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Schüler ärgern eine Mitschülerin in einer Grundschule

SENDETERMIN Sa, 12.11.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Gesunde Gewalt Wie aggressiv dürfen Kinder sein?

SWR2 Wissen. Von Mirko Smiljanic

Wenn Kinder raufen, treten oder schreien, sind sie ein Fall für den Therapeuten. Falsch gedacht! Aggressionen gehören zur Entwicklung. Entscheidend ist wie Eltern und Lehrer damit umgehen.

Haben Kinder, die auch mal beißen, treten und schreien, verwerfliche Verhaltensmuster? Sind aggressive Kinder reif für den Therapeuten, der aus ihnen liebe und friedliche Wesen formt? Aggression ist immer auch Kommunikation. Dies gilt für Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Für Kinder ist Aggression – also Kommunikation – schon deshalb wichtig, weil sie nur begrenzt ihre Wünsche wohlformuliert – also friedlich – artikulieren können, sagt Kita-Leiterin Mira Bormann.

Kinder brauchen Regeln, an denen entlang sie Aggression und Gewalt erleben und ausleben können. Selbstredend sollen diese Regeln aber auch Aggression und Gewalt verhindern. Jedem Impuls nachzugeben, sofort draufhauen, treten und beißen ist destruktiv.

Sich kennen lernen

Wie aber lernen Kinder, wann und wie dosiert sie Aggression einsetzen können? Indem sie ihre Gefühle kennen lernen. Wer seine Gefühle kennt, kann sich in die Gefühlswelt anderer hinein versetzen und Anteilnahme entwickeln mit der Folge, dass er oder sie nicht bei jedem Konflikt aggressiv reagieren muss.

Und wie lernen Kinder ihre Gefühle kennen? Spielerisch! Die Augsburger Puppenkiste hat für das Gewaltpräventionsprogramm von Papilio e.V. das Stück "Paula und die Kistenkobolde" geschrieben. Vier Kobolde repräsentieren darin jeweils ein anderes Gefühl.

Am Ende der Papilio-Vorstellung dürfen sich die Kinder von den Marionetten verabschieden

Am Ende der Vorstellung dürfen sich die Kinder von den Marionetten verabschieden. Bild: Papilio

Heulibold ist ein trauriger Kobold; Zornibold, der Wüterich, könnte ständig aus der Haut fahren; Bibberbold hat große Angst; Freudibold ist fröhlich und möchte ständig singen und tanzen. Vier Gefühle, die nicht nur jedes Kind kennt.

Alle haben Potenzial zu Gewalt

Alle Menschen besitzen das Potenzial zu Aggression und Gewalt, natürlich auch Kinder. Dieses Potenzial auszumerzen ist weder möglich noch sinnvoll. Weit wichtiger ist, den Kindern zu zeigen, wie sie mit ihren Gefühlen und denen anderer umgehen können mit dem Ziel, Aggression und Gewalt zu vermeiden.

Also, lieber reden statt prügeln? Vorsicht, da lauert ein weit verbreitetes Missverständnis! Viele verbinden Aggression und Gewalt ausschließlich mit körperlichen Auseinandersetzungen: Kinder prügeln sich, treten und schubsen, es gibt blaue Flecken, manchmal fließt sogar Blut.

Kinder sollten lernen mit ihren Gefühlen umzugehen, auch mit Wut und Aggression.

Kinder sollten lernen mit ihren Gefühlen umzugehen, auch mit Wut und Aggression.

Redet doch miteinander, raten manche Eltern, das ist friedlich. Was für ein Irrtum, meint Gabriele Haug-Schnabel von der "Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen" in Kandern. Denn auch die verbale Aggression ist mit aggressiver Mimik, Körpersprache und Verletzungen verbunden.

Friedensstifter in Schulen

Crengeldanz-Gemeinschaftsgrundschule Witten bei Dortmund, erste große Hofpause. 13 Lehrerinnen und ein Lehrer betreuen knapp 160 Kinder aus 15 Nationen. An der Schule gibt es Friedensstifter. Das ist nicht neu.

Wirklich neu ist, dass an Friedensstifter-Schulen vom Erstklässler bis zur Rektorin alle eingebunden sind. Eine Schule mit ausschließlich friedlichen Kindern? Kein Schubsen, Treten und Schreien?

Streit begrenzen, deeskalieren – das steht im Vordergrund. Dazu lernt jedes Kind zunächst einmal die "Stopp-Regel", bei der die Kinder laut und gut hörbar für alle "Stopp, lass das" sagen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn das nicht reicht, dann kann man zum Lehrer oder zur Lehrerin gehen und um Hilfe bitten.

Antigewalttraining an Schulen macht durchaus Sinn

Antigewalttraining an Schulen macht durchaus Sinn

Die Stopp-Regel funktioniert mal gut, mal weniger gut – auf jeden Fall ist sie ein Instrument, mit dem sich Kinder unmittelbar gegen Gewalt und Aggression wehren können, sagt Dieter Frohloff vom Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Gewalt ist das, was weh tut

Und diese Definition kann von Schüler zur Schülerin unterschiedlich ausfallen. Was den einen weh tut, ist für andere noch ein Spiel. Die Stopp-Regel reicht alleine nicht aus für ein möglichst friedliches Miteinander. Dafür sollen Friedensstifter sorgen.

Und die sind auch – fast möchte man sagen, vor allem – Schülerinnen und Schüler. In Übungen lernen sie, wie man Konflikte und Gewalt erkennt, welche Deeskalations- und Interventionsstrategien es gibt und wie man Vertrauen schafft. Soziale Kontrolle nennen das Soziologen, Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung füreinander.

Die Krämer-Trainings in Köln sind eine private Agentur, die für öffentliche Einrichtungen Gewaltpräventions-Seminare anbietet. 15 junge Männer im Alter zwischen 16 und 18 Jahren lümmeln im Kreis auf Stühlen, breitbeinig, leicht zu provozieren.

Nicht zurückschlagen

Sie nehmen an einem Berufsaufbauprogramm teil, zu dem auch gehört, den Umgang mit der eigenen Aggression zu erlernen – und latent aggressiv sind sie alle. Konfrontationsübungen stehen heute Vormittag auf dem Programm der jungen Trainerin.

Sie ist nur wenige Jahre älter als ihre Schützlinge, aber ausgesprochen tough. Beleidigungen gehören im Leben der Teilnehmer zum täglichen Ritual: Rangordnungen werden so geklärt, Dampf abgelassen. Häusliche Gewalt kennen fast alle, viele wurden von den Eltern geschlagen.

Streit zwischen zwei Jugendlichen

Wenn Jugendliche Gewalt zeigen, liegen die Wurzeln dafür oft im Elternhaus.

Gibt es eine Verbindung zwischen dem Toben in der Kita und den Konfrontationsübungen bei Krämer-Trainings? Natürlich keine unmittelbare, aber eine symptomatische, sagt Julia Schäfer, Sonderschullehrerin im Jugendwerk Köln.

Zu wenig Grobmotorik?

Die Förderung grobmotorischer Fähigkeiten sei laut Schäfer in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden. Viele Kinder können zwar feinmotorisch perfekt aus winzigen Legobausteinen Figuren basteln, müssen aber beim Klettern passen – vom Ringen und Raufen ganz zu schweigen.

Die Gründe, warum Grobmotorik inklusive Raufen und Kämpfen häufig zu kurz kommt, sind vielfältig. Gewalt und Aggression sind wichtige Bestandteile des Menschen. Sie zu beseitigen, funktioniert nicht. Es komme vielmehr darauf an, laut dem Kölner Krämer-Training, mit ihnen trotzdem friedlich zu leben.

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