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SWR2 Tandem

Von Ziegen und Fischgräten - Besuch bei einem Hilfsprojekt in Uganda

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Der Projektstandort

Der Projektstandort

"Die zwei Häuser sind die einzigen 'richtigen' Gebäude, die ich ringsherum entdecken kann – dahinter sehe ich nur Baumwollfelder und kleine Bäume, und überall rennen Ziegen rum. Das alles wird durch Spenden aus Deutschland ermöglicht – noch, irgendwann soll sich das Projekt selbst finanzieren, unter anderem mit Einnahmen aus der Landwirtschaft. Die Grundidee ist, Familien in Uganda Ziegen zu geben. Ich will diese Familien treffen. Robert Wunderlich, der Projektgründer aus Tübingen, hat mir versprochen, dass ich einige Menschen kennen lernen werde, die sich am Projekt beteiligen."

"Lena steht im Freien und putzt sich die Zähne mit einer großen Plastikflasche Wasser in der Hand. Sie spuckt auf den dunklen, trockenen Boden, Staub wirbelt auf. Das Wasser fließt den Hügel hinunter und versickert dabei langsam."

Lena: "Das ist auch ein bisschen anstrengend, finde ich immer. Dass man sich immer ne Wasserflasche suchen muss, bevor man Zähne putzt. Weil das Flusswasser ja hier nicht so richtig geeignet ist. Also es gibt nicht viele Wasserleitungen und wir sind auch nicht hier an die Wasserleitung angeschlossen, weil es einfach sehr teuer ist. Und deswegen wird zweimal am Tag der Traktor mit Kanistern beladen und dann fahren alle runter zum Fluss und sammeln Wasser – ich glaub das sind 900 Liter, haben wir ausgerechnet. Und dann wird wieder alles wieder hochgebracht und in verschiedene Tanks geleert und dann kann man damit duschen und damit wird gekocht und alles."

"Zehn Minuten später kommen wir im Dorf an – zum Glück ohne größere Verletzungen. Dort ist Markt. Ich bin verwirrt und beeindruckt zu gleich. Auf einem großen Platz sind hunderte knallbunte Tücher ausgebreitet, auf denen die Waren liegen: Gebrauchte Schuhe, Obst, Gemüse, Kleider. Am Rand stehen ein paar wenige baufällige Häuser. Alles ist sehr bunt, was auch an den Kleidern der Menschen liegt. Ihr Interesse gilt vor allem uns. Wir fallen auf, wir fallen sogar sehr auf! Drei Weiße und definitiv die einzigen Weißen weit und breit. Es dauert nicht lang, bis uns eine Horde Kinder verfolgt."

"Lena und Meik kaufen ein. Ich halte mich vorsichtig im Hintergrund und fühle mich trotzdem leicht unwohl."

"Plötzlich hält mir ein kleiner Junge eine mindestens 40 Zentimeter lange Fischgräte mit Kopf entgegen. Dann drückt er mir die schleimige Gräte ans T-Shirt. Ich bin irritiert und bemerke erst dann, dass überall um uns herum Menschen Fischgräten verkaufen wollen. Meik erklärt mir, was es damit auf sich hat: 'Also manchmal kommen hier auf den Markt so Trucks von den Seen und dann kann man Fischgerippe kaufen und dieses Fischfilet, das geht halt Richtung Europa oder Richtung Amerika und die Einheimischen haben dann hier die Gräten, aus denen sie sich dann ne Suppe kochen können.' Erst jetzt wird mir bewusst, woher der Viktoriaseebarsch kommt, den wir in Deutschland essen – aus Afrika, unter anderem aus Uganda. Das Fischfilet wird nach Europa geflogen und den Menschen hier bleibt lediglich der Rest, das was für uns Müll wäre."

"Etwa 20 Erwachsene sitzen im Halbkreis auf Decken auf dem Boden. Gegenüber sind drei kleine zusammen gezimmerte Hocker und ein Tisch aufgestellt. Wir werden sofort begrüßt, fast ehrfürchtig, aber mit einer besonderen Herzlichkeit. Die Menschen strahlen übers ganze Gesicht, manche sind ein bisschen schüchtern. Wir setzen uns auf die Holzhocker – vor meinen hat die Workshopgruppe ein Buch hingelegt, das 'Gästebuch'. Ich trage mich ein, beeindruckt von dem Stolz und der Freundlichkeit der Menschen hier. William, der Krankenpfleger des Hilfsprojektes, beginnt, auf Afrikanisch zu sprechen."

"Der Workshop ist zu Ende, ich gehe zu einem älteren Mann, der begeistert mitgemacht hat. Er hat gesungen, geklatscht, sich gemeldet. Er heißt Baluku Assasio, hat acht Kinder und ist 48 Jahre alt. Damit zählt er zu den alten Menschen in Uganda. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei etwa 50."

"Überall vor den Hütten spielen Kinder im Dreck. Die meisten haben zerrissene Klamotten an oder tragen sogar nur Lumpen. In Uganda bekommt jede Frau im Schnitt etwa sieben Kinder, die Bevölkerung hat sich in den letzten 25 Jahren mehr als verdoppelt. Hier auf dem Land fällt das besonders auf. Manche Kinder verfolgen uns oder stehen am Wegesrand und bestaunen uns."

"Nach einer Dreiviertelstunde kommen wir in Kasese an. Wir steigen aus dem Auto aus und werden sofort angesprochen, man möchte uns irgendwas verkaufen. Wir gehen durch die Stadt. Die Häuser sind einstöckig, viele sind mit bunter Werbung bemalt. Vor jedem Haus wird irgendetwas verkauft, überall ist Musik zu hören, viele Menschen wuseln hier rum – es ist heiß! Ziemlich genauso habe ich mir eine afrikanische Stadt vorgestellt."

"Dann stehen wir vor einem kleinen Geschäft. Direkt vor dem Eingang sind zwei große Boxen aufgestellt, die den kompletten Straßenzug beschallen. Drinnen sitzt Afan, er ist der Besitzer des kleinen Musikgeschäftes. Afan ist 27 Jahre alt und sehr gut gekleidet. Die Freiwilligen vom Hilfsprojekt 'Schenke eine Ziege' kennen ihn alle. Er umgibt sich gerne mit ihnen. Afan arbeitet ehrenamtlich in einer Organisation, die sich um die Jugendlichen in Kasese kümmert. Ich unterhalte mich intensiv mit ihm, er spricht über die Jugendlichen, die zu viel trinken und Drogen nehmen. Dabei geht es immer wieder um das Thema HIV. Wir sind hier in einer der Regionen mit den meisten HIV-positiven Menschen in Uganda."