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Ayurvedische Medizin

SENDETERMIN Mi, 15.6.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Ayurveda Mehr als Stirngüsse und Massagen

Ayurveda heißt übersetzt: "Das Wissen vom Leben". Diese traditionelle indische Medizin ist ein von der WHO anerkanntes medizinisches System. In Deutschland findet Ayurveda immer mehr Anhänger, wissenschaftliche Studien belegen seine Wirkung.

Der indische Arzt Dr. Syal Kumar hat in seiner Heimat acht Jahre Schulmedizin und ayurvedische Medizin studiert, einige Jahre dort als Ayurveda-Arzt gearbeitet und kam dann nach Deutschland. Nun leitet er die Ayurveda-Abteilung in der Essener Klinik.

Hier erhält jeder Patient zu Beginn der Therapie auf seinen individuellen Fall abgestimmte pflanzliche Medikamente, Empfehlungen für die Ernährung und für regelmäßige Aktivitäten wie Yoga, Tai Chi oder einen Ausdauersport.

Zwei Personen mit Einkaufskörben voller Gemüse und anderer vegetarischer Produkte.

Eine ayurvedische Behandlung beginnt mit der Umstellung der Ernährung

Zwei bis vier Wochen nach Beginn dieser Therapie untersucht Syal Kumar den Patienten erneut. Bis dahin wurde erst mal der Stoffwechsel behandelt. Diese ambulante Therapie dauert meist einen Monat. Danach folgt die intensive drei- bis vierwöchige Panchakarma-Kur – stationär oder in der Tagesklinik.

Aktivierung der Selbstheilungskräfte

In dieser Zeit nimmt der Patient weiterhin seine pflanzlichen Medikamente und erhält zusätzlich äußerliche Behandlungen. Das können je nach Diagnose verschiedene Arten von Massagen mit Heilkräuter-Ölen, Ölgüssen, Packungen oder Schwitzkuren sein.

Diese Behandlungen lindern die Beschwerden und aktivieren die Selbstheilungskräfte. Sie dienen aber auch dazu, den Körper von toxischen Substanzen zu befreien die als Nebenprodukte ständiger Stoffwechselprozesse entstehen. Zwar scheidet der Organismus die meisten schädlichen Substanzen auf natürliche Weise aus, doch einige lagern sich im Körpergewebe ab und können Krankheiten begünstigen.

Kräuter in Korb

Ayurveda-Ärzte verwenden insgesamt etwa 3000 Heilpflanzen

Die innerlich und äußerlich angewandten Arznei-Kräuter sollen solche schädlichen Substanzen aus den Geweben lösen und sie über den Verdauungstrakt aber auch über die Nase ausleiten. Dabei helfen pflanzliche Präparate zum Abführen, Einläufe und Nasenspülungen.

Vor allem für chronische Erkrankungen

Die Abteilung für Ayurveda gehört zum Zentrum für Naturheilkunde des Essener Klinikums. Dessen Leiter Dr. Thomas Rampp und seine Kollegen arbeiten seit mehr als 15 Jahren mit europäischen Naturheilkunde-Methoden und chinesischer Medizin.

Auf die Idee, sich auch mit Ayurveda zu befassen, kam Thomas Rampp durch Reisen in Indien. Er besuchte Ayurveda-Kliniken und war beeindruckt von den Behandlungserfolgen. Schließlich probiert er es selbst aus und ist begeistert.

Typische Migränemedikamente.

Als Alternative: Selbst bei chronischen Rückenschmerzen, Darmerkrankungen und Migräne hilft Ayurveda oft gut, so die Erfahrung der Ärzte

Thomas Rampp beschloss, Ayurveda auch in seiner Naturheilkunde-Klinik anzubieten. Vor allem chronisch kranke Menschen suchen hier Hilfe, denen die Schulmedizin kaum oder nur mit starken Medikamenten helfen kann.

Mehr Lebensqualität

Naturheilmittel, die generell die Selbstheilungskräfte mobilisieren, wirken oft besser. Aber auch jedes Naturheilverfahren hat seine Grenzen. Ayurveda scheint eine Möglichkeit zu sein, dieses Wirkungs-Spektrum zu erweitern.

So schwere Erkrankungen wie Parkinson und Multiple Sklerose – die bis heute als nicht heilbar gelten - kann natürlich auch Ayurveda nicht heilen. Aber Ayurveda führt häufig bei den Patienten zu einer Besserung der Symptome und dadurch zu mehr Lebensqualität.

Selbst bei chronischen Rückenschmerzen, Darmerkrankungen und Migräne hilft Ayurveda oft gut, so die Erfahrung der Ärzte.

Ayurveda-Massage in Bade Krozingen

Ayurveda-Massage

Nicht jeder Patient benötigt eine komplette Panchakarma-Kur. Wenn die Beschwerden nicht schon seit vielen Jahren bestehen oder weniger gravierend sind, können bereits Lebensstilveränderungen, Heilpflanzen-Arzneien sowie einige äußerliche Anwendungen helfen.

Ambulantes Ayurveda

Auf solche ambulanten Ayurveda-Therapien haben sich die Mediziner des Naturheilkundezentrums am Berliner Immanuelkrankenhaus spezialisiert. Andreas Michalsen, Professor für klinische Naturheilkunde an der Charité und Leiter der Naturheilkunde-Klinik, etablierte die Ayurveda-Abteilung in Berlin.

Ayurveda weckte auch seine wissenschaftliche Neugier. Die Ayurveda-Abteilungen in Berlin und Essen sind in Deutschland die einzigen, die zu Universitätskliniken gehören und in denen die Ärzte Ayurveda nicht nur anwenden, sondern auch erforschen. Denn Ayurveda beruht auf Jahrtausende langer Erfahrung, wurde aber bis vor kurzem kaum wissenschaftlich untersucht.

ältere Frau zieht die Beine bei einer Yoga-Übung an

Jeder Mensch verfügt über eine individuelle Zusammensetzung der drei Doshas, wobei oft ein oder zwei Doshas vorherrschen

Ayurveda bedeutet übersetzt "Das Wissen vom Leben" und basiert auf einer differenzierten Theorie. Sie unterscheidet drei biologische Funktionsprinzipien des menschlichen Organismus, die "Doshas": Vata, Pitta und Kapha.

Ausführliche Anamnese

Kurzgefasst steuert Vata Nervensystem, Atmung und sämtliche Bewegungsabläufe im Körper. Pitta regelt Stoffwechsel und Verdauung. Kapha steht für Ruhe, Ausdauer und Immunkraft. Jeder Mensch verfügt über eine individuelle Zusammensetzung der drei Doshas, wobei oft ein oder zwei Doshas vorherrschen.

Gerät diese individuelle Dosha-Kombination aus der Balance, entwickeln sich Befindlichkeitsstörungen und Krankheiten. Welche das sind, hängt davon ab, welches Dosha gestört ist. Ayurveda-Ärzte erfassen diese Zusammenhänge mit einer ausführlichen Anamnese.

Ein kostbares Fläschchen Argan-Öl, mit Argannüssen und einem schönen besticktem Tuch im Hintergrund

Die Fettsäuren der Öle dienen als Transportvehikel, um die Kräuterwirkstoffe durch die Haut ins Körperinnere zu schleusen

Der indische Arzt Syal Kumar öffnet einen der Metallschränke, die in dem kleinen klimatisierten Raum stehen. In den Schrankfächern liegen Plastik-Päckchen mit unterschiedlichen Kräutermischungen. Syal Kumar zeigt auf die Inhaltsangabe eines der Päckchen: Eine lange Liste von Kräutern.

3000 verschiedene Heilpflanzen

Ayurveda-Ärzte verwenden insgesamt etwa 3000 Heilpflanzen. Bis zu 80 verschiedene Kräuter nutzen sie für eine Behandlung. Neben den Kräuterpackungen stehen kleine Flaschen mit Öl in bräunlichen Tönen.

Auch hier steht auf dem Etikett eine lange Liste von Kräutern. Die Öle sind standardisiert. Jedes Öl enthält ganz bestimmte Arzneipflanzen und wirkt bei bestimmten Symptomen.

Ein Foto von einem Mann dessen Kopf aufgeschnitten ist und eine junge Frau auf dem Kopf Fitness Übungen macht.

Wenn die Beschwerden nicht schon seit vielen Jahren bestehen, können bereits Lebensstilveränderungen, Heilpflanzen-Arzneien sowie einige äußerliche Anwendungen helfen

Die Fettsäuren der Öle dienen als Transportvehikel, um die Kräuterwirkstoffe durch die Haut ins Körperinnere zu schleusen. Bei Stirnölgüssen oder Ölmassagen, die in Wellness-Hotels angeboten werden, verwenden die Masseure dagegen oft einfache Speiseöle wie Sesam- oder Sonnenblumenöl. Das sei keine ayurvedische Behandlung und könne sogar schaden, weil manche Menschen diese Öle nicht vertragen, warnt Syal Kumar.

Seriöses Ayurveda

Ärzte warnen auch davor, ayurvedische Arzneikräuter oder Kräuter-Öl-Mischungen bei irgendwelchen Anbietern im Internet zu kaufen. Denn Untersuchungen von Forschern der Universität Boston vor einigen Jahren haben gezeigt, dass solche Produkte teilweise hohe Rückstände von Pestiziden oder Schwermetallen enthielten.

Dass Ayurveda wirkt, belegen inzwischen einige wissenschaftliche Untersuchungen. Das heißt aber auch: Es lassen sich allein mit bestimmten Küchenkräutern und Gewürzen ähnliche Effekte erzielen wie mit einer schulmedizinischen medikamentösen Therapie.

Arthrose - Röntgenbilder vom Knie

In einer Berliner Studie mit Knie-Arthrose-Patienten wirkte Ayurveda effektiver als die westliche Medizin

Auch die Mediziner am Berliner Immanuelkrankenhaus erforschen Ayurveda. Gerade haben sie eine Studie mit Patienten beendet, die unter Kniearthrose leiden. Ergebnis: Ayurveda wirkte effektiver als die westliche Medizin. Die therapeutischen Effekte auf andere Krankheiten lassen sich noch nicht eindeutig beurteilen, schränkt Andreas Michalsen ein, weil die bisher untersuchten Patientengruppen zu klein sind.

Keine Übernahme durch Krankenkasse

Obwohl inzwischen einige wissenschaftliche Studien die therapeutische Wirkung von Ayurveda nachweisen, bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen keine dieser Behandlungen. Mit dem Argument, die Effekte seien noch nicht ausreichend erforscht. Dennoch interessieren sich immer mehr Patienten für Ayurveda.

Damit wächst auch der Bedarf an Therapeuten. Entsprechende Fortbildungsangebote für Schulmediziner gibt es inzwischen in Indien und auch in Deutschland – Syal Kumar leitet beispielsweise eine solche Zusatzausbildung in Essen. Doch leider hat längst nicht jeder, der sich Ayurveda-Therapeut nennt, eine seriöse Ausbildung absolviert.

Ayurveda hilft nicht nur Kranken. Auch wer seine Gesundheit bewahren will, kann von Ayurveda profitieren. Wichtig sind dafür regelmäßiger Stressabbau – etwa mit Hilfe von Yoga oder Achtsamkeitsübungen - und die Ernährung.

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