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Tote Biene liegt neben einem Blatt

SENDETERMIN Mi, 16.3.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Wie Mensch und Natur die Insekten bedrohen Bienensterben

SWR2 Wissen von Joachim Budde

20 Prozent tote Honigbienen-Völker meldete der Deutsche Imkerbund nach dem Winter 2014/15 - Opfer einer Milbe, die seit Jahren den Imkern das Leben schwer macht. Aber auch der Mensch bedroht mit seiner Lebensweise die Bienen. Er ordnet die Landschaft so stark, dass riesige Monokulturen entstehen, auf denen Bienen nur kurze Zeit im Jahr Nahrung finden. Hinzu kommt die Gefahr durch Pflanzenschutzmittel.

Es war viel zu lesen und zu hören vom Bienensterben in den letzten Jahren – und die Pestizide tauchten dabei auch oft auf:
- "Das Bienensterben könnte noch dramatischer werden. Experten der EU bestätigten jetzt, dass Pestizide dafür verantwortlich sind." Der Spiegel, 9. April 2015
- "Etwa 30 Prozent der Bienenvölker sind tot, schätzen die deutschen Imker." Süddeutsche Zeitung, 5. März 2015
- "Ein Fünftel der Bienenvölker ist tot" Spiegel online, 17. April 2015
- "Insektizide verantwortlich für Bienensterben?" Die Welt, 23. April 2015
- "Kampf gegen das Bienensterben ist bislang wenig erfolgreich" Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 9. November 2015
- "Das rätselhafte Massensterben von Honigbienen ist weltweit ein Problem. Sind Pestizide schuld?" Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2016

Die EU-Kommission hat im Jahr 2013 auf Anraten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA vorläufig verboten, drei bestimmte Neonicotinoide in Blütenpflanzen einzusetzen – aus Sorge, kleinste Mengen der Gifte könnten die Bienen auf lange Sicht schädigen.

Neonicotinoide sind Insektengifte. Saatguthersteller umhüllen damit die Samen von Pflanzen, zum Beispiel von Raps. Die Pflanzen nehmen das Insektengift beim Keimen auf und verteilen es von den Wurzeln bis in die Blattspitzen.

Wenn Schädlinge wie die Kleine Flohfliege oder der Raps-Erdfloh an den jungen Rapspflänzchen knabbern oder saugen, vergiften sie sich. Doch das gleiche Schicksal droht nützlichen Tieren, die mit der Pflanze in Kontakt kommen. Zum Beispiel Bienen.

Pestizide werden auf Feld gesprüht

Ob die drei giftigsten Neonicotinoide wieder eingesetzt werden dürfen oder verboten bleiben, entscheidet die Europäische Kommission 2017.


Parasit oder Pestizide?

Es gibt noch einen Grund für die Meldungen vom Bienensterben: Immer wieder schlagen Imker im Frühjahr Alarm, weil viele ihrer Völker im Winter eingegangen sind. Doch dahinter steckt nach einhelliger Ansicht der meisten Bienenexperten ein Parasit: die Varroa-Milbe.

Vor rund 30 Jahren wurde die Varroa-Milbe aus Südostasien nach Deutschland eingeschleppt. Von hier aus verbreitete sich das einen Millimeter lange und anderthalb Millimeter breite, ovale, bernsteinbraune Spinnentier über die ganze Welt. Unsere Honigbienen kennen sie nicht und wehren sich fast gar nicht gegen sie.

So ein Bienenstock bietet der Varroa paradiesische Zustände: Es gibt ausreichend Nahrung, der Stock ist warm, und sie findet besten Schutz. Denn die Milben krabbeln zu den regungslosen Larven in die Brutzellen, kurz bevor die Ammenbienen die Zellen mit einem Wachsdeckel verschließen.

Bienenwabe mit einer Larve

Die Varroa-Milbe fühlt sich in Bienenstöcken wohl: es gibt viel Nahrung und warm ist es auch.


Mit Säure gegen die Milben

Pia Aumeier und ihre Kollegen von der Universität Bochum haben ein System entwickelt, mit dem sie den Milben das ganze Jahr über das Leben schwer machen. Im Frühjahr entfernen sie einen großen Teil der Drohnenbrut. Denn die männlichen Larven bleiben länger in den Waben. Bei ihnen können sich die Milben besonders gut vermehren.

Zudem rückt Pia Aumeier den Milben mit organischen Säuren zuleibe, wenn sie zu viele der Parasiten im Volk findet. Sie stellt einen Verdunster in den Bienenstock, der verdünnte Ameisensäure verdampft. Die dringt bis in die Brutzellen ein und erwischt auch dort die Milben. Vor Weihnachten entmilbt Aumeier die Bienen noch einmal mit Oxalsäure. Und vor dem Start in die Saison im Frühjahr besprüht sie das Volk mit Milchsäure.

Es gibt auch chemische Mittel gegen Varroa, allerdings sind viele Milben schon resistent dagegen. Das ist bei den organischen Säuren unwahrscheinlich. Milchsäure, Ameisensäure und Oxalsäure kommen zudem ganz natürlich in kleinen Mengen im Stock und im Honig vor. Die Bienen vertragen die Behandlung.  

Bienen mit Milben

Die Varroa überträgt Krankheitserreger, sodass die Bienen mit verkümmerten Flügeln oder zu kurzem Hinterleib schlüpfen.

Verwirrende Studien über Neonicotinoiden

In der Europäischen Union gilt das Vorsorgeprinzip. Wenn der berechtigte Verdacht besteht, dass ein Pflanzengift Mensch und Umwelt schädigt, kann es verboten werden. Darum hat die EFSA, die zuständige EU-Behörde, 2013 das vorläufige Verbot erlassen.

Ursprünglich wollte sie im Dezember 2015 darüber entscheiden, ob es weiterhin gilt. Doch die Ergebnisse der unterschiedlichen wissenschaftlichen Studien sind nach wie vor verwirrend vielfältig. Bayer und Syngenta, die Produzenten der fraglichen Substanzen, können das EU-Verbot nicht nachvollziehen, so Christian Maus, der bei Bayer für die Bienensicherheit von Pflanzenschutzmitteln zuständig ist.

An vielen Studien, die vor dem Jahr 2013 die Wirkung von Neonicotinoiden erforscht haben, gab es Kritik: Bei einigen fütterten die Forscher die Bienen mit mehr Gift, als sie in freier Wildbahn fressen würden. Andere Studien fanden unter Laborbedingungen mit einzelnen Honigbienen statt.

Biene ist nicht gleich Biene

Das verfälsche die Ergebnisse, meint auch Jens Pistorius vom Julius-Kühn-Institut: "Im Labor kann man einige Effekte generieren, die so mit Bienenvölkern oder auch mit Hummelvölkern oder auch einzelnen, solitär lebenden echten Bienen dann wiederum nicht reproduzierbar sind.

Wie anfällig sie für Krankheiten oder Pflanzenschutzmittel sind, hängt auch davon ab, ob man einzelne Bienen oder ganze Völker, Honigbienen oder Wildbienen, solitäre Bienen oder Hummeln in den Blick nimmt. Die Lage ist komplex.

Aber vor allem das Schicksal der Honigbienen erregt Aufmerksamkeit. Wenn es ihnen schlecht geht, schlagen die Imker laut Alarm: "Honigbienen kriegen diese Aufmerksamkeit, weil Menschen sie züchten und weil wir Honig von Ihnen bekommen," beschwert sich Dave Goulson.

Tote Biene liegt neben einem Blatt

Verbotenes Pestizid in der Schweiz

Wilde Bienen leben anders

Der Biologieprofessor von der University of Sussex und erklärter Anwalt für Wildbienen erforscht Hummeln, die zu den Wildbienen gehören. Sie bilden kleine Staaten mit einer Königin und wenigen hundert Arbeiterinnen. Die meisten Wildbienen aber leben solitär, als Einzelgängerinnen.

Allein in Deutschland gibt es mehr als 500 Arten. Wild lebende Bienen haben große Probleme, warnt auch die deutsche Naturschützerin und Landschaftsökologin Professor Alexandra Klein von der Universität Freiburg.

Doch die Öffentlichkeit unterscheidet so gut wie nie zwischen den einzelnen Bienenarten. Doch manche Feldfrüchte kommen gar nicht ohne Hummeln und Einzelgängerbienen aus. Obstbauern zum Beispiel können bestimmte Hummel- und Solitärbienenarten inzwischen bei Züchtern kaufen, um ihre Tricks für die Bestäubung zu nutzen.

Keine Nahrung ohne Bestäuber

Nach der heftigen Kritik an vielen wissenschaftlichen Studien wollten die schwedischen Forscher um Maj Rundlöf eine wasserdichte Untersuchung vorlegen. Es ist die erste Studie dieser Größe von unabhängigen Wissenschaftlern im Freiland – unter realistischen Bedingungen also.

Der Aufwand für die Studie war riesig, 16 Rapsfelder in Südschweden wurden kontrolliert: Auf acht Feldern säten Bauern Raps mit Neonicotinoiden aus. Die Samen auf den acht Vergleichsfeldern waren unbehandelt. Dort bekämpften die Landwirte Schädlinge mit herkömmlichen Insektengiften.

Das ganze Jahr über haben die Forscher die Bienen- und Hummelvölker beobachtet, immer wieder gewogen und Proben aus Nektar und Pollen genommen. Inzwischen liegen Ergebnisse vor: Die Kolonien der Honigbienen entwickelten sich an allen Feldern gleich gut.

Biene fliegt über eine Krokusblüte

Den Honigbienen geht es gut: Die Anzahl der Völker steigt seit den 90er Jahren wieder.

Pestizide wirken auf Wildbienen…

Bei den Einzelgängerbienen ergab sich ein anderes Bild resümiert Maj Rundlöf: "An sechs von acht Kontrollfeldern nisteten Mauerbienen, während sie an keiner der acht Felder mit Neonicotinoiden in unseren Röhrchen genistet haben."

Noch deutlicher waren die Ergebnisse bei den Hummeln: "Die Hummelvölker an den behandelten Feldern wuchsen beinahe überhaupt nicht – im Gegensatz zu denen an Kontrollfeldern, wo sie in Größe und Gewicht zulegten. Diese Wachstumsunterschiede haben uns am meisten überrascht. Wir schließen aus unserer Studie, dass Saatbeize mit Clothianidin einen negativen Effekt auf Wildbienen hat."

Hummel bei der Arbeit

Auch Hummeln leisten einen wichtigen Beitrag zur Bestäubung. Doch die Zahl der Hummeln, Wildbienen und der Schmetterlinge nimmt dramatisch ab.


Sogar Christian Maus, Bienenexperte des Neonicotinoidherstellers Bayer, lobt die schwedische Studie, kritisiert sie aber sogleich: "Ich kann nur sagen, dass wir es sehr begrüßen, dass so umfangreiche Feldstudien durchgeführt wurden. Was man dazu sagen muss, ist: Hier wurde Sommerraps getestet, und das ist in Europa eigentlich eine relativ ungewöhnliche Kultur, in Europa haben wir zu weit über 90 Prozent Winterrapsanbau."

Ist der Raps entscheidend?

Winterraps wird im Herbst ausgesät, blüht aber erst Ende April, Anfang Mai. Zwischen Aussaat und Blüte liegt eine viel längere Zeitspanne als es bei Sommerraps der Fall ist. Daher ist beim Winterraps zur Blütezeit weniger Gift übrig als beim Sommerraps.

Dennoch deutet vieles darauf hin, dass Neonicotinoide ein Faktor für das Bienensterben sein können – aber nicht der einzige. Bis Januar 2017 wird die Europäische Kommission abschließend entscheiden, ob die drei giftigsten Neonicotinoide wieder eingesetzt werden dürfen oder verboten bleiben.

Gelbes Rapsfeld in der Nähe des Wurzacher Riedes

Neben den Neonicotinoiden könnte auch die Feldfrucht selbst eine Rolle spielen.

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