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Luthers Lieder im Interview 4 Vater unser im Himmelreich

Die Reformation hat Geburtstag: 2017 jährt sich der berühmte Thesenanschlag Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg zum 500. Mal. SWR2 Cluster nimmt dies zum Anlass, die musikalischen Folgen der Reformation anzuschauen. Denn bekannt ist ja: Martin Luther soll nicht nur einen guten Tenor abgegeben und die Laute eifrig gezupft haben, sondern er hat auch zahlreiche Lieder geschrieben. Viele davon sind heute aus dem Gottesdienst nicht mehr wegzudenken, andere fristen auch mal ein Dasein im Schatten ihrer berühmten Kollegen.

Einmal im Monat stellt SWR2 Cluster ein Luther-Lied vor - im Interview! Im vierten Interview trifft Cluster Luthers Glaubensbekenntnis-Lied "Vater unser im Himmelreich".

SWR2 Cluster: Sie sind ja für uns heute ein echter Glücksfall, denn von ihrer Geburt ist uns eine Momentaufnahme überliefert.
Lied Vater unser im Himmelreich: Wie bitte??? Wo haben sie diese Bilder her??

Ich meine diesen Zettel in Berlin...
Ach so! Ja, in der Staatsbibliothek wird ein Stück Papier aufbewahrt - von Luther eigenhändig beschrieben. Darauf hat er meinen Text skizziert und anschließend auch meine Melodie.

Name des Liedes
"Vater unser im Himmelreich"
Geburtsjahr
1539
Strophenanzahl
9
Nummer im Evangelischen Gesangsbuch
EKG 344
Melodie
Tischsegen des Mönch von Salzburg vor 1396, Böhmische Brüder 1531, Martin Luther 1539
Weitere Vertonungen
Johann Hermann Schein, Dietrich Buxtehude, Georg Böhm, Johann Sebastian Bach, Gottfried August Homilius, Felix Mendelssohn Bartholdy, Manfred Kluge



Warum ist denn der so interessant?
Der ist vor allem deswegen interessant, weil dort zu sehen ist wie Luther an meinem Text gearbeitet hat, wie er z.B. einzelne Worte durchgestrichen und durch neue ersetzt hat. Und meine sechste Strophe hat er sogar komplett verworfen und anschließend eine neue geschrieben. Wir erhalten damit also einen spannenden Einblick in die Lied-Werkstatt Luthers.

Ihr Text basiert ja auf dem klassischen "Vater unser" wie es noch heute gebetet wird. Was macht nun Luther daraus?
Ich zitiere dazu mal ein Flugblatt aus dem Jahr 1539, auf dem ich das erste Mal veröffentlicht wurde. Dort lautet der Titel nämlich: "Vater unser kurtz ausgelegt / vnd inn Gesang weyse gebracht durch D[r]. Mart[in] Luth[er]." Heute würden wir sagen Luther hat mich als smarte Kurzfassung davon angelegt - für das schnelle Gebet zwischendurch. Und natürlich hat er auch sehr genau darauf geachtet, dass mein Text und meine Musik zueinander passen.

Wo hat Luther denn ihre Melodie her? Oder stammt sie von ihm selbst?
Tja, man sagt ja immer leicht: Luther hat sie selbst erfunden. Dafür sprechen ja auch die Noten auf dem Berliner Zettel. Auf der anderen Seite tauchen ganz ähnlich volkstümliche und einprägsame Melodien schon vor Luthers Zeit auf. Die einen nennen den Tischsegen des Mönchs von Salzburg aus dem 14. Jahrhundert als Vorlage. Andere wollen die Melodie schon im Liederbuch der so genannten "Böhmischen Brüder" von 1501 erkannt haben. Keine Ahnung also ob das echt oder alles nur geklaut ist. Ich für meinen Teil fühle mich authentisch.

Sie haben gerade von den Noten zu ihrer Melodie gesprochen, die auf dem besagtem Schmier/Notiz-Zettel Martin Luthers zu lesen sind. . Da ist ja eine Melodielinie komplett wieder durchgestrichen. Verraten Sie uns, wie es dazu kam?
Ich kann mich leider nicht mehr genau an Luthers Worte erinnern, als er mich aufgeschrieben hat. Ich glaube er hat irgendwas gesagt von wegen "Dorisch klingt mir irgendwie zu fröhlich... Hmm, ich glaube ich versuchs mal mit was Ionischem". Damit meinte er die damaligen Modi der Kirchentonarten. Heute würde man sagen: er hat sich für Moll statt Dur entschieden. Es geht ja hier schließlich auch um ein sehr persönliches Gebet.

Ob in Dur oder Moll - ihre Melodie hat ja zahlreiche Komponisten zur Bearbeitung angeregt. In welcher Version hören sie sich denn selbst am liebsten?
Ach, da fragen sie mich was ... (überlegt kurz) Also Bach hat z.B. gleich mehrere Choralvorspiele über mich geschrieben, auch Buxtehude, die beiden Praetorius, Scheidt, Pachelbel, Max Reger ... Mendelssohn hat mir sogar eine ganze Orgelsonate gewidmet! Es gibt da aber auch noch eine neue Version von mir. Die finden sie auf dem aktuellen Album des Calmus Ensembles. Eine tolle Mischung aus Renaissance und Moderne. Diese Fassung von mir, die müssen sie unbedingt mal hören!


Luthers Lieder im Interview

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