Welt immer noch gefangen werden, um Terrarienfreunde oder Feinschmecker zu beglücken, die gern Froschschenkel essen, oder weil man aus ihrer Haut medizinische Wirkstoffe gewinnen will.

Laubfrosch sitzt auf einem grünen Blatt.

Früher sagte man Laubfröschen prophetische Fähigkeiten nach, weil sie in freier Natur höher steigen, wenn das Wetter gut ist

Die Freiburger Dagmar Reduth, promovierte Biologin und aktiv im Naturschutzbund, ist froh, dass Grasfrösche, Grünfrösche und Erdkröten zumindest in ihrer Gegend noch relativ häufig vorkommen. Auch Unken, Kreuzkröten und Laubfrösche gibt es in Baden-Württemberg, aber sie sind selten und werden durch gezielte Maßnahmen vor dem Aussterben geschützt. Dagmar Reduth verrät die Lebensräume des Laubfrosches in ihrer Gegend nicht, denn diesem hübschen blattgrünen Gesellen stellen Menschen gern nach.

Kletternde Frösche

Musste er doch früher schon so oft als Wetterfrosch sein Dasein fristen, in Einmachgläsern mit einer kleinen Leiter drin. Man hat den Laubfröschen prophetische Fähigkeiten nachgesagt, weil sie in freier Natur höher steigen, wenn das Wetter gut ist. Das liegt aber nur daran, dass die Insekten, die sie fressen, dann höher fliegen.

Unken und Kreuzkröten sind auf flache Gewässer angewiesen, in denen es keine Fische gibt, die die Kaulquappen fressen. Wasserfrösche laichen ebenfalls am flachen Rand von Gewässern, brauchen im Winter aber eine gewisse Tiefe. Denn dann graben sie sich im Gewässergrund ein, um Winterruhe zu halten.

Ein Laubfrosch sitzt am Boden auf einem Zweig

Froschlurche sind wechselwarme Tiere, wenn es draußen kalt ist, haben sie viel weniger Energie

Draußen kalt, innen kalt

Froschlurche sind wechselwarme Tiere. Sie passen ihre Körpertemperatur der Außenwelt an und haben, wenn es draußen kalt ist, viel weniger Energie. Im Frühjahr werden sie munter und suchen, egal wo sie sonst leben, das Wasser auf, um sich zu paaren und ihren Laich, die Eier mit der schützenden Gallertschicht drum herum, abzulegen. Daraus schlüpfen die kiementragenden Kaulquappen, die in einem komplizierten Prozess der Umwandlung äußerer und innerer Organe allmählich zu erwachsenen Froschlurchen mit Lungen werden. Das Wort Amphibien kommt von griechisch amphibios, doppellebig.

Wer in der Nähe eines Froschtümpels lebt, darf sich im Frühjahr Ohrstöpsel zulegen. Denn hochzeitswillige Frösche sind laut. Bei vielen Arten verfügen die Männchen über Schallblasen, ballonartige Hautausstülpungen des Mundhöhlenbodens. Sie dienen als Resonanzverstärker für die Paarungsrufe, mit denen sie die Weibchen anlocken. Wenn Froschlurche sich paaren, bespringt das Männchen das Weibchen, umklammert es mit den Vorderbeinen unter den Achseln und gibt seinen Samen auf den Laich, den das Weibchen ablegt. Auf menschliche Augen und Ohren wirkt das aufdringlich und lüstern, und das hat die Karriere des Frosches als Fruchtbarkeitssymbol entschieden befördert, schon seit der Steinzeit.

Star der Muppet Show: Kermit, der Frosch!

Star der Muppet Show und der Sesamstraße: Kermit, der Frosch!

Kraft oder Ekel

Außereuropäische Kulturen sehen den Frosch nahezu ausschließlich als positives, lebensspendendes Tier. In Südostasien zum Beispiel spielt er in Hochzeits- und Fruchtbarkeitsriten eine große Rolle. Im christlich geprägten Kulturkreis erregt er aber auch Ekel und Angst vor den unkalkulierbaren Urkräften des Lebens.
karikaturhaften, trivialen Darstellungsmittel zeugen unter anderem vom Verschwinden des wilden Frosches. Sie markieren dieses Verschwinden als beklagenswerte Lücke, die auch den Menschen angeht. Denn Mensch und Frosch, so unterschiedlich sie sein mögen, haben doch eines gemeinsam: Sie brauchen intakte natürliche Lebensgrundlagen. Die sind heute vielfach bedroht, für alle Lebewesen.

Auch der Fernsehfrosch Kermit ist in vielen Varianten vertreten. Kermit, der unbestrittene Chef der Muppetshow und der deutschen Sesamstraße, hat den Ablauf der Show und alle Mitspieler unter seiner gutgelaunten Kontrolle und erklärt nebenbei den Kindern die Welt.
Wer könnte das besser als ein Tier aus dem Morast, das die Anfänge und die unergründliche Tiefe des Lebens verkörpert?

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