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SENDETERMIN So, 9.6.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Das Profil zählt Die Gesellschaft der Einzigartigen (1/2)

SWR2 Wissen: Aula

Die spätmoderne Gesellschaft beruht auf einem Imperativ: Sei originell und einzigartig, dann hast Du große Chancen auf soziale Anerkennung. Das besagt die Theorie des Soziologen Professor Andreas Reckwitz.

Das Gespräch mit Andreas Reckwitz auf einen Blick: 

Was bedeutet Singularität?

"Worum es mir geht, ist die Struktur der Orientierung am Besonderen und Einzigartigen. Und das bezieht sich eben nicht nur auf Individuen, sondern zum Beispiel auch auf die Dingwelt.

Um das Beispiel Essen aufzugreifen: Da gibt es Objekte auf dem Teller, die in ihrer Besonderheit und Einzigartigkeit kreiert werden.

Daran sehen wir, dass Singularisierungsprozesse weit über die Formung von Individuen hinausgehen.

Oder das Beispiel Tourismus und Reisen: Da geht es um die Formung von räumlichen Einheiten, die einzigartig sind, eine einzigartige Atmosphäre haben und nicht austauschbar sein sollen.

Und beim Lebensstil geht es jetzt um eine besonders einzigartige und originelle Selbstentfaltung und Selbstbehauptung." (Andreas Reckwitz)

Das Leben als Singularität

"Man will das eigene Leben zu einem Erlebnis-Projekt machen. Man möchte möglichst viel Erlebnisse in das eigene Leben einbauen und zwar nicht nur in der Freizeit, sondern auch im Beruf, in der Familie usw.

Ein Mann und eine Frau machen ein Selfie

Das Selfie, ein "soziales Phänomen"

Man zeigt anderen die singulären Erlebnisse, die man in seinem Leben vermeintlich hat. Man könnte von einer Art performativer Selbstverwirklichung sprechen, Selbstverwirklichung nicht nur als etwas, was nach innen hin abläuft, sondern performativ, also man performed die Selbstverwirklichung, man will anderen zeigen, wie interessant und erlebnisreich das eigene Leben ist.

Ich denke, diese interessante Doppelkonstruktion von Innenorientierung und Außenorientierung des Gegenwartssubjekts hat sich erst in den letzten Jahrzehnten herausgeschält." (Andreas Reckwitz)

Das spätmoderne Subjekt

"Das spätmoderne Subjekt will nicht nur einen Lebensstandard haben, sondern es möchte Lebensqualität haben und die Fülle aller Möglichkeiten möglichst für sich ausschöpfen.

Dahinter steckt die Formel der Selbstverwirklichung oder Selbstentfaltung des Subjekts. Diese Subjektform ist enorm enttäuschungsanfällig, viel enttäuschungsanfälliger als die klassische Form von Subjektivität, wie wir sie in der industriellen Moderne kennen, wo man einfach nur einen bestimmten Lebensstandard und Status erreichen wollte.

traurige Frau schaut durchs Fenster

Eine Lebensführung, die auf diesem subjektiven Fakt der Selbstentfaltung ausgerichtet ist, ist sehr fragil. Die kann leicht enttäuscht sein oder sich enttäuschen lassen. (Andreas Reckwitz)

Man hat vielleicht einen Beruf ergriffen und ist möglicherweise recht erfolgreich, aber trotzdem meint man: Das entspricht gar nicht so ganz den eigenen Talenten und Potenzialen. Das entdeckt man dann mit 50 oder so." (Andreas Reckwitz)

(Teil 2: Montag, 10. Juni 2019, 8.30 Uhr)

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