Bitte warten...
Mit Agent Orange niedergespritzter Wald

SENDETERMIN Mo, 31.8.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Agent Orange – Vietnams giftige Kriegslast

Agent Orange, das die USA im Vietnamkrieg versprühten, fordert noch immer Opfer. Der Krieg, der vor 40 Jahren endete, ist ein Krieg ohne Ende. Die USA warfen damals zur Entlaubung von Wäldern 72 Millionen Liter Herbizide über Vietnam ab. Darunter Agent Orange. Es enthält das hochgiftige TCDD, ein Erbgut schädigendes Dioxin. Es ist noch immer in Nahrungsketten. Die Folgen sind oft schwer behinderte Kinder mit Missbildungen. Bereits drei Nachkriegs-Generationen sind betroffen. Dioxin ist schuld an über 100 Krankheiten, bis hin zu Krebs und Immunschwächen.

Im August 1961 versprüht die amerikanische Luftwaffe auf Geheiß von Präsident John F. Kennedy erstmals Pflanzenvernichtungsmittel über Südvietnam. Ziel ist die Entlaubung von Wäldern, um dem Feind, der Befreiungsfront FNL, die Deckung zu rauben sowie die Zerstörung von Reisfeldern. Die Nahrungsgrundlagen des Gegners sollen vernichtet werden.

Fachleute der deutschen Firmen Bayer und der damaligen HOECHST AG stehen der US-Armee auch direkt vor Ort zur Seite. Als medizinische Helfer getarnt arbeiten sie in Saigon mit dem amerikanischen Planungsbüro für B- und C-Waffeneinsätze zusammen.

Hoang Thi The und ihr 33-jähriger Sohn Tran Duc Ngia

Hoang Thi The und ihr 33-jähriger Sohn Tran Duc Ngia

Das im Agent Orange enthaltene Dioxin wurde bereits 1956 vom Deutschen Wilhelm Sandermann entdeckt, 1957 synthetisiert und als «Supergift» eingestuft. Trotz allen Warnungen – auch von namhaften Wissenschaftlern in den USA – wird bis 1971 weiter gesprayt. Den Soldaten in Vietnam wird erzählt, der Sprühnebel sei gegen Moskitos. Malaria und Denguefieber waren weit verbreitet.

Dass die in Agent Orange enthaltene Dioxin-Verbindung hochgiftig ist, wusste man im deutschen Chemiewerk Boehringer in Ingelheim spätestens seit 1956. Dies belegt ein Dokument vom Oktober jenes Jahres. Die Information wird jedoch auf Geheiß von Firmenchef Boehringer geheim gehalten.

Das Supergift

Dioxin wird für weit über hundert Krankheiten verantwortlich gemacht. Es schädigt das Erbgut und führt zu Missbildungen, etwa zu fehlenden Gliedern und Gaumenspalten. Dioxin ist zudem stark krebserregend, erzeugt Diabetes, Parkinson, psychische Schäden, Immunschwäche.

Sprayflugzeuge mit Agent Orange

Sprayflugzeuge mit Agent Orange

Die Opfervereinigung von Da Nang, die DAVA, sagt, in der der Region leben noch immer um die 5000 Menschen, die an den Spätfolgen des Chemiewaffeneinsatzes leiden. Vier Jahrzehnte nach dessen Ende. Doch wie viele Agent Orange-geschädigte Menschen es insgesamt genau gibt, weiß niemand.

Erst jetzt beginnen Bemühungen zur statistischen Erfassung. Die Schätzungen reichen von einer bis zu drei Millionen. Neuste Forschungen der Columbia Universität New York zeigen, dass zwischen zweieinhalb und vier Millionen Menschen mit dem Gift in Berührung kamen.

Tests zu teuer

Es gibt viele Gründe weshalb es so schwierig ist, den Agent Orange-Tatbeweis zu erbringen. Einen nennt Le Ke Son. Er leitete bis 2014 zehn Jahre lang den nationalen leitenden Agent Orange-Ausschuss, die Koordinationsstelle der Regierung. Er war sozusagen der oberste Agent Orange-Beamte Vietnams. Vietnam hat nicht genügend Geld, um die Beweise zu beschaffen, der Nachweis von Dioxin im Blut ist sehr teuer.

Die Karte der Gebiete, die von Agent-Orange-Vergiftungen betroffen sind

Die Karte der Gebiete, die von Agent-Orange-Vergiftungen betroffen sind

Fehlendes Geld ist jedoch nur ein Grund. Dioxin im Blut belegt nämlich noch nicht, dass es von Agent Orange stammt. Denn dioxinhaltige Gifte gibt es vielerorts in der Umwelt. Zum Bespiel in Pflanzenschutzmitteln. In einem sind sich viele Experten einig: Wer die Agent Orange-Frage streng wissenschaftlich und legalistisch beurteilt, schafft auf der Opferseite viel Leid. Mangelnde Beweise sind auch der Grund, weshalb bis heute praktisch alle gerichtlichen Klagen von Opfern scheiterten.

Wenn es um die eigenen Agent Orange-Opfer geht, dann stehen die USA zu ihrer Verantwortung. Für das offizielle Amerika gibt es zwei Klassen von Agent Orange-Opfern: Die eignen, denen Agent Orange-Krankheiten zugestanden werden. Und die vietnamesischen Agent Orange-Geschädigten, die nicht als Giftopfer anerkannt werden. Bis heute bezahlten die USA rund viereinhalb Milliarden Dollar an Hilfsleistungen für US-Veteranen.

Mit Völkerrecht unvereinbar

Fachjuristen sagen, dass die bisherige US-Rechtsprechung nicht mit dem Völkerrecht vereinbar sei. Eine Neubewertung könnte sich laut dem deutschen Agent Orange-Rechtsexperten Felix Klickermann aufdrängen, weil die USA mittlerweile damit begonnen haben, in Vietnam freiwillig Millionenbeträge zur Reinigung von Agent Orange-verseuchten Hot Spots zu investieren.

Man könnte dies als indirektes Eingeständnis interpretieren, sagt Klickermann. Außerdem, so meint er, hätten die Gift-Lieferanten nach amerikanischem Recht informieren müssen, dass der Entlaubungscocktail Agent Orange Dioxin enthält.

Hot Spot-Reinigung des Flughafen Da Nang

Hot Spot-Reinigung des Flughafen Da Nang

Da Nang war der Hauptumlade- und Lagerplatz des Dioxin-haltigen Entlaubungsmittels Agent Orange. Sehr viel davon versickerte im Boden, es verseuchte Fischteiche, gelangte ins Grundwasser und in Nahrungsketten. Die Dioxin-Grenzwerte waren bis zum 365-fachen überschritten. Die Erklärung dafür, dass es in der Gegend rund 5000 Menschen mit Dioxin-bedingten Gesundheitsschäden gibt.

Flughafen Da Nang heute

Unweit der Pisten steht ein Ungetüm, das aussieht wie eine surrealistische anmutende Riesenfabrik. Auf einer Fußballfeld-großen Fläche sind achttausend tonnenschwere Betonklötze aufgetürmt. So hoch wie ein mehrgeschossiges Wohnhaus. Darin eingeschlossen Tausende Kubikmeter Erde – Erde, die mit Dioxin vergiftet ist. Aus den Klötzen ragen Stäbe. Eine Art überdimensionale Tauchsieder. Sie erhitzen die kontaminierte Erde auf 335 Grad. Die hohe Temperatur macht das Dioxin unschädlich.

Das 84 Millionen Dollar teure Projekt wird von den USA finanziert und realisiert. Seit 2012 leitet eine amerikanische Baufirma die Arbeiten, was vielen im Land aufstößt, da es im Land genügend Fachkräfte gibt.

Doch die Technologie, die die USA in Da Nang anwendet, ist nicht optimal. Die Erhitzung der verseuchten Erde erzeugt Abluft, Abwässer sowie Sedimente, die erneut mit Dioxin verseucht werden. Das Dioxin wird also keineswegs vollständig vernichtet. Deshalb dauert die Reinigung viel länger. Zuerst sagten die USA, sie dauere bis 2016. So wie es jetzt ausschaut, wird es um Jahre länger gehen.

Der grösste Hersteller von Agent Orange war Monsanto. Umso erstaunlicher ist es, dass der amerikanische Saatgut- und Chemiemulti nach Vietnam zurückkehren durfte. Mit gentechnisch verändertem Mais und dem dazugehörigen Unkrautvertilger Roundp. Roundup enthält Glyphosat. Im März 2015 kamen Krebsforscher aus elf Ländern in einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Schluss, dass Glyphosat wahrscheinlich Krebs erzeugt.

Weitere Themen in SWR2