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Karlsruher Schloss

SENDETERMIN Di, 16.6.2015 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen 300 Jahre Karlsruhe – Die Stadtgeschichte

Von der Fürstenresidenz zur Technologieregion

Absolutistischer Herrscher, großer Feldherr, passionierter Gärtner, Jäger und Weiberheld - so wird Markgraf Carl Wilhelm von Baden-Durlach gerne und oft bezeichnet. Am 17. Juni 1715 legte er ein paar Kilometer westlich von seiner Residenzstadt Durlach, unweit der letzten Ausläufer des Nordschwarzwaldes mitten im ausgedehnten Hardtwald in der Rheinebene, den Grundstein für ein Lustschlösschen. Doch schon bald sollte es seine neue Residenz werden. In nur 300 Jahren wuchs die barocke Neugründung Carl Wilhelms zu einer modernen Großstadt mit 300.000 Einwohnern.

Zu Grunde liegt das Prinzip von Versailles. Im Zentrum der Herrscher, von dem alles ausstrahlt. In Karlsruhe symbolisiert durch 32 kerzengerade Straßen, die in alle Himmelsrichtungen strahlen. Gegliedert wird dieses "Sonnensystem" durch ein kreisförmiges Wegenetz. Bedeutete das barocke Pracht- und Machtkulisse, und Ausdruck aufgeklärten Denkens in Einem? Tatsächlich weht in der neuen Residenz des absolutistischen Fürsten von Anfang an ein liberaler Geist.

Baustelle des Kombibauwerks am Ettlinger Tor

Baustelle des Kombibauwerks am Ettlinger Tor

Die Prachtbaustelle

Im Jahr 2015 gleicht Karlsruhe eher einer Großbaustelle. Das fast eine Milliarde Euro teure Großprojekt der U-Bahn-Trassen prägt derzeit das Stadtbild mit zahlreichen Baustellen. Vor rund 200 Jahren sah das ähnlich aus. 1806 wird die kleine Fürstenresidenz Karlsruhe zur Hauptstadt des neuen Großherzogtums Baden, entstanden und gewaltig vergrößert im Zuge der Napoleonischen Kriege.

Im Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie KIT lagert eine große Sammlung an Plänen, aber auch künstlerischen Aquarellen von Friedrich Weinbrenner. Wie kein anderer hat dieser berühmte Baumeister und Stadtplaner des Klassizismus das Bild von Karlsruhe bis heute geprägt. Als badischer Oberbaudirektor setzt Weinbrenner zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit einem Gebäudeensemble am Marktplatz ein architektonisches Zeichen für die veränderten Bedürfnisse der Zeit.

Cover der neuen CD historischer Karlsruhe-Musik

Idealisierte Karlsruher Stadtansicht, Kupferstich von Heinrich Schwarz 1721

Weinbrenner trifft auf Rhein-Begradiger

Diese Bauschule von Friedrich Weinbrenner ist für Karlsruhe noch in einer anderen Hinsicht bedeutend. Sie ist eine der Grundlagen für den Ruf Karlsruhes als Wissenschafts- und Technikstadt. Anfang des 19. Jahrhunderts tummeln sich einige Männer in der badischen Hauptstadt, die Technik und Ingenieurskunst vorantreiben. Einer von ihnen ist der "Rhein-Begradiger" Johann Gottfried Tulla, der 1807 die Karlsruher Ingenieurschule gründete. 1825 schließen Weinbrenner und er ihre Lehreinrichtungen zur ersten deutschen Polytechnischen Schule zusammen.

In der folgenden fast 200-jährigen Hochschulgeschichte gab es zahlreiche wichtige Wissenschaftler. 1841 begründet Ferdinand Redtenbacher in Karlsruhe den wissenschaftlichen Maschinenbau. Der Physiker Heinrich Hertz entdeckt in Karlsruhe die elektromagnetischen Wellen. Fritz Haber bekommt für die Ammoniaksynthese den Chemie- Nobelpreis und – Schattenseite der Wissenschaft – überwacht 1915 den ersten Giftgasangriff in der Geschichte.

Der Pavillon zum Stadtgeburtstag im Schlossgarten

Richtfest des Pavillon zum Karlsruher Stadtgeburtstag

Erste E-Mail aus Karlsruhe

Im 20. Jahrhundert beginnt dann eine Entwicklung, die Karlsruhe zu einem der führenden IT-Standorte in Europa macht. Der Archivleiter des KIT, Klaus Nippert, ist ein großer Kenner der Karlsruher Wissenschaftsgeschichte. Ende der 1950er Jahre, erzählt er, wird an der Technischen Hochschule Karlsruhe ein "Zuse-Computer Z 23" angeschafft. Damit wollte man Strömungsvorgänge an Flugzeugflügeln berechnen.

Auch in der weiteren Entwicklung spielte die Karlsruher Uni eine wichtige Rolle: So wurde 1972 die erste Fakultät für Informatik an einer westdeutschen Hochschule eingeführt. In Karlsruhe wurde nicht nur die erste deutsche E-Mail verschickt, sondern 1794 auch das erste Telegramm in Deutschland versandt.

Karl Drais mit Laufrad

Karl Drais mit Laufrad

Der Spinner mit dem Laufrad

Auch was den IT-Bereich angeht, gab es bereits im 19. Jahrhundert in Karlsruhe erste Ideen, die die spätere Grundlage der Datenverarbeitung andeuten. Von einem Mann, den viele vor allem mit einer anderen Erfindung in Verbindung bringen: Karl Drais, ein Zeitgenosse von Tulla und Weinbrenner, war ein Erfinder und Tüftler. Am bekanntesten ist er heute sicher für seine Laufmaschine, den Vorläufer des modernen Fahrrades.

Mit diesem Gerät war er zu seiner Zeit vier Mal so schnell wie die Postkutsche. Viele Zeitgenossen hielten ihn allerdings für einen Spinner. Selbst Tulla und Weinbrenner konnten keinen "Zweck" in der Laufmaschine finden. Heute ist das Fahrrad als Fortbewegungsmittel weltweit nicht mehr wegzudenken, und vielleicht beginnt mit Drais ja wirklich die Geschichte der modernen Mobilität.

Fahrradfahrerin auf Radweg

Karlsruhe ist bald "Fahrradstadt", der Radverkehr der letzten Jahre ist fast explosionsartig gestiegen, der Autoverkehr dagegen rapide gesunken

Von Käfer zu Rihm

Musik hat in der Stadt ebenfalls von Anfang an eine Tradition. Zum ersten Hofkapellmeister in Karlsruhe macht Stadtgründer Karl Wilhelm Johann Philipp Käfer. Zwischen Wolfgang Rihm, der auch an der Karlsruher Musikhochschule lehrt, und Johann Philipp Käfer, gab es eine Reihe anderer bekannter Musiker und Komponisten, die in Karlsruhe als Hofkapellmeister wirkten, wie Franz Danzi und Felix Mottl, oder mehrfach in der Stadt ihre Werke aufführten, wie Franz Liszt, Richard Strauss, Johannes Brahms und Richard Wagner. Wagner soll sogar zunächst Karlsruhe als Ort für sein Festspielhaus im Auge gehabt haben.

Bei einem verheerenden Brand, bei dem 1847 mehr als 60 Zuschauer ums Leben kamen, wurde das Karlsruher Theater zerstört. Fünf Jahre später baute Heinrich Hübsch – ein weiterer berühmter Karlsruher Baumeister – ein neues Theater.

Kunst in Karlsruhe

Dieses wurde bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1975 wurde der Neubau des Badischen Staatstheaters am Ettlinger Tor eingeweiht. In den nächsten Jahren soll dieser Bau für rund 125 Millionen Euro saniert und erweitert werden. Neben dieser großen Bühne gibt es noch zahlreiche kleinere Theater in der Stadt.
Auch an Museen hat Karlsruhe ein reichhaltiges Angebot.

International am bekanntesten ist das ZKM, das Zentrum für Kunst und Medientechnologie unter Leitung des Künstlers, Kurators und Medientheoretikers Peter Weibel. Untergebracht ist es im riesigen Hallenbau einer ehemaligen Munitionsfabrik. Zu diesem Komplex gehört auch die Hochschule für Gestaltung HfG, deren Rektor der Philosoph Peter Sloterdijk ist, das Museum für Neue Kunst und die Städtische Galerie Karlsruhe.

Prinzessin Karoline Luise sitzt an der Staffelei. In der rechten Hand einen Stift, in der linken einen Zeichenstock.

Porträt der jungen Karoline Luise, gemalt von ihrem Lehrer Jean-Étienne Liotard

Wo sind die Frauen der Stadtgeschichte?

Das Museum mit der längsten Tradition in der Stadt ist die Staatliche Kunsthalle. Sie geht zurück auf das "Mahlerey-Cabinet" der Markgräfin Caroline Luise, erklärt Holger Jacob-Friesen, der gerade eine Jubiläumsausstellung zu ihrem Kabinet in der Kunsthalle konzipiert hat. Mehr als 200 Bilder hat die kunstsinnige Markgräfin gesammelt, darunter Meisterwerke von Rembrandt, van Dyck, Teniers, Chardin und Boucher.

Einen Hof und ein Herrscherpaar gibt es heute nicht mehr, aber Recht, Technik und Kunst haben hier bis heute einen festen Platz. Dazu viel Grün und ein südlich-warmes Klima, was sich in der jüngsten Image-Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach wieder spiegelt. Demnach hält die Mehrzahl der Befragten Karlsruhe für sympathisch, lebendig und lebenswert.

Volunteers in hellblauen Jacken vor einem Transparent mit der Aufschrift "Stadtgeburtstag Karlsruhe 2015"

Volunteers für den 300. Karlsruher Stadtgeburtstag, mehr Informationen auf www.ka300.de

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