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SENDETERMIN Sa, 19.1.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Die Zukunft der Wissensorte Bibliothek ohne Bücher

SWR2 Wissen. Von Andrea Lueg

Das gedruckte Buch verliert an Wert. Und doch sehen Bibliotheken für sich eine Zukunft - und neue Aufgaben.

Die Zukunft der Bücherei

In langen Regalen stöbern und Bücher ausleihen - das wird es so vielleicht bald nicht mehr geben.

Das gedruckte, ausleihbare Buch verliert an Bedeutung. Was man heute in der Bücherei findet, ist im Internet nur einen Klick entfernt. Bücher lassen sich heute digital von überall her ausleihen und bald auch streamen.

Gerade viele ältere Klassiker gibt es längst online und kostenlos. Konzepte wie das Projekt Gutenberg oder die Public Digital Library, die die gesamte Literatur der USA online zur Verfügung stellen will, machen gute Fortschritte. Das eigentliche Geschäft der Bücherei – die Ausleihe – ist damit überflüssig

Bibliotheken als "Dritter Ort" neben Arbeit und Zuhause

Viele Bibliotheken schaffen daher neue Angebote. Sie werden vom Wissensort zum Begegnungsraum - für Kindergeburtstage und Lesungen. Doch ist das eine zukunftsfähige Lösung? Wie muss die Bibliothek von morgen aussehen, um auch ohne Bücher attraktiv zu sein?

Abt zeigt zwei Mädchen Bibliothek im Kloster Maria Laach

Ist die klassische Bibliothek ein Auslaufmodell?

In den Visionen einiger bedeutender europäischer Bibliotheksleiter werden die alten „Bücherlager“ künftig zu gesellschaftlichen Kommunikationszentren, Trainings- und Beratungsstellen umgewandelt. Die Stadtbibliotheken sollen in der Mitte der Gesellschaft als Ort der Information und des Wissens gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen und frei zugänglich sein. Sie werden nach dem amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg nach Zuhause und Arbeitsplatz zu so genannten "dritten Orten".

Eine solche Bibliothek ist etwa die Stuttgarter Stadtbibliothek. Hier können die Besucher neben Büchern auch Laptops ausleihen, Sprachen lernen, Filme schauen oder Musik hören; selbstverständlich gibt es überall WLAN. Fachkräfte helfen bei allen Fragen rund um das digitale Leben. Sogar nachts können Besucher hier arbeiten. Das Haus bietet außerdem Raum für Abendveranstaltungen und Familienfeste. Oder man kommt einfach nur hierher, um einen Kaffee zu trinken.

Bibliotheks-Architektur heute: Städtische Prachtbauten mit neuen Aufgaben

Neben Stuttgart sind in den letzten Jahren weitere Bibliotheksbauten neuen Typs in der ganzen Welt entstanden: das Dokk 1 im dänischen Aarhus, die Bibliothek Jakob und Wilhelm Grimm Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte vom Schweizer Architekten Max Dudler oder die Nationalbibliothek in Katar von Rem Kohlhaas. In all diesen neuen Bauten wurde funktional massiv aufgerüstet und die Aufgaben erweitert.

Die Rottenburger Stadtbibliothek gilt bereits als Kandidat für den Mies Rohe Award - den bekanntesten europäischen Preis für zeitgenössische Architektur.12682360

Innenansicht der Stadtbibliothek in Stuttgart

Innenansicht der Stadtbibliothek in Stuttgart

Bücher sind hier nicht mehr das Leitmedium, sondern eines von verschiedenen Medien, das im Zuge der Digitalisierung den Nutzern für verschiedene Zwecke zur Verfügung steht. Bedeutungslos sind sie deshalb noch lange nicht, meint Andreas Mittrowann, bibliothekarischer Direktor bei ekz, einer Service-GmbH, die Bibliotheken ausstattet: „Es gibt ein Gesamtpaket, in dem meiner Überzeugung nach Bücher weiterhin eine Rolle spielen werden, aber sie werden eben sehr stark komplementiert, auch durch andere Formen von sinnlicher Erfahrung.“

Kuratiertes Wissen für alle 

In Zeiten des digitalen Wissens haben Bibliotheken noch eine weitere Aufgabe, sagt Claudia Lux. Sie ist Vorstandsmitglied des Internationalen Bibliotheksverbandes IFLA und hat die Nationalbibliothek in Katar mit aufgebaut. „Gerade in der Informationsgesellschaft mit dem riesigen Wissen im Netz ist es nochmal bedeutungsvoll, dass hier qualitätsvolles Wissen aufgearbeitet wird.“ Das bedeutet konkret: Die Bibliothek bietet kuratiertes Wissen an, eine Orientierung in der digitalen Informationsflut. Und sie bereitet zum Beispiel verloren geglaubtes Wissen alter Kulturen auf. So trügen Bibliotheken zur Demokratisierung dieses Wissens bei, sagt Lux.

Nicht jede Stadt kann sich einen neuen Prachtbau als Bibliothek leisten, die noch dazu interessante Partner für bestehende Büchereien ins Boot holen, attraktive Veranstaltungen organisieren und einen Gastronomiebetrieb einrichten. Etwa 10.000 Bibliotheken gibt es in Deutschland laut statistischem Bundesamt. Von den kleinen, weniger leistungsfähigen Häusern mussten bereits etliche schließen. In Berlin zum Beispiel hat die Hälfte der Stadtteilbibliotheken in den letzten Jahren dicht gemacht. Und auch in Ostdeutschland stellten hunderte kleiner Bibliotheken den Betrieb ein.

Das Bibliotheken-Sterben hält an

Dass Größe kein Kriterium für Erfolg sein muss, zeigt zum Beispiel die kommunale Bibliothek im litauischen Plunge mit ganzen 35.000 Einwohnern. Sie residiert in einem umgebauten Wohnhaus und betreut gleich zwölf weitere kleine Bibliotheken erfolgreich mit. Oder auch das Konzept für die Stadtteilbibliotheken in London: hier werden seit 2002 die Büchereien in „idea stores“ umgewandelt mit zusätzlichen Funktionen. Die Bibliotheken müssen sich künftig Partner suchen, mit denen sie ein attraktives Angebot auf die Beine stellen können. Und sie müssen Finanzierungen finden.

Die deutschen Kommunen erwarten zum Beispiel, dass die Büchereien einen Teil ihrer Kosten wieder reinholen. Das ist schwierig. In Deutschland zahlen erwachsene Nutzer zwischen 20 und 40 Euro pro Jahr, etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung haben einen Ausweis. Bei den Preisen ist die Tendenz eindeutig: Es werden wohl noch weitere, gerade kleinere Bibliotheken sterben. Und umgekehrt ist auch von den großen Einrichtungen nur ein relativ kleiner Teil schon dabei, sich zu rüsten – vom Bücherlager zum Wissens- und Begegnungsort der Zukunft.

Bibliothek Stuttgart

Die Stuttgarter Stadtbibliothek soll auch archetektonisch an Bücherstapel erinnern.


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Sa, 19.1.2019 | 8:30 Uhr

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