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Landwirt am Melken einer Kuh

SENDETERMIN Sa, 30.6.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen: Spezial: Unser künftig Brot (7/10) Bauer sucht Zukunft

Von Alice Thiel-Sonnen

Säen und ernten, melken und schlachten. Damit ist es für den Landwirt des 21. Jahrhunderts nicht mehr getan. Heute müssen Bauern Allrounder sein und Bescheid wissen über Betriebswirtschaft, Touristik wie auch Umwelt-, Energie- und Baurecht. Ein Beruf im Wandel.

Jedes Jahr demonstrieren Zehntausende während der Internationalen Grünen Woche gegen eine industrielle Landwirtschaft. Ihr Schlachtruf lautet: "Wir haben es satt."

Sie fordern gesundes Essen, eine bäuerliche Landwirtschaft, einen gerechten Welthandel. Seit ein paar Jahren gibt es auch eine Gegendemo von Landwirten unter dem Motto: "Wir machen Euch satt." 

Bauern kämpfen mit vielen Widerständen

Doch die scheinbar klare Teilung in die bösen Großbauern und den guten Kleinbauern gibt es nicht, betont Agraringenieur Bernhard Forstner am Johann Heinrich von Thünen-Institut. Stattdessen gibt es in Deutschland ein Nebeneinander von Kleinbetrieben, von mittelgroßen Betrieben und auch von richtig großen Betrieben.

Dabei sind die rheinland-pfälzischen oder baden-württembergischen Bauernhöfe nicht zu vergleichen mit denen in Ostdeutschland. Hier die traditionellen bäuerlichen Familienbetriebe, dort die aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR erwachsenen Agrargesellschaften mit mehreren tausend Hektar Fläche und vielen Angestellten. Landwirtschaftliche Betriebe mit einer Fläche um die 300 Hektar gelten in Ostdeutschland noch als bäuerlich. Bauernhöfe in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bewirtschaften durchschnittlich nur 35 bis 40 Hektar.

Mähdrescher bei der Rapsernte auf einem Feld

Bauernhöfe in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bewirtschaften durchschnittlich nur 35 bis 40 Hektar

Insgesamt 276.000 landwirtschaftliche Betriebe gibt es derzeit in Deutschland. Ende der 1990er-Jahre waren es noch fast doppelt so viele. Der Wettbewerb ist härter geworden. Doch der technische Fortschritt, immer neue Umweltauflagen, aber auch immer stärker schwankende Preise und Einkommen haben viele abgeschreckt.

Immer weniger, aber dafür größere Bauernhöfe

Die Zahl der landwirtschaftlichen Bauernhöfe nimmt ab. Sie werden größer, komplexer, professioneller, wettbewerbsorientierter. Auch Landwirt Peter Meutes aus Rommersheim im Eifelkreis Bitburg-Prüm hat den kleinen Bauernhof seiner Eltern deutlich vergrößert: Heute hat er 370 Milchkühe, 50 Zuchtbullen und 430 Stück weibliches Jungvieh. Für Peter Meutes war das Wachsen eine Notwendigkeit. Mehr Milchleistung gibt es durch mehr Komfort, mehr Platz, mehr Tierwohl – und das muss alles bezahlt werden.

Meutes 19-jähriger Sohn Stefan macht gerade die Ausbildung zum Landwirt. Er ist jetzt im dritten Lehrjahr. Stefans älterer Bruder Christian macht gerade seinen Meister. Beide wollen auf dem elterlichen Hof einsteigen. Probleme sieht Christian Meuten aber in der bürokratischen Regulierung der Landwirtschaft heute:

Jedes Jahr kommen etliche neue Gesetze und Regelungen, wo wieder was hier geändert werden muss, das darf man nicht mehr, da ist jedes Jahr so viel Neues und dann hat man grad das eine gelernt, sich die Maschine angeschafft und im nächsten Jahr heißt es mit Düngung muss hier was anders, da was anders laufen, dann brauch ich schon wieder neue Technik, die viel Geld kostet, momentan ist der Fortschritt einfach Wahnsinn, wo fast keiner mehr nachkommt.

Eine Hand hält einen Compputer, daneben steht eine schwarz-weiße Kuh mit einem elektronischen Halsband

Moderne Technik hält Einzug im Kuhstall

Markus Bretschneider ist am Bundesinstitut für Berufsbildung für die agrarwirtschaftlichen Berufe zuständig und sieht einen deutlichen Wandel im Berufsbild:

Also ein großer Unterschied zu früher ist die zunehmende Technisierung, wo durch Landtechnik ne wesentlich größere Produktivität ermöglicht wird, also der Landwirt im Vergleich zu früher viel mehr Personen inzwischen ernähren kann mit den Produkten, die er erzeugt. In den letzten Jahren haben sich auch im Gefolge des Verbraucherschutzes Dinge wie Qualitätsorientierung, Qualitätsmanagement in den Betrieben weiterentwickelt und auch die Kundenorientierung spielt ne zunehmend große Rolle.

Wer wird heute noch Landwirt?

Allen Unkenrufen zum Trotz ist die Zahl der Absolventen des Lehrberufs Landwirt in den letzten 10 Jahren stabil. Etwa 4.000 Landwirte schließen ihre Lehre pro Jahr ab. So gab es zum Beispiel in Rheinland-Pfalz zum Ende 2017 insgesamt über 200 Auszubildende in der klassischen Landwirtschaft. Die Zahlen schwanken ein wenig von Jahr zu Jahr.

Mann sitzt in der Abenddämmerung auf einem Traktor.

Wer will heute noch Landwirt werden? Erstaunlich viele- zeigt die Statistik.

Im Sommer 2017 ergab eine Analyse der Universität Göttingen, dass rein theoretisch in absehbarer Zukunft der qualifizierte Nachwuchs in der Landwirtschaft gesichert sei. Mit Blick auf Strukturwandel und Altersstruktur in den Betrieben rechneten die Studienautoren mit einem Bedarf von fast 2700 qualifizierten Neueinsteigern pro Jahr. Dem stellten sie die jährlichen Abschlüsse als Landwirt sowie die Bachelor- und Masterabschlüsse in den Agrarwissenschaften gegenüber mit dem Ergebnis: Theoretisch ist der Bedarf an Betriebsleitern gedeckt.

Der Trend der letzten Jahrzehnte lautet Diversifizierung

Bernhard Forstner hat in seinen Analysen am Thünen-Institut in Braunschweig herausgefunden, dass immer mehr Betriebe nicht mehr nur von der klassischen Landwirtschaft leben, sondern zusätzliche Erwerbsquellen anzapfen.

So machen es zum Beispiel David Engel und seine Schwester Mareike. Beide entwickeln den elterlichen Milchviehbetrieb in Hetzerath ganz im Süden der Eifel weiter. Den ehemaligen Kuhstall haben sie zu einem Hof-Laden umgebaut. Gleich dahinter steht eine eigene Hofmolkerei, bei der man zusehen kann, wie frische Vollmilch abgefüllt wird und Naturjoghurt und Fruchtjoghurts hergestellt werden. Der eigentliche Bauernhof ist einen knappen Kilometer entfernt. Dort stehen 130 Milchkühe. Sie liefern den Rohstoff für die eigene Hofmolkerei. Die Engel-Geschwister sind zuversichtlich, für ihre schonend aufbereitete eigene Milch in der regionalen Vermarktung gute und auskömmliche Preise zu erzielen.

Weitere Einkommensquellen für Landwirte boomen

So bieten rund 10.000 Betriebe bundesweit Urlaub auf dem Bauernhof an. Die meisten sind in Bayern und Baden-Württemberg angesiedelt. Rund 15 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe setzen auf das zusätzliche Standbein Direktvermarktung unter dem Motto: "Einkaufen auf dem Bauernhof".

Bauernladen

Hofläden sind für viele Bauern eine zusätzlicher Einnahmequelle

Doch der weitaus größte Teil der Bauernhöfe setzt bei der Diversifizierung auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz – kurz EEG.

Viele Bauern sind Energiewirte geworden

Hier haben sehr sehr viele Betriebe investiert, teilweise eigenständig oder auch in Kooperation, dass sich also Betriebe zusammengeschlossen haben, in erster Linie gilt das für die Photovoltaik, dann für Biogas, und dann eben vor allem in Norddeutschland und auch in Ostdeutschland die Beteiligung an Windkraftanlagen oder auch eigene Investitionen in Windkraft. Das sind Bereiche, die wirklich auch wenn es um Einkommensgenerierung geht, sehr relevant sind.

Das erklärt Bernhard Forstner vom Thünen-Institut. Er ist überzeugt davon, dass die Landwirtschaft ein sehr dynamischer Sektor ist. Um den zu beherrschen sei heute eine gute Ausbildung notwendig. Und die Bauern und Bäuerinnen müssten lernen, endlich aus der Verteidigungsposition herauszukommen. Sie sollten die Kritik der Gesellschaft aufnehmen und überlegen, was verändert werden kann.

Wir haben jetzt eine leistungsfähige Landwirtschaft, wir können gut und gerne unsere Bevölkerung ernähren, aber über das Wie entscheidet letztendlich auch der Verbraucher über sein Preisverhalten.

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