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Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts Volker Hagedorn - Der Klang von Paris

In Paris wurde Musikgeschichte geschrieben, vor allem im 19. Jahrhundert, vor allem in der Oper. Die „Grand Opéra“ war das große Ziel vieler Komponisten; wer hier reüssierte, zählte zu den wichtigsten Musikern in ganz Europa. Gleichzeitig wurde der musikalische Salon zu einem Treffpunkt der einflussreichsten Agenten, Interpreten, Komponisten. Im kleinen Raum wurde viel Neues ausprobiert, bevor die Musik dann in den großen Konzertsaal wanderte. Autor Volker Hagedorn hat sich auf Spurensuche begeben und das musikalische Paris im 19. Jahrhundert erkundet.

Buch-Cover: Volker Hagedorn - Der Klang von Paris

Buch

Volker Hagedorn

Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts

Verlag:
Rowohlt
Länge:
410 Seiten
Preis:
25,00 €
Bestellnummer:
ISBN 978-3-498-03035-3

Anfang Mai 1864 stirbt Giacomo Meyerbeer, und ganz Paris scheint auf den Beinen:

"Paris erlebt ein Tableau, für das jedes Opernhaus zu klein wäre. Zwei Stunden dauert am 6. Mai der Leichenzug. Weil der Komponist auf dem Jüdischen Friedhof seiner Heimatstadt Berlin bestattet sein will, wird der Gare du Nord zu seiner letzten Bühne in Paris – genauer, die Baustelle dieses Bahnhofs. James de Rothschild, Eigentümer der Nordlinie, lässt für diesen Freitag die Bauarbeiten ruhen. Im Zentrum der Beschleunigung wird für Giacomo Meyerbeer die Zeit angehalten."

Es ist eine der letzten Episoden in Volker Hagedorns Buch „Der Klang von Paris. Eine Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts“ – und diese Szene zeigt noch einmal, was den Leser bis dahin rund 350 Seiten lang in Atem gehalten hat: Die enge Verzahnung von Stadthistorie und Musikgeschichte, so unmittelbar erzählt, als sei der Leser selbst dabei. Am Vorabend des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 endet dieses Buch, also noch deutlich vor der Jahrhundertwende. Aber das macht Sinn. Denn nach dem Krieg beginnt ein neues Kapitel, und, wer weiß, vielleicht lässt Hagedorn irgendwann noch einen zweiten Band folgen, der den Impressionismus einschließt. Das vorliegende Buch beginnt im Oktober 1821, als Hector Berlioz erstmals die Metropole Paris erreicht.

"Ein letzter Pferdewechsel, man vertritt sich im Morgengrauen die Beine und fröstelt. „Paris“, sagt der Postillon knapp und mürrisch und deutet vage nach Norden, als sei da schon etwas zu erkennen. Hector sieht nur flaches, leicht gewelltes Land im Nebel, grau und schwarz schraffiert, die Berge sind längst gewichen. Als nach weiterer Fahrt rechts der Seine zwischen Hügeln die Stadt erscheint, ist sie fast so übersichtlich wie auf einem Kupferstich."

Hector Berlioz wird in diesem Buch zu einer Art Reisebegleiter, er ist nicht ständig präsent, aber er taucht immer wieder auf, bei Großereignissen und bei Begegnungen im Salon.

"Chopin ist zu Berlioz getreten, der sich inzwischen beruhigt hat und ihn heiter fragt, ob er und Liszt etwa wieder Bach spielen wollten. […] „Oh, man kann sich gut mit Bach amüsieren“, sagt Chopin, der mit dem „Wohltemperierten Klavier“ groß geworden ist, „aber ich werde Sie nicht quälen, lieber Hector.“

Hagedorn schildert die einzelnen Episoden mit einer geradezu filmischen Intensität, als laufe er mit einer kleinen Kamera neben den Figuren her. Alles fängt er haarscharf ein, und alles kleidet er in eine sehr lebendige, anschauliche Sprache. So gelingen ihm immer wieder erhellende Verzahnungen zwischen Stadt-, Mentalitäts- und Musikgeschichte. Hagedorn, bekannt vor allem als Autor der Wochenzeitung „Die Zeit“, zeigt Paris als einen Jahrmarkt der Eitelkeiten, aber auch als eine Stadt neuer Entwicklungen – mit der Musik als dem wahren Zentrum. Er verzichtet auf genauere Werkbetrachtungen, schildert dafür detail- und kenntnisreich Stimmungen und Atmosphären, kleine Begebenheiten und große Veränderungen, die sich in und um Paris ereignet haben – etwa eine Zugfahrt des Frédéric Chopin:

"In Orléans kann er am nächsten Morgen um kurz vor sieben Uhr endlich in den Zug steigen, der diese Stadt seit 1843 mit Paris verbindet. Natürlich nimmt er ein Abteil in einem der vier ‚voitures couvertes et garnie‘, überdacht und gepolstert, Waggons mit je drei Abteilen, wie Kutschengehäuse aneinandergefügt. Die beiden Lokomotiven ganz vorn fauchen unter Dampf, direkt hinter dem Kohlentender der zweiten ist der Gepäckwagen, in den der Pleyel<-Flügel> geladen wurde. Chopin geht vorbei an den vier letzten Waggons, schlichten Bretterkisten ohne Dach, dreiachsig, gerammelt voll mit einfachen Leuten, die für die Fahrt gut sechs Francs zahlen – soviel, wie ein Erntehelfer in drei Tagen verdient. Chopin zahlt das Doppelte und hofft auf eine Fahrt ohne Gegenüber;"

Hagedorn hat viele Quellen genau ausgewertet und bringt sie nun in eine fast romanhafte Erzählung. Das heißt, er fügt durchaus fiktionale Momente ein, ohne dadurch die Gültigkeit seiner Quellen zu konterkarieren. Dass er gelegentliche Schlenker in die Gegenwart vornimmt, schärft zwar das Auge des vergleichenden Betrachters – wäre aber nicht zwingend notwendig gewesen. Denn auch so ist das Buch packend erzählt, es hält die Neugierde des Lesers konstant hoch und liefert ein sehr plastisches Bild von den musikalischen Hauptdarstellern auf der Theaterbühne Paris. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja wirklich eines Tages eine Fortsetzung, die sich dann der Zeit ab 1870/71 widmet…

Buch-Tipp vom 27.2.2019 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik

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