Bitte warten...
Angst

SENDETERMIN Do, 13.9.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Angststörungen - Wie Therapien helfen

Aus der Reihe: Ängste (2/3). Von Reinhard Krol

Das Herz rast, der Blutdruck steigt, Schweiß bricht aus: Wer immer wieder unter Ängsten leidet, sollte sich professionelle Hilfe holen. Eine Psychotherapie hilft, eingefahrene Denkmuster zu unterbrechen und durch neue Erfahrungen zu überschreiben. Je früher man eine Angststörung behandelt, desto größer sind die Chancen auf Heilung.

Rund 15 Prozent der Menschen in Deutschland haben Angst schon einmal als eine Störung erlebt, die sie im Leben behinderte oder sogar handlungsunfähig machte. Häufig wird angenommen, dass Angsterkrankungen zugenommen hätten. Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts bestätigen das nicht. Was jedoch auch keine Entwarnung bedeutet. Menschen leiden unter Phobien und Panikstörungen, es sind echte Krankheiten. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Die unterschiedlichen Angstarten verteilen sich jedoch bei Männern und Frauen gleich.

Man unterscheidet drei große Angststörungen:

  • Die generalisierte Angststörung. Betroffene Menschen wachen morgens auf, schauen in den Tag und bringen alles, was ansteht, mit Angst in Verbindung.
  • Spezifische Phobien: vor dem Fliegen, vor Tieren, vor Situationen in der Öffentlichkeit. Steigern sich diese beiden Formen der Angststörung sich, kommt es auch zu körperlichen Symptomen.
  • Die Panikstörung beginnt dagegen mit einer körperlichen Symptomatik und erst dann setzt die Angst ein. Was Betroffene dazu führt, alle Situationen zu vermeiden, in denen die Angst auftreten könnte.
Ein Warnhinweis an einer Wand

Wer in Deutschland Hilfe bei seinen Ängsten sucht, dem werden die verschiedensten Verfahren angeboten

Sehr häufig entwickeln Menschen mit einer Panikstörung auch eine Agoraphobie. Das heißt, sie haben Angst vor offenen oder geschlossenen Räumen. Wie zum Beispiel Menschenmassen auf einem Rockkonzert, Staus auf der Autobahn, das Überqueren eines weiten Platzes oder auch das Einsteigen in einen engen Fahrstuhl. Sie versuchen, diese Situationen zu vermeiden und schränken so ihren Bewegungsradius immer mehr ein. Denn sie fürchten, dass ihnen in einem Panikzustand niemand zu Hilfe kommen wird.

Trotzdem Hilfe holen

Doch Jens Plag von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité rät dringend dazu, sich Hilfe zu holen. Auch wenn man sich hilflos, antriebslos oder voller Scham fühlt. Bei Zahnschmerzen ginge man doch auch zum Zahnarzt, obwohl es nicht angenehm sei.

Wer in Deutschland Hilfe bei seinen Ängsten sucht, dem werden die verschiedensten Verfahren angeboten. Von Hypnose und Entspannungstherapie über Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierten Therapien bis hin zur kognitiven Verhaltenstherapie. Auch Medikamente werden eingesetzt. Doch sie sind nur zur Unterstützung gedacht.

Frau ängstigt sich im Fahrstuhl.

Wichtig ist, dass die Situation, die der Patient durchgestanden hat, mit dem Therapeuten genau nachbesprochen wird, um den Ablauf im kognitiven Teil des Gehirns zu verankern

Ein Teil der psychologischen Therapie ist theoretisch und wendet sich ans Verstehen des Patienten. Im Fachjargon: Psychoedukation. Doch sie hätte wenig Erfolg, wenn nicht auch das Gefühl mit eingebunden würde. Und dazu dient die Expositionstherapie. Das heißt: die Patienten müssen sich ganz bewusst und immer wieder den Situationen aussetzen, die ihnen Angst machen.

Man ist nicht allein mit der Angst

Bei den Situationen, in die man als Angstpatientin oder Angstpatient geschickt wird, ist man auch nicht allein. Der Therapeut begleitet einen, kommt mit in die U-Bahn, steigt bei Flugangst auch mit ins Flugzeug, setzt sich mit ins Auto. Wichtig ist, dass die Situation, die der Patient durchgestanden hat, mit dem Therapeuten genau nachbesprochen wird, um den Ablauf im kognitiven Teil des Gehirns zu verankern.

Bei einer Panikattacke passiert folgendes: Ein äußerer Reiz wird über die Großhirnrinde an den Teil des Gehirns geschickt, der Thalamus genannt wird. Im Thalamus werden die Sinneseindrücke gefiltert und auf ihre Bedeutung geklärt. Dazu zapft der Thalamus zwei Gehirn-Archive an. Zum einen den Hippocampus, die Gedächtniszentrale, wo alles archiviert ist, was der Mensch gesehen und erlebt hat. Zum anderen die Amygdala, auch Mandelkern genannt. Die Amygdala ist für die emotionale Einschätzung zuständig. Sie meldet dem Thalamus zurück, ob etwas gefährlich ist oder nicht.

Welche Prozesse oder Vorgänge im Gehirn für die Seelenblindheit verantwortlich sind, ist noch nicht völlig geklärt

Eine Kontrollregion in der Großhirnrinde vergleicht beide Informationen aus Amygdala und Hippocampus und gibt Entwarnung

Hält sie etwas für gefährlich, so aktiviert sie gleichzeitig den Körper. Die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Der Blutdruck steigt, die Bronchien weiten sich, jetzt hat der Mensch genug Energie für Flucht oder Kampf.

Vergleich und Entwarnung

Jeder von uns kennt diese "Schrecksekunde". Eine Ratte huscht vor uns über den Weg. Eine Schlange witscht neben uns durchs Gras. Ein Hund bellt uns unerwartet an. Wir schrecken zusammen. Die Amygdala hat ihres Amtes gewaltet, weil sie Gefahr witterte.
Doch die Ratte ist weg, die Schlange eine Blindschleiche, der Hund ein Pinscher an Frauchens Leine. Diese Bilder hat der Hippocampus gespeichert. Eine Kontrollregion in der Großhirnrinde vergleicht beide Informationen und gibt Entwarnung. An alle: keine Panik! Körper wieder runterfahren.

Ein Gespräch zwischen Arzt und Patient.

Nicht immer bekommen Hilfesuchende sofort einen Therapieplatz, selbst wenn man in vielen Kliniken mit einem weit geknüpften Netz von Therapeutinnen und Therapeuten zusammenarbeitet

Genau an dieser Stelle kommt es bei Panikstörungen zur Fehlschaltung im Gehirn. Diese Kontrollregion, auch Gyrus cinguli genannt, gibt keine Entwarnung, obwohl keine Gefahr besteht. Die Amygdala sendet weiter. Das Aktivierungsprogramm wird nicht gestoppt. Der Körper wird von den selbst produzierten Stresshormonen geradezu überschwemmt. Panik stellt sich ein.

Möglichkeit zum Abgleich mit der Realität nicht da

Warum hier Gehirnregionen nicht so kooperieren, wie sie sollten, liegt daran, dass die entsprechenden Informationen von Gehirnzelle zu Gehirnzelle nicht weitergegeben werden. Und an diesem Punkt kommen in der Therapie häufig Antidepressiva zum Einsatz, um eine Balance der Neurotransmitter wiederherzustellen.

Nicht immer bekommt der Hilfesuchende sofort einen Therapieplatz. Auch in der Charité nicht – muss der Mediziner Jens Plag zugeben. Selbst wenn man hier mit einem weit geknüpften Netz von Therapeuten zusammenarbeitet. Doch für die, die in der Warteschleife stecken, gibt es etwas, was ihnen helfen kann, die Wartezeit zu überbrücken und nicht untätig der Angst ausgeliefert zu sein. Sport wirkt angstlösend, das haben zahlreiche Studien ergeben. So hilft Bewegung und Sport, die übermächtige Angst abzubauen - und zwar jede Art von Sport: ob Laufen, Tanzen oder Radfahren. Nur sollte es Spaß machen, um bei der Stange zu bleiben.

Sendung vom

Do, 13.9.2018 | 8:30 Uhr

SWR2

Sendezeiten

Montags bis samstags, 8.30 bis 9.00 Uhr, sonn- und feiertags: SWR2 Wissen: Aula

Die Sendungen finden Sie auch in allen gängigen Podcast-Portalen, bei Spotify und Deezer und natürlich auch in der ARD Audiothek.

Weitere Themen in SWR2