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Schon bei der Aufbereitung der Mungbohnenernte gibt es hohe Verluste.

SENDETERMIN Di, 13.9.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Warum Lebensmittel in armen Staaten vergammeln Nach der Ernte verfault

SWR2 Wissen. Von Thomas Kruchem

In armen Ländern kommt ein erheblicher Teil der Ernte nicht bei den Verbrauchern an: Von Insekten zerfressene Mungbohnen, verfaulte Mangos im Straßengraben, bereits bei der Ernte zerhackte Kartoffeln. Den Menschen bleibt oft nichts übrig, als verdorbene und giftige Lebensmittel zu essen.

800 Millionen Menschen hungern - aber weltweit geht ein Drittel der geernteten Nahrungsmittel verloren: Zum einen werfen Konsumenten in Europa und Nordamerika viele Nahrungsmittel weg – weil sie zu viel eingekauft haben; weil ihnen die Nahrungsmittel unansehnlich erscheinen; weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Weniger bekannt ist, dass auch in Ländern mit viel Hunger und Mangelernährung ein Drittel der produzierten Nahrungsmittel nie auf die Teller der Konsumenten gelangt: Bis zu 40 Prozent sind es in Schwarzafrika, wo sich die Bevölkerung bis 2050 verdoppeln dürfte und die Landwirtschaft ohnedies wenig produktiv ist.

Geerntet und vergammelt

Die Folgen tragen vor allem die Ärmsten: schlechtere Ernährung, Krankheit und Mangelernährung. Hinzu kommen höherer Verbrauch von begrenzten Ressourcen wie Land, Wasser, Energie und Düngemittel; höhere Pestizidbelastung; mehr Ausstoß von Klimagasen. In Kenia, wo 80 Prozent der 45 Millionen Einwohner von der Landwirtschaft leben, will man Pionierarbeit leisten – im Kampf gegen Nach-Ernte-Verluste.

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Nach der Ernte verfault

Warum Lebensmittel in armen Staaten vergammeln

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Von Insekten zerfressen – Wer in Kenia Hülsenfrüchte in einfachen Polypropylensäcken verwahrt, erleidet hohe Verluste.

Von Insekten zerfressen – Wer in Kenia Hülsenfrüchte in einfachen Polypropylensäcken verwahrt, erleidet hohe Verluste.

Das Trocknen von Mais am Kolben, unter den Kolbenblättern und auch noch im Dickicht des Maisstrohs führt zu Schimmelpilzbefall und Fäule.

Im Dorf Wemasendu gibt es auch einen Metallsilo für Hülsenfrüchte und Mais. Der schützt zwar zuverlässig sogar vor Ratten…

Aber luftdichte Säcke, umsichtig eingesetzt, erfüllen denselben Zweck – nur viel billiger.

Ein Vorratsspeicher, wie man ihn nicht bauen sollte: Die Pfosten werden bald von Termiten zerfressen sein; und auch Ratten können eindringen.

In einem Nachbardorf von kenianischen Wemasendu versuchen es Frauen mit einem traditionellen Silo aus Kuhdung, Asche und Gras, der angeblich insektensicher ist.

So sollte man wertvolle Papayas nicht aufbewahren.

Der Transport mit dem Pickup über Buckelpisten ist eine Tortur für frisches Obst und Gemüse.

Überall in Kenia wird frisches Obst und Gemüse am Straßenrand verkauft. Aber keineswegs überall wird es sorgsam behandelt.

In ihrem kleinen Laden im Städtchen Chuka bietet Joey Masekende Produkte aus getrocknetem Obst und Gemüse an.

In einigen Regionen Kenias verfault mehr als die Hälfte des hier, nach Mais, zweitwichtigsten Nahrungsmittels – Kartoffeln.

Im Nordwesten Kenias, im Nyandarua County, liegt das Dorf Ol Joro Orok. Hier erntet Bauer Stephen Gitau heute seine Kartoffeln erstmals mit einer Maschine. Gitau und Njunge Kariuki, Berater der lokalen Agrarbehörde, sind sichtlich zufrieden, in der landwirtschaftlichen Moderne angekommen zu sein.

Der Traktor macht die Kartoffeln aus; und die Frauen müssen sie nur noch einsammeln. So modern ernten nur wenige kenianische Bauern ihre Kartoffeln.

Der Traktor macht die Kartoffeln aus; und die Frauen müssen sie nur noch einsammeln. So modern ernten nur wenige kenianische Bauern ihre Kartoffeln.

Die meisten Bauern hier, so Stephen Gitau, würden ihre Kartoffeln mit einer Gabelhacke ernten. Das Problem dabei sei, dass sie dabei viele Kartoffeln verletzen, die dann verfaulen. Aber das sein nun mal eben Tradition. Allein durch den Gebrauch der Gabelhacke gehen nach Ansicht von Experten bis zu 30 Prozent der Kartoffeln verloren. Sie werden beschädigt oder, aus Versehen, gar nicht erst ausgegraben.

Viele Fehler bei Ernte

Sieben, acht Frauen sammeln die nahrhaften Knollen auf und füllen Körbe, die sie auf einen großen Haufen leeren. Der Käufer ist schon für den Nachmittag bestellt. Plötzlich bleibt der Traktor stehen; und Agrarberater Njunge Kariuki, der für die 60.000 Euro teure Maschine verantwortlich ist, rümpft die Nase. Die Erntemaschine steckt im feuchten Boden fest. Verärgert deutet Kariuki auf einige Macheten schwingende Männer. Sie hätten schon vor Tagen das Kartoffelkraut abmähen sollen. Dann wären Kraut und Boden heute schön trocken.

Kenianische Bauern machten viele Fehler beim Umgang mit Kartoffeln, erklärt Njunge Kariuki. Viele betrieben keinen Fruchtwechsel, der Krankheiten und Schädlingen vorbeuge; viele ernteten, in der Hoffnung auf höhere Preise, zu früh. Dann seien die Knollen noch nicht fest genug; sie würden beim Ernten und Verpacken verletzt und verfaulten.

Verluste durch falsche Lagerung

Kartoffeln sollten dunkel und gut gelüftet lagern. Die meisten Bauern werfen ihre Kartoffeln aber einfach auf einen Haufen – direkt aufs feuchte Erdreich und ohne ordentliche Belüftung. Da werden die Knollen natürlich sofort von Pilzen infiziert und beginnen zu faulen. Andere Bauern lagern die Kartoffeln zwar auf Regalen, setzen Sie aber dem Tageslicht aus. Dadurch werden die Kartoffeln grün, oder sie keimen; und Geschmack und Qualität verschlechtern sich.

Die meisten Kartoffeln werden, so Agatha Thuo, Landwirtschaftsbeauftragte des Nyandarua County, in ungeeignete Säcke gefüllt – in wasserundurchlässige Nylon- und nicht in Jutesäcke, in denen die Knollen trocknen können. Die Händler scheuen die Kosten für Jutesäcke. Außerdem packen sie in einen Nylonsack bis zu drei Zentner Kartoffeln und stapeln die verschnürten Säcke dann auf ihren Lastwagen: Sie können sich vorstellen, welchen Erschütterungen die Kartoffeln ausgesetzt sind auf dem langen Weg zum Markt. Die so entstehenden Verluste werden noch verschärft durch extreme Temperaturen beim Transport unter tropischer Sonne.

Um die meisten Gehöfte in Kitui herum gibt es u. a. Mangogärten.

Um die meisten Gehöfte in Kitui herum gibt es u. a. Mangogärten.

Nylonsäcke mit Luftlöchern für einen Zentner Kartoffeln wären schon ein Fortschritt, meint die Landwirtschaftsbeauftragte. Weniger Kartoffeln würden verfaulen; weniger Männer würden – wegen überschwerer Säcke – schon in jungen Jahren Rückenschäden erleiden. Die Händler aber beharrten auf der bisherigen Praxis.

Nicht in erster Linie Geld, Düngemittel, Pestizide oder Marktzugang sind entscheidend im Kampf gegen Nach-Ernte-Verluste, sondern Wissen: Über richtige Düngung zum Beispiel, damit Tomaten nicht, mangels Stickstoff, eine zu dünne Haut bekommen, die sie anfällig macht für Fäule; Wissen über modernes Ernten, Dreschen, Trocknen, Lagern und Transportieren; Wissen über Schädlingsbekämpfung, vernünftigen Ein- und Verkauf; über die Organisation von Genossenschaften.

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