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Luthers Lieder im Interview 6 Wir glauben all an einen Gott

Einmal im Monat stellt SWR2 Cluster dieses Jahr ein Luther-Lied vor - im Interview! Im sechsten Interview geht es um Luthers "Wir glauben all' an einen Gott".

SWR2 Cluster: Wir hatten das ja inzwischen schon des öfteren bei unseren Gesprächen mit den Kirchenliedern Martin Luthers: er hat sie nicht immer komplett neu erfunden, sondern sich meist auf einen schon vorhandenen Text oder auch eine schon komponierte Melodie bezogen. Auch bei unserem heutigen Studiogast ist das so - wir werden darauf gleich noch zu sprechen kommen. Jetzt begrüße ich aber erst einmal "Wir glauben all an einen Gott" - Herzlich willkommen
Hallo, ich freue mich, danke für die Einladung.

"Wir glauben" - ihr Beginn klingt ja schon nach einem klaren Bekenntnis. Sind sie ein Bekenntnislied?
Aber hallo! Mein Text formuliert schließlich ein waschechtes Glaubensbekenntnis mit allem was dazu gehört. Jeder der drei göttlichen Personen ist eine Strophe gewidmet: Gott, Christus und dem Heiligen Geist.

Name des Liedes
Wir glauben all an einen Gott
Geburtsjahr
1524
Strophenanzahl
3
Textvorlage
Nach einer lateinischen und deutschen Strophe
Breslau 1417 und Zwickau um 1500
Nummer im Evangelischen Gesangbuch
EKG 183
Melodie
15. Jahrhundert, Wittenberg 1524
Weitere Vertonungen
Johann Walter, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy

Als Katholik fühlt man sich da ja an das altkirchliche, lateinische Credo erinnert. Ist dieses so genannte "Nicänische Glaubensbekenntnis" ihre direkte Vorlage?
Vom Grundgedanken her schon. Mein Text ist im Prinzip eine Paraphrase des lateinischen Credo. Luther hat sich aber wahrscheinlich direkt auf ein deutschsprachiges, spätmittelalterliches Credo-Lied mit dem gleichen Titel bezogen. Es gibt heute noch drei erhaltene Handschriften dieses Liedes. Jede Version davon könnte er im Prinzip als Vorlage zu meinem Text benutzt haben.

Wie ist Luther denn mit der Vorlage umgegangen? Einfach abgekupfert hat er ihren Text doch sicherlich nicht...
Nein, er hat nur die ersten beiden Textzeilen ohne Änderungen übernommen. Danach hat er aber dann angefangen selbst zu dichten: schöne, regelmäßig aufgebaute Verse hat er dabei geschaffen. Jede meiner drei Strophen besteht nämlich aus genau zehn Zeilen mit jeweils acht Silben pro Zeile. Ich bin also ein ziemlich wohl proportioniertes Lied.

Wie ist das denn mit ihrer Melodie: wo hat Luther die her? Oder hat er sie sich komplett selbst ausgedacht?
Die hat er auch im Wesentlichen aus einer der mittelalterlichen Vorlagen übernommen. Da er ja aber einen Teil des Textes neu geschrieben hat, musste er natürlich auch die Melodie entsprechend anpassen. Die ist übrigens gar nicht so leicht zu singen. Das klagen mir manchmal die Gemeinden. Luther hat sie nämlich mit ein paar kunstvollen Melismen, also Verzierungen versehen. Gleich am Beginn geht es schon damit los.

Ich würde gerne mal auf ihre Funktion zu sprechen kommen. Sie hatten ja eben gesagt, dass sie ein Glaubensbekenntnis sind - im Grunde so ähnlich wie das lateinische Credo. Das hat ja nun seinen festen Platz bis heute in der katholischen Liturgie. Wie sieht's da mit ihnen aus?
Natürlich habe auch ich meinen festen Platz im Gottesdienst! Ich sollte sogar früher einmal das Credo ersetzen und zwar in der "Deutschen Messe" von Martin Luther.

"Deutsche Messe" - was verbirgt sich hinter dieser Idee?
Als die Reformation gerade angestoßen war, hatten mehrere Reformatoren verschiedene Konzepte für eine deutschsprachige Messe veröffentlicht. Die Grundidee dahinter: der altkirchliche Ritus sollte als Gerüst möglichst beibehalten werden. Allerdings sollten die traditionellen, lateinischen Teile wie Credo, Sanctus, Gloria und so weiter eben durch deutschsprachige Kirchenlieder ersetzt werden. Und ich hatte die Ehre, an die Stelle des Credo zu rücken!

Durchgesetzt hat sich die Idee von einer "Deutschen Messe" aber nicht ...
Ja, leider. Aber das hat nichts mit mir zu tun!

Das stimmt, aber das ist ja auch nochmal ein anderes Thema. Ich würde gerne nochmal kurz auf ihre Melodie zu sprechen kommen: Welche Spuren hat die denn in der Musikgeschichte hinterlassen?
Viele Spuren! Zahlreiche Organisten und Komponisten haben zu meiner Melodie Choralvorspiele komponiert: Samuel Scheidt z.B. oder natürlich auch Johann Sebastian Bach. Und dann später Mendelssohn. Auch Heinrich Schütz hat an mir großen Gefallen gefunden, was ich natürlich besonders toll finde. Ein ganzer Satz aus seinen berühmten "Kleinen Geistlichen Konzerten" ist niemandem anderen als mir gewidmet!

 

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