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Die Autorin Ayn Rand beeinflusste viele rechts orientierte US-Republikaner

SENDETERMIN Di, 8.11.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Idol rechter US-Republikaner Ayn Rand und der entfesselte Kapitalismus

SWR2 Wissen. Von Stefan Fuchs

Keine Nächstenliebe. Lasst den Dollar regieren. Knallharter Egoismus bringt die Welt voran. Die Lehren der Autorin Ayn Rand prägen viele rechte US-Republikaner.

Mit der Parole "Ayn Rand hatte Recht!" protestieren Teile der republikanischen Rechten 2009 gegen die Bankenrettung Obamas. Während der US-Kapitalismus in seine schwerste Krise seit 1929 schlittert, erstarkt die "Tea Party" - eine Protestbewegung, die sich in der Tradition der "Söhne der Freiheit" sieht, die 1773 in Boston die Rebellion gegen die englische Krone anführten. Abrupt steigen die Verkaufszahlen der Bücher Ayn Rands.

Die "Tea Bags" und die "Libertarians" sehen in der Finanzkrise eine Bestätigung der düsteren Prophezeiungen Rands vom tragischen Ende des Sozialstaats. Die Vorstellung von der Zweiklassengesellschaft hat sich tief eingebrannt ins kollektive Bewusstsein der USA. Eine hart arbeitende produktive Elite steht nach dieser Überzeugung einer passiven Mehrheit gegenüber, die durch Steuern und soziale Transferleistungen die Produktiven um die Früchte ihrer Arbeit bringt. – Doch wer war diese Vordenkerin der republikanischen Rechten eigentlich und welche Ideologie verbreiten ihre Bücher?

Werbung für die Bücher von Ayn Rand

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Vom Krieg geprägt: Eine junge Migrantin mit einem "American Dream"

1905 als Alissa Sinowjewna Rosenbaum in St. Petersburg in eine wohlhabende jüdische Familie geboren, erlebt Ayn Rand als Dreizehnjährige die abrupte Zerstörung ihrer bürgerlichen Existenz. Nach der Enteignung ihres Vaters durch die Rote Armee floh die Familie im Chaos des russischen Bürgerkriegs auf die Krim. Mit 21 Jahren wanderte Ayn Rand alleine in die USA aus – im Exil verliert sie den Kontakt zu ihrer Familie.

Vom Glamour Hollywoods angezogen, versucht Ayn Rand im Umkreis der Filmstudios als Drehbuchautorin Fuß zu fassen. Ihre Lebensrealität sieht zunächst jedoch anders aus: Lange muss sie sich mit Jobs in der Verwaltung über Wasser halten. Ihre Texte bleiben unbeachtet – die Geschichte ihrer traumatischen Erfahrungen mit der russischen Revolution liegen quer zum Zeitgeist. Im Hexenkessel der kalifornischen Filmindustrie mit ihren abrupten Karrieresprüngen entwickelt sich allmählich die Radikalität ihres Denkens.

Ich kritisiere die Moral der Nächstenliebe. Vor allem aber bin ich die Schöpferin einer neuen Ethik, die man bisher nicht für möglich gehalten hat. Eine Moral, die nicht auf Glauben, nicht auf zufälligen Launen, nicht auf Emotionen, nicht auf willkürlichen Geboten, sondern ausschließlich auf der Vernunft beruht: eine Moral, die logisch bewiesen werden kann.


Revolutionäre Vordenkerin des reinen Kapitalismus

Ihre Philosophie des reinen Kapitalismus entwickelt Ayn Rand vor allem als Romanautorin. 1943 gelingt ihr mit ihrem Roman „The Fountainhead“ („Der ewige Quell“) ein erster Durchbruch. Es folgt 1957 ihr Monumentalwerk „Atlas Shrugged“ („Atlas wirft die Welt ab“). Das über tausend Seiten umfassende Buch ist in den USA zur Bibel der „Liberitarians“ geworden.

Theater-Szene aus dem Roman "The Fountainhead" von Ayn Rand

Theater-Szene aus dem Roman "The Fountainhead" von Ayn Rand


Ich bin für ein absolut freies Wirtschaftssystem ohne Regulierungen. Ich bin für die Trennung von Staat und Wirtschaft. Genauso wie die Trennung von Kirche und Staat das friedliche Zusammenleben der Religionen ermöglicht, wird die Verbannung der Politik aus der Wirtschaft, der Verzicht auf Regulierung von Produktion und Handel zur friedlichen Zusammenarbeit, zu Harmonie und Gerechtigkeit zwischen den Menschen führen.


Die Bilder, die Ayn Rand in ihren Romanen zeichnet, sind zu ihrer Zeit wie auch heute höchst provokant: Sie popagiert den absolut freien Markt. Im Zentrum ihrer Vorstellungen steht das Eigeninteresse, das der menschlichen Natur entspringe. Jedes Individuum soll uneingeschränkt und egoistisch seinen ökonomischen Interessen nachgehen. Nächstenliebe und Emotionen dürfen keine Rolle spielen – Vernunft und Rationalität bilden den Kern alles Strebens. Erfolgreiche Unternehmer und Milliardäre bilden „Übermenschen“ –  eine kreative Klasse von schöpferischen Individuen. Sie begründen die Vitalität einer Wirtschaft. Ohne sie verfällt die Welt in Armut, Chaos und Bürgerkrieg.

An diesem Schreibtisch schrieb Ayn Rand "Atlas Shrugged" und "The Fountainhead"

An diesem Schreibtisch schrieb Ayn Rand "Atlas Shrugged" und "The Fountainhead"

1959 gibt sich Ayn Rand in einem Interview mit dem Journalisten Mike Wallace selbstbewusst. Sie trägt in jener Zeit ein Dollarzeichen an einer Kette um den Hals – als Bekenntnis zum reinen Kapitalismus, der in ihren Augen der alleinige Weg zur grenzenlosen Vitalität ist. „Jetzt ist der Augenblick gekommen für die Befreiung der Welt“, sagt Rand. Ihre Philosophie bilde die vollendete Aufklärung: Ein „Objektivismus“ allein Ausgerichtet an unveränderlichen Fakten und ehernen Naturgesetzen. Im durch dies Sozialreformen des New Deal geprägten Amerika der 1950er Jahre schockiert Rand mit ihre kompromisslosen und harten Haltung ihre Zeitgenossen.

Keinen Augenblick der Schwäche, kein menschliches Gebrechen oder Gefühl. Rationalität 24 Stunden lang, kein Schlupfloch, kein Ausruhen, kein Entrinnen!

Und heute? – Amerika als Land des Kapitalismus?

Neben den Republikanern haben sich selbst die Demokraten in den USA in den letzten Jahrzehnten in den Augen des Historikers Thomas Frank zu einer Interessensvertretung einer vermögenden und gut ausgebildeten 10%-Elite entwickelt: „Es gibt in dem Land keine Partei, die sich wirklich für die arbeitende Klasse einsetzt.“ Die Politik wird bereits seit der Amtszeit Ronald Reagans (1981 - 1989) zunehmend von neoliberalen Gedanken geprägt. Sozialstaatliche Einrichtungen wurden rückgebaut. Es entwickelte sich eine Zweiklassengesellschaft – viele Arme stehen wenigen Reichen gegenüber.  

Der überraschende Erfolg des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump lässt sich auch dadurch erklären, dass viele Amerikaner im politischen System Washingtons keine Stimme mehr haben. Ausgerechnet eine der Heldenfiguren Ayn Rands, ein Milliardär, der stolz darauf ist, dem Staat die Einkommenssteuer zu verweigern, gibt vor, die Interessen der im Stich gelassenen zu vertreten.

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