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Lesen im Stuttgarter Hauptbahnhof

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ich frage mich ob zeit getrennt vom raum existieren kann wenn die menschen und tiere und pflanzen nicht mehr sind die welt nicht mehr ist und die galaxie und das universum auch nicht mehr sind gibt es dann noch zeit wie sieht zeit aus was macht zeit ohne raum sie ist im nichts aber sie ist sie ist ganz allein und niemand interessiert sich mehr für sie sie ist einfach da allein ohne alles

ich frage mich ob zeit getrennt vom raum existieren kann wenn die menschen und tiere und pflanzen nicht mehr sind die welt nicht mehr ist und die galaxie und das universum auch nicht mehr sind gibt es dann noch zeit wie sieht zeit aus was macht zeit ohne raum sie ist im nichts aber sie ist sie ist ganz allein und niemand interessiert sich mehr für sie sie ist einfach da allein ohne alles

der zug hetzt über die schienen die landschaft fliegt vorbei bäume und sträucher himmel gespickt mit schwarzen langen geraden kabelwunden feld straße haus und selten menschen wenn dann in ihren automobilen der zug schiebt sich an allem vorbei und ich sitze darin wie in einem sarg aus neonlicht

man schaut viel zu wenig aus dem fenster wenn man im urlaub zug fährt will man alles regelrecht in sich einstanzen sonst macht man das nicht warum nur ich war mehr in spanien und thailand unterwegs als in meinem eigenen land warum gehe ich davon aus das alles schon zu kennen ganz schön arrogant so eine landschaftsverachtung

ich schaffe die tage nur so weg ich schaufle mich durch die massen die mir liegen und an mir kleben ein einziges geschaufel und ich empfinde dabei nichts außer schaufelwut

bevor ich in den zug gestiegen bin stand ich lange am hauptbahnhof rum und habe von ganz oben nach ganz unten auf die gleise geschaut als erstes wollte ich unbedingt runterspucken und dann wollte ich runterspringen der boden sah so weich aus wie eine hüpfburg

wenn ich im zug die ganze zeit hin und herlaufen würde könnte ich dann behaupten nach berlin gelaufen zu sein wenn man überlegt wie viel zeit man mit aktivitäten verbringt die einen langweilen wie viel zeit auch mit bürokratie und arbeit verschwendet wird gibt es eine aufstellung darüber bestimmt verbringt man sechzig prozent seines lebens mit unerwünschten angelegenheiten

ich hatte nur das bild der perfekten entspannung ich habe gesehen wie das von außen wirkt es wirkt entspannend wenn man das erzählt weil alle denken gott wie entspannend ich konnte mich überhaupt nicht entspannen

meine mutter hat mal zu mir gesagt ich soll etwas anständiges werden ich weiß bis heute nicht was sie meinte was anständiges ich verbinde damit geld eine eigentumswohnung einen kleinwagen einen netten ehemann und einen job der so erträglich ist dass man sich nicht gleich erschießen möchte eigentumswohnung und öder Job das sind zähfließende lebenskonstanten die mir angst machen konformität und repetition ich kann das nicht

wenn man ganz klein anfängt mit dem denken kann was großes daraus werden zusammenhänge schieben sich mit der zeit ins gehirn wie nebensätze jetzt fühle ich mich schlecht weil ich früher nichts verstanden habe und heute zu viel verstehe und wenig helfen kann

wenn ich lange still sitze werde ich melancholisch werde ich ungehalten und wütend dann frisst mich meine unruhe an und ich will nur noch weg was machen irgendwas fertig machen alles ist so schrecklich unfertig und immer wird alles unfertig bleiben ewige scheiß prozesse des vorankommens aber niemals komme ich weg ich stehe immer auf der stelle und stehe mir die sohlen wund meine elendige ungeduld bringt mir noch mal einen herzinfarkt ein

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