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Luthers Lieder im Interview 7 Mitten im Leben wir sind

Einmal im Monat stellen wir ihnen in diesem Jahr nun jeweils ein Lied vor. Und das machen wir, indem wir das Lied einfach ins Studio eingeladen haben. Heute geht es um Luthers "Mitten wir im Leben sind".

SWR2 Cluster: "Mitten wir im Leben sind" - wenn man ihren Textanfang so liest, dann bekommt man irgendwie so ein geborgenes Gefühl, das Gefühl mitten im pulsierenden Leben drin zu strecken. Sind sie denn ein lebensbejahendes Lied?
Lied "Mitten wir im Leben sind": Grundsätzlich schon, aber sie müssen unbedingt noch eine Zeile weiter lesen. Dann kommt nämlich "mit dem Tod umfangen". D.h. ihr positiver Gesamteindruck bekommt gleich einen dunklen Schatten an die Seite.

Ähem, ich sollte mich wohl etwas besser vorbereiten. Verstehe ich das richtig: da, wo das Leben pulsiert, da ist auch immer irgendwie der Tod?
So ist es. Ich denke viele haben das schon erlebt: plötzlich wird ein Verwandter oder ein guter Freund mitten aus dem Leben gerissen. Das sind eben ganz elementare Lebens- und auch Todeserfahrungen, die Luther in meinem Text anspricht. Er verzweifelt daran aber nicht, sondern vertraut ganz auf Gott, auf Christus, den Erlöser. Denn er weiß ja genau: Gott ist barmherzig. Deshalb auch immer am Schluss meiner Strophen ein eindringliches Kyrie eleison!

Name des Lieds
Mitten wir im Leben sind
Geburtsjahr
1524
Textvorlage
Str.1 Salzburg 1456 nach der Antiphon »Media vita in morte sumus« 11. Jahrhundert; Str. 2 und 3 Martin Luther
Strophenanzahl
3
Nummer im Evangelischen Gesangbuch
EKG 518
Melodie
Salzburg 1456, Johann Walter 1524
Weitere Vertonungen
Johann Walter, Arnold von Bruck, Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Peter Cornelius, Kurt Thomas



Der Tod mitten im Leben - das ist ja so ein Thema, das wir heute gerne verdrängen. Warum hat sich Luther denn hingesetzt und ausgerechnet dieses schwierige Thema für seinen Liedtext gewählt? Gab es da einen bestimmten Anlass?
Als ich 1524 in Johann Walthers Geistlichem Gesangbüchlein veröffentlicht wurde, da tobte vor allem in Süddeutschland schon heftig der Bauernkrieg. Luther hat die brutale Gewalt des Krieges immer schon sehr mitgenommen. Es kann aber auch sein, dass es einen ganz persönlichen Anlass gab für das Nachdenken über Leben und Tod: bei einem Unglück mit einem Kahn auf der Elbe ertrankt nämlich vor den Augen Luthers ein guter Freund von ihm.

Oft gibt es ja bei Luthers Liedern auch eine mittelalterliche, gregorianische Vorlage. Wie sieht das bei ihnen aus?
Ja, sie meinen wahrscheinlich meine ältere Schwester, die Antiphon "Media vita in morte sumus". Sie behauptet immer...

Antiphon - was versteht man darunter?
Ach so: Das ist eine Art gesungener Kehrvers, der meist im Wechsel zwischen Vorsänger und Chor oder auch zwei Chören gesungen wird... Jedenfalls hat Luther sich auf "Media vita in morte sumus" bezogen als er mich gedichtet hat. Meine ältere Schwester behauptet immer, der St. Galler Dichter Notker, genannt "der Stammler", habe ihren Text schon im 10. Jahrhundert geschrieben. Er soll mal einen so tief gähnenden Abgrund vor sich gesehen haben, dass er dann im Angesicht der Todesgefahr ihren Text geschrieben hat. Aber wenn sie mich fragen, ist das wieder so eine dieser Mystery-Legenden, um sich wichtig zu tun. Das würde jedenfalls sehr gut zu meiner Schwester passen...

Ich versuche mich mal an meinen Lateinunterricht in der Schule zu erinnern: also Media: mitten - vita: das Leben - in morte: im Tod - sumus: wir sind - im Grunde sagt der Text ihrer Schwester doch dasselbe aus wie bei ihr Text "Mitten wir im Leben sind", oder?
Ja, schon. Aber mein Text ist viel länger, viel poetischer und viel nachdrücklicher als dieses altmodische Latein. Drei Strophen hat mir Luther auf den Leib geschrieben, eine eindringlicher als die andere. Das erkennt man ja wohl schon beim ersten Hören!

Kommen wir doch mal auf ihre Melodie zu sprechen. Darin ist doch bestimmt auch ein bisschen was von ihrer älteren Schwester zu erkennen, oder?
Ja gut, alle, die uns hören, sagen immer, dass wir beide ja wohl miteinander verwandt sind. Aber Luther hat aus dieser schnöden, einstimmigen Melodie meiner Schwester einen richtig schönen und sehr gut singbaren Liedsatz gemacht. Schauen sie doch mal in die Musikgeschichte: wie viele Komponisten haben mich aufgegriffen und herrliche Harmonien und Kontrapunkte um mich herum erfunden?

Ja, da gibt es tatsächlich einige Vertonungen. In welcher Version gefallen sie sich denn selbst am liebsten?
Och, wenn sie mich so fragen ... Felix Mendelssohn Bartholdy hat über meine Melodie eine wunderschöne, sehr ausdrucksstarke Motette komponiert. Die steht in der "Schicksalstonart" c-Moll - sie wissen schon: Beethovens Fünfte und so. Das Stück müssen sie unbedingt mal anspielen. Da hört man mal so richtig gut, was alles in mir steckt!

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