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Luthers Lieder im Interview 12 Vom Himmel hoch, da komm ich her

Einmal im Monat stellen wir ihnen in diesem Jahr nun jeweils ein Lied vor. Und das machen wir, indem wir das Lied einfach ins Studio eingeladen haben. Heute geht es um Luthers vielleicht berühmteste Kreation, den Weihnachts-Klassiker "Vom Himmel hoch, da komm ich her".

SWR2 Cluster: Dieses Stück erklingt wahrscheinlich auch dieses Jahr zu Weihnachten wieder überall im Land: Vom Himmel hoch, da komm ich her - ob aus dem leise säuselnden Lautsprecher der Kompaktanlage, in der Version für mikrotonalen Verwandtschaftschor oder im zarten Blockflötenarrangement der lieben Kleinen. Vielen ist es vielleicht gar nicht so bewusst: "Vom Himmel hoch" ist eine der bekanntesten Lied-Schöpfungen des Reformators Martin Luther persönlich. Und wir haben das Lied heute zu Gast im vorweihnachtlichen SWR2-Studio: Herzlich willkommen!
Lied "Vom Himmel hoch": Ich grüße sie!

Name des Lieds
Vom Himmel hoch
Geburtsjahr
1535
Textvorlage
Lukas 2, 9–16
Strophenanzahl
15
Nummer im Evangelischen Gesangbuch
EKG 24
Melodie
Martin Luther 1539
Weitere Vertonungen
Georg Forster, Caspar Othmayr, Michael Praetorius, Johann Hermann Schein, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger, Igor Strawinsky


Wie feiern sie denn Weihnachten?
Och, meistens im Kreis meiner Liederfamilie. Dieses Jahr allerdings wollen wir es mal etwas ruhiger angehen: ich habe nur meine Großcousine "Stille Nacht, heilige Nacht" eingeladen. Und dann kochen wir uns zusammen was Feines.

Das klingt ja nach echter Besinnlichkeit. Was ist denn an dem Gerücht dran, dass Luther sie 1534 als eine Art Weihnachtsgeschenk für seine eigenen Kinder geschrieben hat?
Nicht viel. Dieses Gerücht ist eigentlich nur deshalb aufgekommen, weil Luther mich bei meiner ersten Veröffentlichung als "Kinderlied auff die Weihnachten" bezeichnet hat. Das war 1535. Damit kann er aber natürlich auch ein anderes Kind gemeint haben, nämlich das Jesuskind. Ist ja auch irgendwie naheliegend. Für ein Kinderlied finde ich mich nämlich dann doch ein bisschen zu anspruchsvoll.

Das stimmt - zumindest wenn man ihre heute gebräuchliche Melodie betrachtet. Ursprünglich hatten sie ja eine andere...
Ja, richtig. Luther hatte mich nach einem populären Spielmannslied gedichtet: "Ich kumm auß frembden landen her und bring euch vil der newen mär.", so hieß das. Sie merken schon: das ähnelt sogar sehr stark meinem heutigen Text. Und die Melodie von diesem Spielmannslied hat er damals auch gleich für mich übernommen.

Ein Spielmannslied? Was darf man sich denn darunter vorstellen?
Spielleute, das waren früher so etwas wie freiberufliche, reisende Musiker. Sie zogen von Ort zu Ort und spielten dort entweder zum Tanz auf oder unterhielten Leute mit lustigen oder traurigen Liedern. Und in meinem Fall ganz wichtig: sie waren so etwas wie WhatsApp oder Twitter heute: sie verbreiteten die neuesten Neuigkeiten im Land.

Man könnte also sagen: z.B. auch so etwas wie die Geburt des Christuskindes - auch wenn das ja schon einige Jahrhunderte her war...
Ja, genau!

Dann hat Luther aber irgendwann ihre Melodie ausgetauscht, oder? Wissen sie warum?
Das ist doch klar: Er wollte mich eben zu einem echten Kirchenlied machen, was auch im Gottesdienst gesungen werden kann. Und da wäre so eine olle Spielmannsweise dann doch irgendwie unpassend gewesen. Zumal die Gemeinde natürlich auch das Original dahinter kannte. Also hat er mir eine seiner wunderbaren, einprägsamen und kunstvollen Choralmelodien auf den Leib geschrieben.

Aber so ganz original ist ihre heutige Melodie auch nicht, oder?
Naja, im Laufe der Jahrhunderte hatten die Leute immer mehr Probleme mit meiner kurzen Achtel-Auftaktfigur am Beginn jeder Strophe. So war das eben damals zu Luthers Zeiten: die Melodie hat sich dem Text angepasst und nicht umgekehrt! Im 18. Jahrhundert war das den Leuten dann zu kompliziert und man hat mir so einen langweiligen Auftakt mit einer Viertelnote vorangestellt. Aber gut: jetzt bin ich halt noch leichter zu singen.

Gefällt ihnen denn diese "Begradigung"?
Ich fand, dass mir der Achtel-Auftakt besser steht. Was meinen sie denn?

Äh, ja. Dadurch wird ihre Melodie etwas ... lebendiger, auch ein bisschen ... archaischer.
Genau!

Dennoch haben sie vor allem in ihrer überarbeiteten Fassung deutliche Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen...
Jawohl! Ganz besonders gefällt mir schon seit mehreren Jahrhunderten die Variationsreihe von Johann Sebastian Bach über mich. Was der alles aus meiner Melodie herausholt - naja echter Bach eben! Aber ich muss auch sagen: da ist vor einigen Jahren eine ganz tolle Aufnahme von mir in der Version von Michael Praetorius mit dieser Sopranistin erschienen. Wie heißt die nochmal ... Dorothee ...

... Mields
Ja, genau Dorothee Mields. Diese Aufnahme ist einfach so schön, dass sie die doch bestimmt jetzt einmal anspielen wollen.

Wie es der Zufall will habe ich genau die ausgesucht. Erst einmal bedanke ich mich bei ihnen für das schöne Gespräch...
Nichts zu danken.

... und wünsche ihnen ein paar schöne Feiertage!
Gleichfalls.

Luthers Lieder im Interview


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